
Ohne Hilfe sind Geburten oft lebensgefährlich – für Mutter und Kind. In früheren Zeiten starben ungezählte Frauen und ihre Babys während der Geburt oder im Wochenbett.
Dass die Überlebenschancen heute deutlich besser sind, verdanken wir auch Hebammen. Seit Tausenden Jahren kümmern sie sich um die Gesundheit von schwangeren Frauen und jungen Müttern. Die moderne Medizin führte zu erheblichen Verbesserungen in der Geburtshilfe – und dazu, dass Männer den Hebammen ihren Platz bei der Geburt streitig machten.
Geburtshilfe gibt es seit Tausenden Jahren
Schon in der Antike haben Frauen bei der Geburt assistiert. Doch bis daraus der Beruf wurde, den wir heute kennen, war es ein weiter Weg, sagt die Medizinhistorikerin Nadine Metzger. Die ältesten bekannten medizinischen Schriften zur Geburtshilfe stammen aus dem vierten Jahrhundert vor Christus. In einer der Schriften benutzt Aristoteles den Begriff Mekonium. Er schreibt, dass Frauen so den ersten Stuhl eines Neugeborenen nennen – bis heute ist der Begriff in Gebrauch.
In den alten Schriften sieht Metzger auch bereits die Anlage für den Geschlechterkonflikt um die Geburtshilfe, der viele Jahrhunderte später noch andauern sollte: „Wissen, das eigentlich zwischen Frauen weitergegeben wurde, die die Geburtshilfe gemacht haben, gelangt zu männlichen Ärzten, die das dann aufschreiben.“
Hebammen haben ihr Wissen nämlich lange nur mündlich aneinander weitergeben, sagt die Medizinhistorikerin. Erst im 18. Jahrhundert wurde es langsam üblich, dass Hebammen lesen und schreiben konnten. Hebammen hatten zudem keinen guten Stand in der Gesellschaft. Sie kamen meist aus niedrigen sozialen Schichten und übten die Geburtshilfe nur nebenbei aus.
Seit 2020 gilt: Wer Hebamme werden will, muss studieren - ein weiterer wichtiger Schritt für die Anerkennung des Berufs. Nicola H. Bauer, Professorin für Hebammenwissenschaft, betont, dass die Qualifikation von nicht-studierten Hebammen dadurch nicht in Frage stünde - diese hätten schließlich „eine wahnsinnige Berufserfahrung und leiten auch die Hebammenstudierenden an“.
Ärzte und Hebammen: Kampf um Macht und Geld
Die Konflikte zwischen Ärzten und Hebammen haben eine lange Geschichte. Es begann damit, dass männliche Heiltätige anfingen, Bücher über Geburtshilfe zu verfassen, sagt Medizinhistorikern Metzger. Schon vor 500 Jahren hätten Männer Hebammen in den Schriften als unwissend, dumm und gefährlich stigmatisiert.
Im späten 17. Jahrhundert habe sich der Konflikt dann zugespitzt: Männliche Ärzte fingen an, die Geburtshilfe als einträgliches Geschäft wahrzunehmen. Die Hebammen stellten eine Konkurrenz dar. Doch es war ein ungleicher Kampf. Denn die Ärzte hatten eine entscheidende technische Entwicklung auf ihrer Seite: die Geburtszange. Damit konnten sie etwas, was die Hebammen nicht konnten: Komplizierte Geburten, die ins Stocken gerieten, zu einem guten Ende bringen. Hebammen durften die Zange nicht benutzen, ihre Tätigkeit war damals schließlich nicht einmal als Beruf anerkannt.
Gleichzeitig wurde die Arbeit der Hebammen kontrolliert – von männlichen Ärzten: Im 16. Jahrhundert mussten Hebammen einen Eid vor einem Ärztegremium leisten, erzählt Medizinhistorikerin Metzger. Als logischer nächster Schritt folgte dann eine Prüfung, die Hebammen vor eben jenen Ärzten ablegen mussten.
