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StartseiteKalenderblattVerse zur deutschen Identität 17.09.2019

Heinrich Heines WintermärchenVerse zur deutschen Identität

Was ist eigentlich typisch deutsch? Eine der unterhaltsamsten Antworten gab vor 175 Jahren ein Dichter der deutschen Romantik – und zwar ausgerechnet aus dem Exil in Frankreich: Heinrich Heine in seinem Versepos „Deutschland. Ein Wintermärchen.“

Von Christoph Schmitz-Scholemann

Ein aufgeschlagenes Exemplar im Faksimiledruck der ersten, 1844 erschienenen Einzelausgabe von "Deutschland - Ein Wintermärchen" des Schriftstellers Heinrich Heine, gezeigt auf einem Schrifstellerkongress im Februar 1956 in Berlin. (picture-alliance/ dpa)
Ein aufgeschlagenes Exemplar im Faksimiledruck der ersten, 1844 erschienenen Einzelausgabe von "Deutschland - Ein Wintermärchen" des Schriftstellers Heinrich Heine. (picture-alliance/ dpa)
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"Im traurigen Monat November war’s; Die Tage wurden trüber, Der Wind riß von den Bäumen das Laub, Da reist‘ ich nach Deutschland hinüber …

Und als ich die deutsche Sprache vernahm, Da ward mir seltsam zumute: Ich meinte nicht anders, als ob das Herz Recht angenehm verblute"

Spott über preußische Beamte

"Deutschland. Ein Wintermärchen" heißt die Gedichtsammlung, an deren Anfang diese Verse stehen. Ihr Schöpfer Heinrich Heine war 1797 in Düsseldorf geboren, hatte Jura studiert, aufgrund seiner jüdischen Herkunft jedoch keine staatliche Anstellung bekommen. Mit romantischen Versen wurde er rasch populär. Auch für seinen Spott war er berühmt, zum Beispiel über preußische Beamte:

 "Noch immer das hölzern pedantische Volk,
Noch immer ein rechter Winkel
In jeder Bewegung, und im Gesicht
Der eingefrorene Dünkel"

Freiheit, soziale Gerechtigkeit, Lebensgenuss und Schönheit gehörten für Heine zusammen. Das brachte ihn politisch zwischen alle Stühle: Weil er gegen Obrigkeiten kein Blatt vor den Mund nahm, bedrängte ihn die staatliche Zensur, weil er ein Jude war, hassten ihn die Nationalisten, und weil er ein glühender Patriot war, verachteten ihn die radikaldemokratischen Revolutionäre – für Heine, so schien es, war in seinem Vaterland kein Platz.

Gutes Leben in Frankreich

1831 ging er nach Paris und schloss sich den Saint-Simonisten an: Sie träumten von gewaltfreier Revolution und von einer Gesellschaft, in der jeder satt und glücklich werden sollte. Im "Wintermärchen" schrieb Heine:

"Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen."

In Frankreich ließ es sich Heine gut gehen. Ein Onkel aus Hamburg unterstützte ihn und die Schriftstellerei rentierte sich nicht schlecht. Nach einigen Jahren lernte Heine eine hübsche Schuhverkäuferin namens Mathilde kennen, die Kanarienvögel liebte, ungern kochte und von seiner Schriftstellerei eine eigene Meinung hatte:

"Heinrich ist ein netter Kerl, aber was seinen Verstand betrifft – nein, so richtig helle ist er nicht."

Reise nach Hamburg inspiriert zum gereimten Tagebuch

Trotz derart günstiger Umstände litt der Dichter unter Heimweh. 1843 beschloss er, seine Mutter in Hamburg zu besuchen. Die Reise war nicht ungefährlich – viele von Heines Werken waren in Deutschland verboten. Trotzdem setzte er sich im November in die Kutsche nach Hamburg.

"Und als ich zu meiner Frau Mutter kam,
Erschrak sie fast vor Freude:
Sie rief: ‚Mein liebes Kind!‘ und schlug
Zusammen die Hände beide."

Von Hamburg aus, wo Heine auch seinen treuen Verleger traf, ging die Reise bald zurück über den Harz, Paderborn, Hamm, Köln und Aachen nach Paris. Die Idee, aus der Reise ein gereimtes Tagebuch zu machen, faszinierte ihn: So konnte er seinen Heimatgefühlen und seiner Kritik gleichermaßen freien Lauf lassen, zum Beispiel unter dem Vorwand der Beschreibung von Essensgebräuchen:

"Gestovte Kastanien im grünen Kohl!
So aß ich sie einst bei der Mutter!
Ihr heimischen Stockfische, seid mir gegrüßt!
Wie schwimmt ihr klug in der Butter! …

Auch einen Schweinskopf trug man auf
In einer zinnernen Schüssel;
Noch immer schmückt man den Schweinen bei uns
Mit Lorbeerblättern den Rüssel."

Vaterländisches Bekenntnis

Im Januar 1844 schrieb Heine das "Wintermärchen" fertig, musste aber mit Rücksicht auf Zensur und Verleger allerhand umarbeiten. Im Vorwort zu seiner Verssammlung, das er am 17. September verfasste, wandte sich Heine direkt an seine Zensoren und überraschte sie mit einem vaterländischen Bekenntnis:

"Beruhigt euch, ich liebe das Vaterland ebenso sehr wie Ihr …. Pflanzt die schwarzrotgoldne Fahne auf die Höhe des deutschen Gedankens, macht sie zur Standarte des freien Menschtums, und ich will mein bestes Herzblut für sie hingeben."

Heinrich Heine starb 1856. Die Mischung aus Witz, Melancholie und Freiheitslust, mit der er auf sein Vaterland schaute, macht das "Wintermärchen" bis heute zu einem der lebendigsten Gedichtbücher deutscher Sprache.

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