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StartseiteDeep ScienceStierkampf mit Fernsteuerung09.09.2021

HirnforschungStierkampf mit Fernsteuerung

Kann man aggressives Verhalten abschalten? Diese Frage treibt den Hirnforscher José Delgado seit den 50ern um. Er glaubt, eine Methode gefunden zu haben. Öffentlichkeitswirksam demonstriert der Spanier sie an einem Kampfstier.

Mit Sophie Stigler und Anneke Meyer

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In der Arena implantiert der Hirnchirurg José Delgado Elektroden ins Gehirn des Kampfstiers (Deutschlandradio / Yale University)
In der Arena implantiert der Hirnchirurg José Delgado Elektroden ins Gehirn des Kampfstiers (Deutschlandradio / Yale University)
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Ein Mann steigt in den Ring und stellt sich einem wütenden Stier. Statt mit Tuch und Degen ist der Matador mit einer Fernbedienung bewaffnet. Er will das Verhalten des Tiers auf Knopfdruck steuern: Elektroden im Hirn des Kampfstiers, die per Funk aktiviert werden können, sollen seine Wut bändigen.

Es ist das wohl berühmteste Experiment des Hirnforschers José Manuel Rodriguez Delgado. Mitte der 60er gingen die Bilder des Stierkampfes um die Welt. Es war nicht nur der dramatische Auftritt, der faszinierte, sondern auch die Botschaft, die dahintersteckte: Den Geist fremdzusteuern ist offenbar möglich.

Jose Delgado steht in einer Arena einem Stier gegenüber. In der Hand hält der Wissenschaftler eine Fernbedienung. (Yale Events and Activities Photographs (RU 690). Manuscripts and Archives, Yale University Libraiy.)Sein berühmtestes Experiment: Jose Delgado tritt gegen einen Kampfstier an, dessen Verhalten durch elektrische Stimulation ferngesteuert werden kann. (Yale Events and Activities Photographs (RU 690). Manuscripts and Archives, Yale University Libraiy.)

Fernsteuerung des Geistes als Chance

Eine Interpretation, die José Delgado durchaus unterstützte. In seiner Sicht war die Kontrolle des Geistes mehr Chance als Risiko. Er sah in der "elektrischen Hirnstimulation" großes Potential für die Therapie neurologischer Krankheiten wie Epilepsie, Schizophrenie und Depression. Die Idee war, das Gehirn durch wiederholtes Ausschalten einer unerwünschten Verhaltensweise dazu zu bringen, umzulernen und das Fehlverhalten damit abzulegen.

Delgados besonderes Interesse galt dabei der Aggression: Jahrgang 1915 hatte er als gebürtiger Spanier im Bürgerkrieg gekämpft. In zahlreichen Versuchen beobachtete er, wie sich aggressives Verhalten durch Hirnstimulation unterdrücken lässt, und welchen Einfluss das auf die Sozialstruktur einer Gruppe hat. Der Stier war dabei sein exotischstes Versuchstier. Die meisten seiner Untersuchungen machte er an Affen, einige auch mit menschlichen Patienten.

Ein aufgeschnittener Affenschädel. Auf der Unterseite des Schädeldeckels sieht man wie feine Drähte (Elektroden) im Knochen verankert sind.  (DLF / Stephanie Brück)Pionierarbeit: An diesem Schädel eines Versuchstiers aus Jose Delgados Labor in Yale, sieht man wie die ersten chronischen Hirnimplantate aussahen. (DLF / Stephanie Brück)

Moderne Methoden – umstrittene Ansichten

Methodisch war José Delgado seiner Zeit weit voraus. Auch wenn Geschichten wie die vom ferngesteuerten Stier heute vor allem absurd erscheinen, legte er den Grundstein für technische Entwicklungen, die inzwischen sowohl in der Hirnforschung als auch in der angewandten Medizin eine wichtige Rolle spielen. José Delgado war der erste, der chronisch implantierbare, drahtlose Elektroden entwickelte. Damit lieferte er die methodische Basis für tiefe Hirnstimulation die heutzutage ein anerkanntes Mittel ist, etwa um die Symptome von Parkinson zu mildern.