Der zweite fachliche Trumpf der Ärzte war ihr Wissen um die Anatomie. Ärzte forschten im 19. Jahrhundert an Leichen und wussten deshalb sehr genau, wie es im weiblichen Unterleib aussieht. Den entscheidenden Grund für die starke Dominanz der Ärzte gegenüber den Hebammen sieht die Medizinhistorikerin aber woanders: Es sei primär um soziale Kriterien gegangen. Gerade im aufstrebenden Bürgertum hätten Menschen sich für Ärzte entschieden, um ihren Status zu untermauern.
Klare Hierarchie im Kreißsaal
Für die Zusammenarbeit im Kreißsaal war eine klare Hierarchie etabliert: Hebammen seien mit dem Ziel ausgebildet worden, dem Arzt gegenüber gehorsam zu sein, sagt Metzger. Während Hebammen im 17. und 18. Jahrhundert auch Lehrbücher geschrieben hätten, seien sie danach im Diskurs verstummt.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gerieten Hebammen weiter unter Druck. Narkosemittel und andere medizinische Fortschritte machten den Kaiserschnitt möglich. Geburten fanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr und mehr in Kliniken statt, die Hebammen kämpften vor allem in Städten um ihr wirtschaftliches Überleben.
Geburtshäuser als Ort der Selbstbestimmung
Eine große Stärkung erfuhr der Berufsstand ausgerechnet durch die Nationalsozialisten, denn das NS-Regime spannte die Hebammen als Hüterinnen ihres arischen Bevölkerungsprogramms ein. Bei jeder Geburt musste fortan eine Hebamme dabei sein. Diese Hinzuziehungspflicht besteht bis heute - sie stärkte den Berufsstand massiv. Doch das Motiv der Nazis dahinter war ein anderes: Hebammen mussten zum Beispiel berichten, wenn Kinder mit Fehlbildungen oder Behinderungen geboren wurden, erklärt Professorin und Hebamme Nicola H. Bauer.
Nach dem Krieg hatten die Hebammen durch die Hinzuziehungspflicht nun ihren festen Platz. Doch ihre Arbeit wurde mehr und mehr durch den rigiden Takt der Krankenhäuser bestimmt, Entbindungen aus pragmatischen Gründen immer mehr standardisiert. In den 1970er-Jahren spricht man von der programmierten Geburt. Geburten sollen so besser zu den Dienstplänen passen, Ressourcen optimal genutzt werden.
In den 1970er- und 1980er-Jahren entstand dann eine Gegenbewegung: 1987 gründeten Frauen in Berlin-Charlottenburg das erste Geburtshaus, in dem nur Hebammen und keine Ärzte tätig waren. In der klinischen Geburtshilfe beäugte man die neue Konkurrenz kritisch. Günter Kindermann, damaliger Leiter der Universitätsfrauenklinik Berlin-Charlottenburg, warnte vor dem “Abenteuer Geburtshaus”.
In Geburtshäusern herrschte eine andere Atmosphäre als in den Kreissälen der Krankenhäuser. Die Geburten richteten sich nach den Bedürfnissen der Frauen. Sie durften selbst entscheiden, ob sie noch einmal aufstehen, zur Toilette gehen, etwas essen oder trinken wollten. Sie wurden eins zu eins von einer Hebamme betreut, während sich in Krankenhäusern Hebammen um mehrere Geburten gleichzeitig kümmerten. Die Hebammen ließen den Gebärenden mehr Raum, nahmen sich zurück und griffen nur ein, wenn es nötig war. Dieses Konzept besteht in Geburtshäusern bis heute.
Ärzte und Hebammen: eine bereichernde Kooperation
Die Spannung zwischen Ärzten und Hebammen ist bis heute spürbar. Im Großen und Ganzen hat sich dennoch eine gute Kooperation eingestellt. In der Zeit vor und nach der Geburt geschieht das durch die Zusammenarbeit mit niedergelassenen Gynäkologinnen. Während der Geburt bildet das Krankenhaus eine Struktur für Notfälle, sagt Nicola H. Bauer.
Es sei daher gut, dass Medizinstudierende und Hebammenstudierende schon früh im Studium zusammenkommen. "Je eher zwei Berufsgruppen im Werden miteinander zu tun haben, desto eher erkennen sie sich später gegenseitig an oder haben Verständnis füreinander.”















