Freitag, 01. März 2024

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Heinrich Breloer wird 80
Der Mann, der das Dokudrama erfand

Der Filmemacher Heinrich Breloer hat deutsche Zeitgeschichte ins Fernsehen gebracht – und dafür das Dokudrama erfunden. Heute sind Mischformate aus Recherche und fiktionalen Elementen weit verbreitet - sogar auf Instagram.

Text: Annika Schneider / Michael Souvignier im Gespräch mit Sebastian Wellendorf | 17.02.2022
Filmpremiere Brecht von Heinrich Breloer in Wien, Votiv Kino 13 02 2019
Um Zeitgeschichte zu erzählen, kombinierte der Filmemacher Heinrich Breleur Elemente des Dokumentarfilms mit Spielfilmszenen (imago images/Viennareport)
„Wo er filmt, ist Deutschland“: So beschrieb ein Journalist einmal, was den Filmemacher Heinrich Breloer bei seinem Schaffen umtreibt. In seinen Filmen setzt er sich mit seinem Leben und der deutschen Geschichte auseinander – bis heute.

Jugend im Internat als Inspiration

Schon seine Kindheit bot Stoff fürs Fernsehen: Geboren am 17. Februar 1942 in Gelsenkirchen, verbrachte Breloer seine Schulzeit in einem strengen katholischen Internat. Später verarbeitete er seine Erlebnisse im 1987 veröffentlichten Zweiteiler „Die geschlossene Gesellschaft“.
Breloers Eltern waren Hoteliers, und durch dieses Hotel lernte er früh die Welt des Films kennen. Im nahegelegenen Marl kamen während der Ruhrfestspiele viele wichtige Akteure der Filmszene zusammen. In seinem Internat hätte das Kino hingegen – abgesehen von katholischen Filmen – als anrüchig gegolten, erzählte Breloer zu seinem 80. Geburststag in Deutschlandfunk Kultur . Ihn hätten die Filme geprägt, in die er sich heimlich geschlichen habe. „Und wenn ich alle vier Wochen mal nach Hause durfte, war ich schon am Nachmittag um 18 Uhr zweimal im Kino gewesen.“

Zeitzeugenberichte vermischt mit Spielfilmszenen

Er hätte nie gedacht, dass er selbst einmal in der Filmbranche arbeiten werde. Tatsächlich wurde Breloer zu einer Ikone des Fernsehens in der Bundesrepublik. Die deutsche Zeitgeschichte wurde sein Thema, nacherzählt mit einem eigens erfunden Format: einer Mischung aus Zeitzeugenberichten, historischer Recherche und Dramatisierungen. In seinem Werk verschwammen Dokumentation und Fiktion, Dokumentar- und Spielfilm – das Dokudrama war geboren.
„Er hat sich total an die dokumentarischen Regeln gehalten und die übertragen in den Spielfilm“, erklärte der Kölner Filmproduzent Michael Souvignier zum Geburtstag im Deutschlandfunk. Auch Breloers Spielszenen mit Schauspielerinnen und Schauspielern seien dem Dokumentarischen immer untergeordnet gewesen. „Er hat das in einer präzisen und unglaublichen Vervollkommung dargestellt, indem man manchmal gar nicht mehr richtig unterscheiden kann, was ist Dokumentation und was ist eigentlich Spielfilm.“

Nachdenken statt "Glotzen"

Breloer machte Filme über den Deutschen Herbst und die Manns, über die Buddenbrooks und Bertolt Brecht. Achtmal erhielt der Filmemacher den Grimmepreis verliehen. „Was ihn ein Leben lang immer wieder interessierte, das waren verschlossene Hinterzimmer, also die Geschichte hinter der Geschichte, auch so etwas wie ein gesammeltes Schweigen“, sagte die Kultur- und Medienjournalistin Antje Allroggen im Dlf . Seine Filme seien immer ein Stück Zeitanalyse, mit dem Anliegen, Geschichte für die Zuschauerinnen und Zuschauer erlebbar zu machen.
Szene aus dem Fernsehfilm "Todesspiel": Der Entführer steht mitten in der vollbesetzten Passagierkabine der "Landhut".
Im Dokudrama "Todesspiel" schilderte Heinrich Breloer die Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" (picture-alliance / WDR)
Breloer selber definierte seine Arbeit einmal so: „Ich arbeite am deutschen Narrativ. Ich erzähle Geschichten, wie ich sie recherchiert habe. Ich drehe die Recherche gleich mit, sodass jeder sehen kann, woher das kommt, und bringe dann die Szenen.“ Er wolle den Zuschauer zum Nachdenken und kritischen Betrachten bewegen und nicht nur zum „Glotzen“, sagte er im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur.
Sein Werk legte den Grundstein für ein ganzes Genre: Das von ihm erfundene Dokudrama ist heute weit verbreitet. Auf Streaming-Plattformen finden sich unzählige Beispiele, und selbst für Netzwerke wie Instagram wird Zeitgeschichte inzwischen dramaturgisch aufbereitet, etwa in einem Projekt vom SWR und BR, das in Echtzeit Erlebnisse aus dem Leben von Sophie Scholl nacherzählt.

Breloer: "Manche wollten Hinrichtungsfernsehen"

Aber es gibt auch immer wieder Kritik an dem Genre, beispielsweise an Breloers Dokudrama „Speer und er“ aus dem Jahr 2004. Breloer war dem Hitler-Architekten Alfred Speer noch kurz vor dessen Tod persönlich begegnet und sagte selber, das Gespräch am Telefon mit ihm habe ihn eingewickelt. Daraufhin kritisierte der Zeithistoriker Wolfgang Benz, Breloer habe sich zu sehr auf die Perspektive Speers eingelassen.
Der Zuschauer sei erwachsen genug, findet hingegen Filmemacher Souvignier. Und Breloer erwiderte die Kritik an seiner Arbeit einmal so: „Manchmal hat die Kritik wie bei 'Speer und er' bemängelt, dass ich nicht den Speer schneller hingerichtet hätte, sondern dass ich ein suchendes Fernsehen gehabt habe, wo ich mit den Zuschauern auf die Reise gehe. Manche wollten da eher ein Hinrichtungsfernsehen.“

Neues Projekt in Planung

Heute wären aufwendige Dokumentationen wie von Breloer kaum noch denkbar, so Antje Allroggen. „Da konnte Breloer die Gunst der Stunde richtig nutzen, als die Öffentlich-Rechtlichen noch Budgets hatten für Menschen wie ihn, die anfangs einfach eine Idee hatten, deren Umsetzung dann Jahre dauerte und unglaublich viel Geld verschlang.“ Trotzdem: Heinrich Breloer arbeitet gerade an einem neuen Projekt zur deutschen Zeitgeschichte, von dem er bisher nur den Arbeitstitel verraten hat: „Mantel des Schweigens“.
Am 17. Februar, seinem 80. Geburtstag, dürfte die Arbeit hingegen ruhen. Das Jubiläum feiert er ganz bescheiden mit wenigen Gästen. „Wenn Überraschungsgäste kommen, die nicht mehr reinpassen, dann rufe ich oben aus dem Fenster: ‚Stellt die Geschenke in den Fahrstuhl und ich fahre sie hoch!‘“, scherzte Breloer am Vorabend. Man könne sich dann von der Haustür aus zuprosten.