
Nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) starben wegen der Hitzewelle im Juni 5.100 Menschen. Die Zahl übertrifft damit bereits zur Jahresmitte die Werte der gesamten Vorjahre bis einschließlich 2020.
Hitze steht allerdings nur selten als Ursache auf dem Totenschein, auch wenn sie maßgeblich zum Tod von Menschen beiträgt. Der Einfluss muss deshalb statistisch abgeschätzt werden.
Wie erhebt das RKI die Daten hitzebedingter Todesfälle?
Ausgangspunkt sind die Sterbefallzahlen des Statistischen Bundesamts, das für die Woche der Hitzewelle im Juni 2026 knapp 24.000 Todesfälle gezählt hat. Im Vergleich waren es im Mittel der Jahre 2022 bis 2025 nur gut 18.000. Das sind in diesem Jahr etwa 5.400 Tote mehr.
Ab einer Wochenmitteltemperatur von über 20 Grad rechnet das RKI auf Grundlage von Studien mit hitzebedingten Todesfällen. Auf dem Höhepunkt der Hitzewelle betrug die Durchschnittstemperatur fast 27 Grad - deshalb führt das RKI den Großteil der zusätzlichen Sterbefälle auf die Hitze zurück.
Das Modell berücksichtigt langjährige Trends und saisonale Effekte, es wird nach Regionen unterschieden und die Alterszusammensetzung der Bevölkerung mit eingerechnet.
Wie belastbar sind die Daten des RKI?
Die Zahlen sind sehr belastbar. Diese Modelle sind in den vergangenen Jahren schon geprüft worden und die Zahlen werden sicher noch steigen, weil die erste Analyse nur Todesfälle bis Kalenderwoche 25 mit einbezieht, die Hitzewelle aber zehn Tage andauerte.
Allerdings handelt es sich lediglich um eine schnelle Analyse. Mit größerem zeitlichem Abstand lässt sich der Effekt der Hitzewelle noch besser abschätzen, wie eine Analyse für die Auswirkungen der Hitzewelle 2022 zeigt.
Die Epidemiologin Alexandra Schneider vom Deutschen Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt in München verglich tagesgenau Temperatur und Sterbefälle. Denn anders als der Wochendurchschnitt, den das RKI zugrunde legt, schwanken die Tagestemperaturen deutlich mehr. Schneiders Analyse hat 50 bis 100 Prozent mehr Hitze-Todesfälle ergeben, als das RKI damals gemeldet hat. Deshalb sind die Zahlen des RKI als eine eher konservative Schätzung zu betrachten.
Welche Gruppen besonders vulnerabel sind
Bei älteren Menschen ab 75 mit vielen Vorerkrankungen kann Hitze nicht nur zu Herz-Kreislauf-Problemen führen, sondern auch zu Hitzeschäden am Gehirn. Denn Hitze reizt die Hirnhäute, die mit Entzündungsreaktionen reagieren. Das führt zu Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindel.
Das Gehirn kann dadurch dauerhaft Schaden nehmen. Starkes Schwitzen führt zu Flüssigkeitsverlust, das Blut wird dicker und es entstehen leichte Blutgerinnsel. Die können zu Schlaganfällen führen. Nicht nur ihre Zahl nimmt bei Hitze zu, sondern auch ihre Schwere, wie eine Studie aus Augsburg zeigt. Das hat mehr Todesfälle zur Folge.
Herzinfarkte und Schlaganfälle infolge von Hitze spielen auch bei Menschen unter 75 Jahren mit weniger ernsten Vorerkrankungen eine Rolle, wie Studien zeigen. Auch bei chronischen Erkrankungen wie Parkinson, Alzheimer und Multipler Sklerose verschlechtern sich die Symptome durch Hitze. Darauf hat die Deutsche Gesellschaft für Neurologie jüngst hingewiesen.
Warum Hitze psychische Erkrankungen verstärken kann
An psychiatrischen Kliniken gibt es erheblich mehr Einweisungen an Hitzetagen, weil sich die Symptome bei Depressionen oder Schizophrenien verstärken. Eine Studie zu einer Hitzewelle in Kanada hat ergeben, dass das Sterberisiko für Menschen mit einer Schizophrenie sogar noch stärker ansteigt als das von Nieren- oder Herzkranken.
Das hat mehrere Gründe: Auf der biologischen Ebene wird die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger. Dadurch gelangt der Botenstoff Serotonin vom Blut ins Gehirn und stört dort die Nervennetze. Manche Psychopharmaka beeinträchtigen auch die Regulation der Körpertemperatur – das macht die Hitze noch einmal gefährlicher.
Auch Einsamkeit ist ein Risikofaktor. Darunter leiden insbesondere ältere Menschen, die an Hitzetagen zu Hause bleiben. Ihnen fehlen dann die Sozialkontakte.
Wie sich Hitze auf unser Verhalten auswirkt
Bei Hitze sinkt die Aufmerksamkeit, das zeigt eine Studie an Feuerwehrleuten aus den USA. Die Menschen machten mehr Fehler und reagierten langsamer. Ebenso wirkt sich Hitze auf die Emotionen aus - die Leute sind tendenziell gereizter. Studien aus Cleveland und Los Angeles haben gezeigt, dass es an Hitzetagen vermehrt zu Gewaltverbrechen kommt. Auch die Zahl der Selbsttötungen nimmt zu.
Andreas Meyer-Lindenberg vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim vermutet, dass die Verschaltung des Gehirns dabei entscheidend ist. Im Hypothalamus und der Amygdala überschneiden sich nämlich die Regulationsnetzwerke für körpereigene Funktionen wie Temperatur und Emotionen wie Aggression.
Hitzewellen werden in Zukunft eher problematischer werden. Das Gesundheitsrisiko lässt sich aber verringern, wenn Menschen Warnungen ernst nehmen, für Kühlung sorgen, viel trinken und Belastung vermeiden. Ebenso müssen sich Städte und Gemeinden besser auf Hitzewellen einstellen. Geringe Einnahmen und föderale Strukturen erschweren das aber.
Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser sollten für Klimatisierung sorgen, darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Neurologie hin. Und der frühere Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) appelliert an die Bevölkerung, Vorbehalte gegenüber Klimaanlagen abzubauen.
Radiobeiträge: Volkart Wildermuth, Onlinetext: Tina Hammesfahr











