Hitze
Kühl bleibt, wer es sich leisten kann

Nicht alle Menschen sind in gleichem Maße von Hitze betroffen – auch am selben Ort nicht. Manche können sich besser vor den Folgen extremer Temperaturen schützen als andere: durch Geld und Privilegien. Hitze wird zunehmend zur sozialen Frage.

    Das Bild zeigt die Skyline des Hansaviertels in Berlin mit vielen Mehrfamilienwohnungen. Über dem gesamten Bild liegt ein Infrarotfilter – der gesamte Himmel ist tieforange.
    Eine Wärmebildaufnahme zeigt aufgeheizte Wohngebäude Berlin. Besonders in dicht bebauten Vierteln ohne ausreichend Grün kann sich Hitze stark stauen (Getty Images / fhm)
    Der Klimawandel verschärft auch die soziale Ungleichheit. Die Gründe dafür sind vielfältig. Längst nicht alle haben ausreichend Zugang zu kühlen Orten oder können in klimatisierten Büros arbeiten. Aber könnte das nicht anders sein?

    Inhalt

    Hitze als soziale Frage: Beispiele und Ursachen

    Hitze trifft uns alle – allerdings nicht alle gleich. Die ausgeprägte Ungleichheit dabei, wie gut oder schlecht sich verschiedene soziale Gruppen gegen extreme Temperaturen schützen können, zeigt sich in vielen Bereichen.

    Armut

    Menschen mit wenig Einkommen leben häufig in schlecht isolierten Wohnungen – nicht selten im Dachgeschoss und in den meisten Fällen ohne Klimatisierung. Zudem wohnen sie in dicht besiedelten Quartieren mit wenig Grün. Das Problem dabei: In dicht bebauten Stadtteilen ohne Natur staut sich Hitze besonders stark. Selbst nachts kühlt es kaum ab.
    In Bezirken, in denen die meisten Flächen versiegelt sind – also statt mit Wiesen, Pflanzen und Bäumen mit Betonbauten oder Asphalt bedeckt – können die Temperaturen (unter Sonneneinstrahlung) 50 Grad und mehr erreichen. Auch Urlaube, zum Beispiel im kühleren Norden, an Bergseen oder am Meer, können sich Menschen mit wenig Einkommen nicht leisten, oft nicht einmal die Flucht ins Freibad.

    Der Arbeitsplatz

    Ob auf Baustellen, in der Landwirtschaft oder in den Rettungsdiensten: Zahlreiche Menschen müssen im Freien arbeiten. Bei extremer Hitze kommen sie deshalb schneller an ihre Belastungsgrenzen als Menschen in klimatisierten Büros.
    Aber auch das Arbeiten in Innenräumen garantiert noch längst keine erträglichen Temperaturen. „Wir haben viele Gebäude, die zum Teil 30, 40 und nicht selten auch älter als 50 Jahre sind. Sie sind auf die Hitzekrisen der heutigen Zeit einfach nicht ausgelegt”, sagt AWO-Vorständin Claudia Mandrysch – und blickt dabei unter anderem auf Kitas und Altersheime.
    Für jene Einrichtungen sind Gebäudesanierungen und der Einbau von Klimaanlagen oft nicht möglich, erläutert Lisa Dörfler vom Paritätischen Wohlfahrtsverband – weil diese Dinge „extreme Kosten mit sich bringen, die gemeinnützige Organisationen nicht aufbringen können.“

    Verringerte Chancen durch fehlenden Hitzeschutz

    Wenn Kitas geschlossen bleiben und Schulunterricht früher endet, weil es in den Räumen zu heiß wird, hat das unmittelbare Auswirkungen auf die Lebenschancen der jungen Generation.
    Das schränkt die Freiheit der Kinder ein und verschlechtert zumindest temporär ihr Leben. Auch das verschärft Ungleichheiten.

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    Besonders gefährdete Gruppen

    Dass die Klimakrise auch eine soziale Krise ist, zeigt nicht zuletzt die Vielzahl vulnerabler Gruppen, die durch Hitze besonders betroffen sind. Neben der Gruppe der Armen zählen dazu unter anderem:

    Ältere Menschen

    Seniorinnen und Senioren leiden unter extremer Hitze überproportional stark – vor allem jene, die zusätzlich einsam sind. Denn: Hitze erhöht Stress. Gerade in solchen Phasen benötigen ältere Menschen mehr emotionale Unterstützung. Zudem trinken alte Menschen tendenziell zu wenig Wasser. Und: Ältere Personen haben häufiger Vorerkrankungen, die sich während Hitzewellen leicht verschärfen.

    Kleine Kinder

    Vor allem jüngere Kinder haben ein geringeres Durstgefühl und können oft nicht nach Hilfe rufen. Hinzu kommt ein Faktor, der womöglich oft unterschätzt wird: ihre Körpergröße. Vor allem auf versiegelten Flächen sind die Temperaturen in Bodennähe am höchsten.

    Obdachlose

    Ohne Zugang zu Wasser, Schatten oder zu kühlen Räumen seien wohnungslose Menschen der Hitze schutzlos ausgeliefert, sagte Sabine Bösing, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, der Rheinischen Post. Viele Obdachlose litten außerdem unter Vorerkrankungen, die durch die Temperaturen weiter verschärft würden. 

    Politische Verantwortung: zentral vs. föderal

    Mit dem Ziel, Bedarfe beim Thema Hitzeschutz genauer zu erfassen, fordern Umwelt- und Sozialverbände immer wieder einen Hitzeschutzgipfel auf Bundesebene. „In der aktuellen Situation würde das erst einmal dazu führen, dass Hitze wirklich als Krisenthema anerkannt wird“, sagt Lisa Dörfler (Paritätischer Wohlfahrtsverband).
    Oft wird auch der Wunsch geäußert, den Hitzeschutz zentraler zu steuern als bisher im häufig kleinteiligen föderalen System. „Der Bund muss koordinieren, Standards setzen und eine verlässliche Finanzierung ermöglichen. Die Länder und die Kommunen müssen daraus konkrete, lokale, angepasste Hitzeaktionspläne entwickeln“, sagt AWO-Vorständin Claudia Mandrysch.
    Übrigens: Direkt finanzieren darf der Bund aufgrund der föderalen Struktur nur Pilotprojekte im Rahmen von Förderprogrammen.
    Online-Text: Jan-Martin Altgeld