Mittwoch, 08. Dezember 2021

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Historiker: Deutschland muss Gedenken an Gefallene wieder lernen

Erneut wurde in Afghanistan ein Bundeswehrsoldat bei einem Einsatz getötet. Mit jedem gefallenen Soldaten breche in Deutschland der Grundkonflikt zwischen der Ablehnung von Krieg und den Auslandseinsätzen seit den 90er-Jahren wieder auf, meint der Historiker Manfred Hettling.

Manfred Hettling im Gespräch mit Dina Netz | 09.05.2013

Dina Netz: Am vergangenen Wochenende sind in Afghanistan acht Soldaten gestorben, die alle zur internationalen Schutztruppe ISAF gehörten. Einer davon war ein Bundeswehrsoldat, er fiel bei einem Einsatz mit afghanischen Polizeikräften. Es war einer der blutigsten Tage für die internationale Schutztruppe seit Langem, und nicht nur Kanzlerin Angela Merkel dankte den Soldaten für ihren schweren und oft gefährlichen Einsatz in Afghanistan.

Soweit die gewohnte Rhetorik in solchen Situationen, für die es ohne Zweifel schwer ist, die rechten Worte zu finden. Der deutsche Soldat war nun ein Mitglied des Kommandos Spezialkräfte KSK, und zwar das erste, das in Afghanistan getötet wurde, und Verteidigungsminister de Maizière versicherte sofort, jedes Menschenleben habe den gleichen Wert und führe zum gleichen Schmerz. Allein die Tatsache, dass er das so betonte, führt aber zu der Frage: Warum muss man das überhaupt so betonen?

Über das Soldatengedenken in Deutschland habe ich gesprochen mit Manfred Hettling, Professor für neuere und neueste Geschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Ich habe ihn gefragt: Herr Hettling, mein Eindruck ist ja, dass in den Artikeln, die über diesen Soldaten veröffentlicht wurden, der Elitesoldat sehr hervorgehoben wurde. Ist Ihnen das auch aufgefallen?

Manfred Hettling: Ja, es wird immer betont, dass er zu dieser Spezialeinheit gehören würde, was aber, glaube ich, dem eher geschuldet ist, dass man relativ wenig darüber weiß auch, welche Einsätze die KSK getätigt hat. Ein bisschen, hat man den Eindruck, ist die Situation, dass man sich in der Bundesrepublik herumdrückt, das gewissermaßen als Kriegseinsatz wahrzunehmen, und die Soldaten ja oft als – ein bisschen spöttisch formuliert – Sozialarbeiter in Uniform gerne wahrnehmen würde. Und das ist mit dieser Einheit schlecht möglich. Und deshalb, ist mein Eindruck, redet man öffentlich darüber weniger und thematisiert das jetzt auf eine besondere Art und Weise.

Netz: Also auf eine etwas verquere Art und Weise, auf die wir sicher gleich noch ausführlich zu sprechen kommen, aber allein die Tatsache, dass der Verteidigungsminister so betont, dass jedes Menschenleben gleichwertig sei, das heißt doch, dass es doch einen Unterschied gibt, ob ein Elitesoldat stirbt oder nicht, oder?

Hettling: Ich würde den Unterschied nicht so betonen, ich würde eher hervorheben, auch hier handelt es sich um einen Bürger in Uniform. Welche Uniform er getragen hat, ist letztlich zweitrangig, weil im Auftrag des Parlaments, im Auftrag des demokratischen Souveräns sind ja verschiedene Institutionen in Afghanistan im Einsatz. Und da gibt es sicherlich Unterschiede, was diese Person oder diese Institution jeweils machen, aber ich würden den Punkt starkmachen, es sind Bürger in Uniform, das ist der zentrale Punkt, und man könnte de Maizière auch interpretieren, dass er einfach darauf auch das Augenmerk richten wollte.

Netz: Es hat ja relativ lange gedauert, bis sich hier eine Würdigung der Gefallenen überhaupt durchgesetzt hat. Hat das vielleicht damit zu tun, dass Afghanistan eben lange nur als kurzer humanitärer Einsatz galt, der Geld, aber sicher keine Menschenleben kosten würde?

