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StartseiteUmwelt und VerbraucherHeute bereits an übermorgen denken23.01.2013

Heute bereits an übermorgen denken

Das Vorsorgeprinzip im globalen Klimaschutz

Effektiver Klimaschutz braucht einen langen Vorlauf. Warum es schwierig, aber nicht aussichtslos ist, die richtigen Lehren aus dieser einfachen Erkenntnis zu ziehen, erläutert Hartmut Graßl. Der Klimaforscher ist Mitautor des Berichts "Late Lessons from Early Warnings", den die Europäische Umweltagentur heute in Brüssel vorstellt.

Hartmut Graßl im Gespräch mit Christian Bremkamp

Hartmut Graßl warnte schon frühzeitig vor dem Klimawandel. (WBGU)
Hartmut Graßl warnte schon frühzeitig vor dem Klimawandel. (WBGU)
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Europäische Umweltagentur

Christian Bremkamp: In Brüssel stellt die Europäische Umweltagentur heute ihren Bericht "Late Lessons from Early Warnings" vor, ein dicker Wälzer, in dem es vor allem um eines geht: die Erkenntnis nämlich, dass wer rechtzeitig handelt, am Ende besser dasteht. Problem erkannt, Problem gebannt – eigentlich eine Binsenweisheit, die aber gerade beim Umweltschutz nicht immer Anwendung findet. Da liegt vieles weiter im Argen, obwohl die teils dramatischen Folgen längst bekannt sind.
Professor Hartmut Graßl ist renommierter Klimaforscher und Mitautor dieses neuen Reports. Herr Graßl, vom Auto bis zur Rente, überall wird uns eingebläut, Vorsorge zu treffen. Warum ist und bleibt das zum Beispiel beim Klimaschutz so schwierig?

Hartmut Graßl: Weil es dabei nicht um uns persönlich geht, sondern um die Generationen nach uns und vor allem um diejenigen, die stärker von den Klimaänderungen betroffen sind als wir hier. Das ist der Hauptgrund, warum das alles so fern liegt und niemand heute etwas entscheiden will. Und dann muss man noch dazu sagen: Die sichtbaren Klimaänderungen sind ja nur ein Teil dessen, was wir schon verursacht haben. Auch wenn wir heute die Emissionen vollkommen stoppen könnten, würde die Klimaerwärmung noch über Jahrzehnte weitergehen.

Bremkamp: Geredet wird seit Jahren, weitreichende Entscheidungen lassen aber weiter auf sich warten. Muss man beim Thema globaler Klimaschutz vielleicht einen komplett anderen Ansatz wählen als bisher?

Graßl: Das wird sehr häufig gefragt, aber die Antwort von mir lautet: nein. Wie wollen Sie ein globales Problem mit Teilstrategien lösen? Wenn Sie das zum Beispiel nicht den Vereinten Nationen, sondern G8 überlassen, dann provoziert das bei den Schwellenländern lauter Trittbrettfahrer. Nur eine global koordinierte Politik mit Vorreitern – die braucht man immer – kann das Ganze lösen. Die Energiewende zum Beispiel in Deutschland ist so ein Vorreiter-Experiment.

Bremkamp: Haben Sie denn vielleicht trotzdem eine Idee, wie man das Ganze beschleunigen könnte?

Graßl: Ja, die habe ich schon, und das Beispiel, das wir dabei nehmen könnten, ist die Europäische Union. Sie ist das größte Friedensprojekt und Vorbild dafür, dass man etwas Souveränität an eine internationale Institution abgibt und dann die Richtlinien aus Brüssel zum Beispiel in nationales Recht überführt. Aber die großen Schwellenländer und die Weltmächte oder diejenigen, die sich für solche halten, wollen absolut keine Souveränität aufgeben. Wir müssten – das hat schon vor 50 Jahren Carl-Friedrich von Weizsäcker gefordert – Weltinnenpolitik betreiben bei solchen globalen Problemen, und in die Richtung kommen wir nur ganz langsam und zäh voran. Aber ich sehe keine Chance, dies anders zu machen. Sie müssen alle dabei haben. Stellen Sie sich vor, wir hätten keinerlei Vertragsstaatenkonferenzen zur Klimarahmenkonvention – das Thema würde völlig untergehen. Wir brauchen dieses immer wieder Aufmischen und Diskutieren, und inzwischen ist ja sogar ein großes Abkommen in der Pipeline. Ich denke, da wird es wie immer am Ende der Debatte in den letzten zwei, drei Stunden massive Bewegungen geben, und dann wird irgendein Land sagen, das müssen wir jetzt durchhauen, so wie in Doha, und dann sagt der Sitzungsleiter, so habe ich es beschlossen. Das darf er eigentlich gar nicht sagen: ich habe es beschlossen; er hätte sagen müssen, so beschlossen, und trotzdem ist der Fahrplan für das neue Abkommen jetzt fertiggestellt.

