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StartseiteKalenderblattWürzburger Juden: Erst gleichgestellt, dann vertrieben02.08.2019

Hep-Hep-Unruhen vor 200 JahrenWürzburger Juden: Erst gleichgestellt, dann vertrieben

Der Ausruf "Hep Hep" wirkt auf den ersten Blick eher fröhlich und unverdächtig. Dahinter steckt aber ein ernster Anlass. Im Sommer 1819 entlud sich der Unmut über die wirtschaftlich schlechte Lage und über die bürgerliche Gleichstellung der Juden in Würzburg in tagelangen Unruhen.

Von Gunnar Lammert-Türk

Blick von der Festung Marienburg auf Würzburg, Fluss Main, Alte Mainbrücke, (dpa / picture alliance / imageBroker / Werner Dieterich)
Viele Juden flohen 1819 aus Würzburg als Folge der sogenannten "Hep-Hep-Unruhen" (dpa / picture alliance / imageBroker / Werner Dieterich)
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"Ein Königlicher Prinz rief dem Knaben Felix Mendelssohn auf der Straße lachend ‚Hep Hep‘ entgegen. Es war nicht alles böse gemeint, manche der Schreier hätten nötigenfalls, wäre es weiter gegangen, den Juden sogar Beistand geleistet."

Diesen Vorfall im Spätsommer 1819 in Berlin beschrieb der Diplomat Karl August Varnhagen von Ense in seinen Lebenserinnerungen. Das zehnjährige musikalische Wunderkind Felix Mendelssohn kam mit dem Schrecken davon. Andernorts lehrte der Ruf "Hep Hep" die Juden das Fürchten. Vor allem in Würzburg. Am Abend des 2. August 1819 begannen dort schwere Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung. Im "Frankfurter Journal" hieß es darüber fünf Tage später:

"Große Volksmassen stürmten die Häuser der hiesigen Juden; rissen unter wildem Geschrei ihre Aushängeschilder und Handlungsfirmen herunter, zertrümmerten solche, warfen Thüren und Fenster und Läden ein, und da sich mehrere Juden zur Wehre setzten, so wurden sie durch Prügel sehr misshandelt."

Gemälde von Felix Mendelssohn-Bartholdy  (dpa / picture alliance / akg-images )Felix Mendelssohn-Bartholdy erlebte als Jugendlicher die sogenannten Hep-Hep-Unruhen mit (dpa / picture alliance / akg-images )

Besserstellung jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger sorgte für Unmut

Der Anlass für den Gewaltausbruch lag in der Besserstellung der Juden von Würzburg. Sie betraf ihr Recht auf Niederlassung, zum Erwerb von Häusern und Grundstücken und zur Ausübung von Gewerbe und Handel. Erst vor wenigen Jahren war ihnen diese Besserstellung gewährt worden, unter dem Einfluss der französischen Besatzung. Die hatte in den betroffenen deutschen Gebieten - durch die auferlegten hohen Zwangsabgaben und Maßnahmen des Handelskrieges unter der Kontinentalsperre Napoleons - ernste wirtschaftliche Probleme verursacht, wie der Historiker Thomas Brechenmacher erläutert:

"Das Handwerk als eine wirklich tragende Form der bisherigen Wirtschaft zeigte absolute Krisenerscheinungen. Eine große Schar von Handwerksgesellen vor allem wurde arbeitslos.
Wir stellen also fest eine Verarmung breiter Schichten der Gesellschaften. In dieser Zeit beginnen dann auch schon große Auswanderungswellen nach Übersee."

Auch der Untergang der vorigen politischen Ordnung sorgte für Irritation. Die jahrhundertealte Bischofsherrschaft über Würzburg gab es nicht mehr. Das seit dem 17. Jahrhundert geltende Ansiedlungsverbot für Juden wurde aufgehoben. So kamen sie: Die Gutgestellten drängten ins Geldgeschäft und den Großhandel. Die Ärmeren in den Kleinhandel.

Von Würzburger Händlern und Handwerkern befördert, angeheizt von Hetzschriften und Hetzern, brach sich der Unmut darüber Bahn. In der Zeitung stand zu lesen:

"Nun flüchteten die Juden in Schaaren zur Stadt hinaus, was einen erschütternden Anblick gewährte, indem man sich von dem Heulen und Wehklagen derselben auf ihrer Flucht kaum einen Begriff machen kann."

Der Mob tobte tagelang

Unter den Hep-Hep-Rufen, in Franken bislang zum Treiben von Vieh gebräuchlich, tobte der Mob tagelang. In Würzburg waren die Ausschreitungen am schlimmsten. Aber auch andernorts in Bayern, Baden und Hessen, in Frankfurt am Main und Hamburg kam es zu Gewalt gegen Juden. Weniger stark in Danzig und Berlin. Erst zögerlich, dann deutlich schritt die Obrigkeit ein. Sie fürchtete hinter dem Tumult revolutionäre Umtriebe von Vertretern der deutschen Nationalbewegung. Die waren durchaus anfällig für antijüdische Motive. Zwar stritten sie für den damals neuen National- und Bürgerstaat, aber die damit verbundenen Bürgerrechte wollten den Juden nur wenige gewähren. Zumindest nicht gleich.

Der Impuls aus Frankreich sah anders aus:

"Die Französische Revolution ging davon aus, dass es ein allgemeines gleiches Menschenrecht gibt und dass dieses Menschenrecht immer für alle sofort gilt, ohne dass ich dazu weitere Politik machen müsste oder ohne dass jemand erzogen werden müsste. Dieser vernunftgeprägte, aufklärungsgeleitete Gedanke wurde dann von vielen Theoretikern, auch der deutschen Nationalbewegung, eben massiv zurückgewiesen."

Aufhebung der vollen Gleichstellung der Juden in Würzburg

Und die unter der französischen Besatzung verfügte volle Gleichstellung der Juden wurde wieder zurückgenommen. Abraham Mendelssohn, dessen Sohn Felix in Berlin das gefürchtete "Hep Hep" zugerufen worden war, ließ sich drei Jahre nach den Unruhen mit seiner Frau evangelisch taufen. Einer seiner Bekannten, der Rechtsphilosoph Eduard Gans, gründete am 7. November 1819 den Verein für Kultur und Wissenschaft des Judentums. Sein Ziel: das Judentum zu modernisieren, damit es Aufnahme fände in den Kreis der europäischen Völker.

In den "Hep-Hep-Unruhen" sah Gans nur die, wenn auch schmerzlichen, Geburtswehen eines unaufhaltsamen Prozesses der Vereinigung aller Schichten und Stände in Europa. Eine zu optimistische Sicht, wie sich später herausstellen sollte.

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