Hettling: Ja, das einerseits, aber ich würde das Problem tiefer, gewissermaßen historisch angehen. Die Bundesrepublik hat sich ja seit 45 in einem durchaus konfliktreichen Prozess entfernt von den tradierten Formen des Gefallenengedenkens und auch von Heldenverehrung und auch Rechtfertigung von Aggressionskriegen. Und wir haben uns in der Bundesrepublik eingerichtet in so einer Haltung einer prinzipiellen Delegitimierung von Krieg, und genau diese Einstellung steht jetzt in Spannung zur Situation seit den 90er-Jahren, wenn das Militär in Auslandseinsätze geschickt wird.

Und ich glaube, das ist der Grundkonflikt, um den es geht, unbeschadet jetzt von Länge oder Kürze der Einsätze. Und das ist sozusagen das Problem, das eigentlich bei jedem Gefallenen oder ums Leben gekommenen Soldaten, wie immer man das nennen will, immer wieder aufbricht.

Netz: Worauf ich hinaus wollte, war die Tatsache, dass jetzt plötzlich doch Leute fallen, was eben seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr vorgekommen war. Und tatsächlich müssen wir also irgendwie einen neuen Umgang mit dieser Form von Einsätzen und den Menschen, die dabei zu Tode kommen, lernen, oder?

Hettling: Ja, da stimme ich Ihnen völlig zu, und sowohl sozusagen die Bundeswehr als auch die Regierung als auch die bundesdeutsche Öffentlichkeit muss lernen, damit umzugehen. Man kann ja vielleicht die Haltung einnehmen, das prinzipiell abzulehnen, Auslandseinsätze, nur auch dann würde man einen Preis bezahlen, in Distanzierung von den auch westlichen Verbündeten, und man kann es ja durchspielen, ob es wirklich eine kluge Entscheidung wäre.

Das sind schwierige Fragen, nur wenn man sich dafür entscheidet, steht gewissermaßen auch in letzter Konsequenz der Tod der Personen, die in den Einsatz geschickt werden, mit im Raum. Und da, finde ich, gehört das letztlich zur Ehrlichkeit in einer öffentlichen Gesellschaft, sich darüber zu verhalten, und es gebührt auch letztlich, den entsprechenden Personen die entsprechende Anerkennung zu zeigen.

Netz: Die Frage ist eben nun aber auch, wie man diese Menschen dann würdigt. Im Moment heißt es ja, wenn deutsche Soldaten in Afghanistan umkommen, heißt es ja, sie seien einsatzbedingt ums Leben gekommen, manchmal auch durch Fremdeinwirkung. Also das ist nicht gerade eine würdigende Sprachwahl bisher, oder?

Hettling: Ja, das spiegelt eher sozusagen die Verdruckstheit wieder, wie damit umgegangen wird, und die Scheu, letztlich das historische Vokabular, das ist im Deutschen nun mal der Begriff Gefallene zu verwenden, weil man sicherlich vor Augen hat die zahlreichen Toten und millionenfachen Toten des Zweiten Weltkrieges, und die letztlich ja auch völlig zu Recht sozusagen grundsätzliche Ablehnung des nationalsozialistischen Krieges.

Aber das Totengedenken der Soldaten hat eine sehr viel weiter reichende Tradition, sie entsteht um 1800 im Kontext eben der Nationalstaatsbildung, und – was oft vergessen wird – auch einer demokratischen Weiterung, dass eben nicht mehr der Monarch für den Staat und für das Gemeinwissen steht, sondern der einzelne Bürger sich verantwortlich fühlt bis zum letzten Einsatz, eben dem Einsatz des Lebens. Das ist eine Dimension, die uns in Deutschland nicht mehr so sehr präsent ist.

Netz: Wenn man nun sagt, man muss seinen Respekt für die Opfer zeigen, man muss sie öffentlich würdigen, was wäre denn so eine angemessene Form der Würdigung? Ein Heldengedenken wie in früheren Tagen ja wohl eher nicht.