Delgado war auch der erste, der eine sogenannte Gehirn-Computer-Schnittstelle benutzte, um die Hirnaktivität eines Schimpansen durch eine Art Neurofeedback zu modulieren. Mit einer abgewandelten Form dieser Methode werden heute bestimmte Formen der Epilepsie behandelt. Trotz solcher Meilensteine ist José Delgados Beitrag zur Wissenschaft weitestgehend in Vergessenheit geraten. Wahrscheinlich eine Folge der kontroversen Ansichten, die Delgado vertrat.

Video: Dokumentarfilm von José Delgado zur Verhaltenskontrolle durch Elektrostimulation in Affen

Eine friedliche Gesellschaft durch Elektrostimulation?

Umstritten war die Arbeit José Delgados schon immer. Auch auf dem Höhepunkt seiner Karriere gab es in den Reihen seiner Kollegen zahlreiche kritische Stimmen. Seine Experimente waren sensationsheischend, kaum kontrolliert und konnten oft nicht wiederholt werden. Hinzu kam die ethische Dimension. Welches Verhalten ist "unerwünscht" und darf abgestellt werden? Wer entscheidet das? In dem 1969 erschienen Buch "Physical control of the mind – towards a psycho-civilized society" stellte Delgado einen detaillierten Plan vor, wie eine friedliche Gesellschaft durch internationale Zusammenarbeit, staatlich angeordnete Erziehungsprogramme und Elektrostimulation des Gehirns zu erreichen wäre.


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Ende der 50er-, Anfang der 1960er-Jahre, als er seinen Stier vorführte, war Mind-Control in den USA ein aktiver Forschungszweig im Rahmen der Politik des Kalten Krieges. Auch Delgados Forschung wurde vom Militär unterstützt. Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre dann waren Ideen, die Assoziationen von staatlicher Gehirnwäsche weckten, nicht mehr gesellschaftsfähig. José Delgado war für viele Kollegen nicht mehr tragbar. Bei seiner Rückkehr nach Spanien 1975 war der glanzvolle Teil seiner Karriere vorbei.

Der Wissenschaftler Jose Delgado aktiviert per Funk "Chemitroden", die er einem Rhesus-Affen implantiert hat.  (Yale Events and Activities Photographs (RU 690). Manuscripts and Archives, Yale University Libraiy.)Verhalten auf Knopfdruck: Mit seiner Forschung ging Jose Delgado an die Grenzen des Möglichen. Die perfekte Vorlage für Science-Fiction-Romane. (Yale Events and Activities Photographs (RU 690). Manuscripts and Archives, Yale University Libraiy.)

Der Podcast

In der wissenschaftlichen Literatur ist José Delgado heute nahezu vergessen. Aber in der Populärkultur hat er ein paar Denkmäler gesetzt bekommen. Der Romanautor Michael Crichton, ehemaliger Doktorand eines Kooperationspartners Delgados, verarbeitet in seinem Roman "The Terminal Man" viele von Delgados Ergebnissen und Technologien. Auch in der Neuverfilmung des Klassikers "The Manchurian Candidate" sind Referenzen an den Pionier der Hirnforschung versteckt.

Im Podcast zeichnen wir die Geschichte von José Delgados Forschungen noch einmal nach. Zusammen mit dem Verhaltensbiologen Raimund Apfelbach, der Ende der 1960er-Jahre bei José Delgado PostDoc war, und dem Neurowissenschaftler Peter Snyder, dessen Vater viele Jahre mit José Delgado zusammengearbeitet hat. Und der eines Tages unter einem Stapel T-Shirts eine alte Schachtel mit einem Film fand, auf dem Delgado sein berühmtes Stier-Experiment festgehalten hat.


Quellen:

José M. R. Delgado: "Gehirnschrittmacher: Direktinformation durch Elektroden"
Frankfurt (M.), Berlin: Ullstein, 1971
ISBN: 3550070241

Peter J. Snyder: "Delgado's Brave Bulls: The Marketing of a Seductive Idea and a Lesson for Contemporary Biomedical Research"
In: Science and the Media [Editor(s): Peter J. Snyder, Linda C. Mayes, Dennis D. Spencer]
Academic Press: 2009, Pages 25-40
ISBN 9780123736796

The Forgotten Era of BRAIN CHIPS
John Horgon Scientific American, vol. 293, no. 4, 2005, pp. 66–73. JSTOR

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