Bremkamp: Sie sind also eher optimistisch, wenn ich Sie richtig verstehe?

Graßl: Ja, ich bin nicht so pessimistisch wie viele, denn Sie müssen bedenken, dass ein Land wie das unsere, das 1990 noch ein Viertel mehr emittiert hat als heute, bei 28 Prozent Wirtschaftswachstum insgesamt seit dieser Zeit doch gut dasteht. Es sind doch diejenigen, die sich bewegen, nicht diejenigen, die verlieren, wie die meisten so behaupten. Ich glaube auch, dass unsere Regierung das schon weiß, dass das auch für die Wirtschaft der Bundesrepublik Deutschland gut ist, wenn man auf dem Sektor Energiewende den Vorreiter macht.

Bremkamp: Nun gab es Zeiten, da spekulierten Umweltschützer darauf, dass sich das Problem der Treibhausgase über kurz oder lang selbst erledigen wird, weil es einfach kein Öl mehr gibt. Das sieht ob des umstrittenen Frackings nun wieder ganz anders aus. Die USA streben gar eine Energieunabhängigkeit an. Wie sollte diese Entwicklung berücksichtigt werden beziehungsweise die Tatsache, dass offenbar immer wieder neue Wege gefunden werden, um an begehrte Energieträger/Rohstoffe heranzukommen?

Graßl: Generell heißt ja effektiver Klimaschutz, dass man die fossilen Brennstoffe in der Erde lassen muss. Wir haben von den gesamten Vorräten, die es gibt, nur etwa zehn Prozent bisher aus der Erde geholt. Wenn Sie also das durchsetzen wollen, dann müssen Sie eine Teilenteignung der diese Brennstoffe Besitzenden durchführen. Das ist eine extrem schwierige Aufgabe und an dem hängt es doch im Wesentlichen, dass man so langsam vorankommt. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten, dies zu umgehen. Erstens: Man könnte, wie das auch in Deutschland, aber auch in anderen Ländern zum Teil schon getan worden ist, internalisieren. Das heißt, die Umweltkosten auf die Preise für die fossilen Brennstoffe laden. Bei uns heißt das Energiesteuer oder Ökosteuer. Die Norweger haben eine Kohlendioxid-Steuer. Wenn man das macht, dann schafft man größere Räume für die erneuerbaren. Wenn man diese dann, so wie man früher die fossilen gefördert hat, jetzt die erneuerbaren fördert, wird der Preisunterschied für die Kilowattstunde Energie von beiden, von den fossilen und den erneuerbaren, stark schrumpfen und in wenigen Jahren könnten die erneuerbaren übernehmen. Das sehen wir ja im eigenen Land bereits, dass inzwischen der Strom aus der Steckdose für denjenigen, der eine neue Fotovoltaikanlage sich aufs Dach setzt, schon teurer ist als der von ihm produzierte Strom, weil seine Einspeisevergütung schon auf etwa 18 Euro-Cent pro Kilowattstunde gesunken ist. Also ist er doch blöd, wenn er es einspeist, sondern er nützt es, wenn es geht, selbst und er wird sich sogar demnächst die Speichermöglichkeiten, wenn das noch weniger Unterstützung erfährt, im eigenen Keller organisieren. So kann man die Energiewende auch vorantreiben, und der Preis für die erneuerbaren Energien ist der entscheidende Punkt. Zunächst wird er gestützt, dann muss er von selbst niedriger sein als das, was man bei den fossilen bezahlen muss. Und das Fracking, dieser Hype, der jetzt in den USA Platz greift, ist ja etwas, was höhere Gestehungskosten verursacht beim Öl, viel höhere als das, was Saudi-Arabien als Gestehungskosten hat. Also so einfach ist das nicht mit dem Fracking, wie das jetzt so in den Medien typischerweise dargestellt wird.

Bremkamp: Der Klimaforscher und Mitautor der neuen Studie "Late Lessons from Early Warnings", Professor Hartmut Graßl, war das. Das Interview haben wir vor dieser Sendung aufgezeichnet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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