Hettling: Na ja, in Prinzip kann man zwei Formen unterscheiden oder so Grundzüge, das ist international vergleichend. Zum einen steht im Vordergrund die Erinnerung und Bewahrung des individuellen Namens – das kann man zeigen im langen Bogen, in den letzten zwei Jahrhunderten hat sich das entwickelt, dass der Einzelne mit seinem Namen erinnert wird, nicht anonym in einem großen Grab bestattet wird, sondern als Einzelgrab mit Namensnennung, was den Angehörigen die Möglichkeit besteht, einen konkreten Ort zu haben, wo man dieses Angehörigen gedenken kann –, und eine zweite zentrale Form sind Denkmäler, die in der Tradition seit Schinkel im frühen 19. Jahrhundert immer vertreten werden als Verkörperung des Prinzips, wofür dieser Einsatz stattgefunden hat.

Und das, würde ich sagen, sind jenseits sozialstaatlicher Kompensation für Angehörige oder für Verwundete und Veteranen, sind die beiden Gedenkformen für Tote Nennung des Namens und Erinnerung des Einzelnen und öffentliche Verkörperung und Präsentation des Prinzips des Einsatzes.

Netz: Die Errichtung des Bundeswehr-Ehrenmals im Berliner Bendlerblock, Herr Hettling, ist das so ein erster Schritt, so ein Zeichen dafür, dass da ein Umdenken stattfindet?

Hettling: Ja, man kann es durchaus so interpretieren. Das ist ein Versuch, das zu praktizieren und umzusetzen, das spiegelt genau wieder, dass die Neue Wache traditionell genau das nicht leisten konnte, weil sie konzentriert war auf die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, und das aktive Opfer, den Einsatz des eigenen Lebens eigentlich in der Neuen Wache nicht positiv werden kann.

Aus dem Kontext ist das Ehrenmal der Bundeswehr entstanden, was allerdings sehr stark diese individuelle Komponente in den Vordergrund rückt, dann mit bestimmten Entscheidungen, wo man lange drüber diskutieren kann, etwa ob die Namensnennung durch die Lichtprojektionen wirklich einen angemessenen Ort der Würdigung für die angehörigen darstellt, und man könnte auch diskutieren, dass es in relativ großer Distanz zum Parlament entstanden ist, dass die Verkörperung der Grundwerte, für die unsere Gesellschaft bereit ist, militärische Mittel einzusetzen, vielleicht nicht sehr stark im Vordergrund steht beim Ehrenmal.

Netz: Und das Parlament entscheidet ja schließlich auch, dass die Soldaten in solche Einsätze wie in Afghanistan ziehen sollen. Herr Hettling, ein bisschen scheint mir auch das Problem zu sein, dass man, wenn man über "Heldengedenken" jetzt in Anführungszeichen gesetzt, also Gedenken an Gefallene spricht, ganz schnell in die Nähe von Rechtsextremismus gerät. Müsste das eine reife Demokratie wie die Bundesrepublik nicht inzwischen aushalten?

Hettling: Da stimme ich völlig mit Ihnen überein. Zwei Argumente: Zum einen ist ja die Frage, ob man die Gefallenen per se als Helden titulieren muss, was sicherlich ein schwieriger Begriff ist, es gibt ja auch andere Formen der Anerkennung und der Würdigung und der Herausstreichung des Einsatzes und des Risikos, das die Soldaten in Kauf nehmen, und das Zweite ist, wenn man einfach mal über unsere Grenzen hinwegblickt, es gibt viele europäische Gesellschaften oder auch westliche Gesellschaften, die wir ja ohne jeden Zweifel als demokratisch, als gefestigt demokratisch, akzeptieren würden, die ja sehr viel anders damit umgehen, und die wir nun keineswegs als kriegstreiberisch oder kriegsverherrlichend ansehen würden.

