
Überfüllte Leichenhallen, Rettungseinsätze im Akkord, Rettungskräfte am Limit. Dass die Extremhitze Ende Juni ihren menschlichen Tribut fordern würde, war angesichts solcher Berichte absehbar. Jetzt aber, zeitversetzt aufgrund der verzögerten Meldungen, wird das Ausmaß klarer. Das Robert-Koch-Institut geht für die Zeit bis 28. Juni von mehr als 5000 Todesfällen im Zusammenhang mit der Hitze aus. Mehr hitzebedingte Sterbefälle gab es in den letzten Jahren nur 2018 und 2019 – und zwar insgesamt, im kompletten Sommer.
Die Berechnungen des Robert-Koch-Instituts könnten das Ausmaß sogar noch drastisch unterschätzen. Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen nämlich: Die Zahl der Toten könnte deutlich höher liegen – nach Angaben des Amtes um die 30 Prozent höher als bei gewöhnlichen Bedingungen. Doch es geht hier ja nicht um bloße Zahlen, um Statistiken: Dahinter stehen Menschen, zumeist ältere Mitbürgerinnen und Mitbürger. Sie alle hinterlassen trauernde Angehörige.
Viele hitzebedingte Todesfälle wären vermeidbar
Deutschland hat einen Hitzenotstand erlebt, eine klimawandelbedingte Naturkatastrophe mit drastischen Folgen. Die Bundesregierung jedoch hat es vorgezogen, zu schweigen. Kein Wort des Mitgefühls für die Angehörigen, kein Krisenstab, kein Masterplan, nichts. Dabei wären viele der Todesfälle vermeidbar – durch klimaangepasste Infrastruktur. Krankenhäuser und Seniorenheime mit Kühlmöglichkeiten, öffentliche Kühlräume, in die Menschen sich zurückziehen können. Notfallpläne für einen Umgang mit dem Notstand.
Es ist zwar richtig, dass dafür die Länder und Kommunen zuständig sind. Aber angesichts dieses Ausmaßes kann sich eine Bundesregierung nicht hinstellen und nichts tun. Hitzeschutz ist Bevölkerungsschutz – und eben diesem ist unsere Bundesregierung verpflichtet. Stattdessen wird das Problem jedoch politisch ignoriert, der Umgang damit individualisiert.
Die Regierung verschlechtert die Rahmenbedingungen
Und so zeigt sich in der Extremhitze auch eine bedrohliche Entwicklung, die schon in der Coronapandemie Teile der Gesellschaft erfasst hat. Der gesundheitliche Krisenfall wird als individuelles Problem betrachtet. Nach dem Motto: Selbst schuld, wer mit der Hitze nicht zurechtkommt. Wer nicht auf seine Gesundheit achtet, der stirbt halt. Wer alt oder krank ist, der stirbt halt. Dahinter lauert ein Menschenbild, nach dem sich nur der Stärkere durchsetzt, in dem das Individuum keine Rolle mehr spielt. Das ist gefährlich für die Grundfesten unserer Demokratie.
Auch deshalb täte die Bundesregierung gut daran, hier zu handeln. Doch statt irgendwas besser zu machen, verschlimmert Schwarz-Rot die Situation auf mehreren Ebenen. Nicht nur schwindet angesichts der Gesundheitsreform die Zuversicht der Bürgerinnen und Bürger medizinisch gut versorgt zu sein, mit gleich mehreren Entscheidungen verschlechtert Schwarz-Rot die umweltpolitischen Rahmenbedingungen.
Mit Vollgas in die falsche Richtung
Das beschlossene Gebäudeenergiegesetz torpediert die deutschen Klimaziele, das Infrastruktur-Zukunftsgesetz macht die ersatzlose Zerstörung von Naturräumen wahrscheinlicher, Geld für Klimaschutz soll für reguläre Haushaltsaufgaben zweckentfremdet werden. Insgesamt sollen viele Umwelt- und Verbraucherschutzvorgaben erstmal aufs Abstellgleis, bis die Wirtschaft wieder ordentlich in Schwung gekommen ist, so der Plan der Regierung.
Das ist Vollgas in die falsche Richtung. Denn auch die Wirtschaft leidet ja unter den Folgen der Umweltkrisen, das hat sich auch in der Extremhitzewelle gezeigt. Es wird dringend Zeit, dass die Bundesregierung sich dieser Realität stellt. Der menschengemachte Klimawandel wird nicht verschwinden, nur weil der deutsche Bundeskanzler sich politisch nicht damit befassen möchte.