Da kann man vielleicht auch mal lernen, dass man in der Auseinandersetzung der nationalsozialistischen Vergangenheit sicherlich sehr viel Lohnenswertes und Lobenswertes in der Bundesrepublik gemacht hat, aber vielleicht auch von manchen Entwicklungen sich zu sehr abgekoppelt hat, und das bricht jetzt mit den Auslandseinsätzen und dem Umgang mit den Toten dieser Auslandseinsätze wieder auf.

Netz: Und wenn wir schon dabei sind, warum sollte man eigentlich nur Soldaten ehren, die im Ausland gefallen sind? Was ist mit Diplomaten, Polizisten, Ärzten, Entwicklungshelfern, die im Ausland sterben? Müsste man die nicht gleich mit würdigen?

Hettling: Das ist eine komplexe Diskussion, da spricht, glaube ich, sehr viel dafür, ebenfalls entsprechende Würdigungsformen und Anerkennungsformen dafür zu diskutieren. Es gibt allerdings einen prinzipiellen Unterschied, den sollte man nicht untern Tisch fallen lassen, dass bei der Tätigkeit des Soldaten letztlich die Gewaltausübung und insofern auch die Betroffenheit von Gewaltausübung gewissermaßen integriert, mitgedacht ist, intendiert ist in der Funktion des Soldaten, was bei Diplomaten, Entwicklungshelfern et cetera nicht der Fall ist.

Hier handelt es sich gewissermaßen um nicht intendierte Folgen und nicht intendierte menschliche Verluste, während es beim Soldaten gewissermaßen Teil der Funktion ist. Insofern kommt dem Soldatenberuf ein größeres Risiko zu, was es vielleicht auch rechtfertigt, unterschiedliche Formen zu entwickeln, aber gestehe ich Ihnen sofort zu, man sollte die anderen nicht aus dem Blick verlieren.

Netz: Müssen wir vielleicht, Herr Hettling, sowieso ganz neu diskutieren, wofür wir das Leben von Soldaten und vielleicht auch von anderen Menschen opfern wollen? Denn als Afghanistan, als der Einsatz begann, war davon ja noch gar nicht die Rede. Es war immer ein humanitärer Einsatz, und erst jetzt merken wir, dass in diesem Konflikt auch Menschen zu Tode kommen, also muss diese Frage einfach noch mal ganz neu diskutiert werden?

Hettling: Ja, und ich denke, das steht in der Bundesrepublik aus. Man kann es an einem Beispiel verdeutlichen, es gibt einen berühmten Satz des ehemaligen Verfassungsrichters Böckenförde, dass die zivile Gesellschaft von Voraussetzungen lebe, die sie selber nicht herstellen könne. Und ich denke, was uns ein bisschen aus dem Blick geraten ist, dass vielleicht das zivile Miteinander, das für uns in Europa selbstverständlich geworden ist, auch basiert auf der Möglichkeit von Gewaltausübung, insofern zumindest der Möglichkeit militärischer Einsätze besteht.

Und im Kontext der Auslandseinsätze ist uns das, glaube ich, wieder bewusster geworden, was wir zuvor nicht so wahrgenommen haben. Das heißt nicht, dass jeder per se richtig ist, das kann man oft aus dem Nachhinein entscheiden und bilanzieren, aber glaube ich, das ist eine Perspektive, dass auch eine durchaus sehr, sehr friedliche Gesellschaft wie die Bundesrepublik ohne diese Ultima Ratio nicht auskommen kann, und dass es immer wieder zu Situationen kommen kann, wo wir mit Folgen von Gewalt konfrontiert werden. Und das müssen wir, glaube ich, offener und ehrlicher diskutieren.

Netz: Ein Plädoyer von Manfred Hettling von der Universität Halle Wittenberg. Manfred Hettling hat zum Thema übrigens gleich mehrere Bücher geschrieben, sie heißen zum Beispiel "Bedingt erinnerungsbereit – Soldatengedenken in der Bundesrepublik", oder ein anderes, "Gefallenengedenken im globalen Vergleich – Nationale Tradition, politische Legitimation und Individualisierung der Erinnerung".


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