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Hohe Abbrecherquoten bei Maschinenbau-Studium

Die Zahl der Studierenden in naturwissenschaftlichen Fächern steigt. Bei manchen Studiengängen liegt die Abbrecherquote aber bei 50 Prozent, sagt Thomas Sattelberger von der Initiative "MINT - Zukunft schaffen." Er sieht viel Handlungsbedarf, um einen Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Von Verena Herb | 06.05.2013

    An den Hochschulen wurde die Kehrtwende geschafft, sagt Thomas Sattelberger – Ex-Telekom-Personalvorstand und nun Vorstandsvorsitzender der Initiative "MINT - Zukunft schaffen". Endlich gebe es mehr Studierende in Fächern wie Maschinenbau oder Elektrotechnik. Waren es 2005 noch 131.000 Studierende, liegt die Zahl 2012 bei 191.000. Eigentlich eine gute Entwicklung – doch mahnt Sattelberger zur Vorsicht:

    "Denn die Zahl der steigenden Studierendenzahlen wird ja zum Teil kräftig konterkariert durch die Abbrecherquoten, die im Bereich Maschinenbau und Elektrotechnik an den Universitäten bis zu 53% betragen. Diese Abbrecherquoten sind nicht nur eine Schande für unser Land, sondern auch ein Vergehen an junger MINT-Generation."

    Klare Worte des Managers, der gleichzeitig - nicht ohne ein gewisses Pathos - konstatiert: Es gilt, neue Talente zu finden und deren Potenziale optimal zu entfalten. Sattelberger bezieht das nicht nur auf die Ausbildung von Akademikern, sondern zeichnet ein allgemeineres Bild.

    Es ist Fakt, dass 15 Prozent der 20- bis 29-Jährigen – also knapp 1,45 Millionen Menschen - keine abgeschlossene Berufsausbildung haben. Doch habe jeder dieser jungen Menschen, so Sattelberger, Talente und Stärken, die er auf dem Arbeitsmarkt einbringen kann. Um diese zu entdecken, gilt es schon im Vorfeld, die richtigen Maßnahmen zu ergreifen:

    "Wir brauchen an den Schulen eine fest im Schulalltag verankerte Berufsorientierung, um die Ausbildungsreife zu sichern. Und wir brauchen – und ich sage das in aller Klarheit – differenzierte Ausbildungsangebote. Wie zum Beispiel auch zweijährige Ausbildungsberufe. Und das nicht nur in den peripheren Berufsfeldern, sondern auch in den Kernberufsbildern – Metall und Elektro – und die Nutzung von modularen Ausbildungsbausteinen."

    Auch müssen die Unternehmen selbst Engagement bei der Ausbildung schwächerer Jugendlicher zeigen. Knapp zwei Drittel der ausbildenden Unternehmen tun das auch bereits, bieten Nachhilfe und Stützunterricht an, um Qualifikationsdefizite von Auszubildenden auszugleichen.
    Das geht nach Meinung Sattelbergers jedoch nicht weit genug:

    "Wir brauchen innovative Überlegungen, ob beispielsweise duale Ausbildungsbausteine schon in den letzten zwei Jahren des Sekundarabschlusses 1 integriert werden können. Also ähnlich wie ein duales Studium, also ähnlich einer dualen Schule."

    Es ist also ein Mix an möglichen Handlungen, die zu einer Verbesserung der Situation führen könnten – doch müssen sie auch durchgesetzt werden. Schließlich ist den Beteiligten, der Wirtschaft und der Politik, die Problematik durchaus bewusst.

    So gibt es schon seit Jahren Überlegungen, wie man ausländische Hochschulabsolventen in Deutschland halten und in den Arbeitsmarkt integrieren kann. Weiß man doch, dass drei von vier der 12.000 internationalen Studierenden nach ihrem Abschluss Deutschland wieder verlassen.

    "Das ist Verschwendung von Talenten, die wir uns nicht leisten können. Jetzt werden Sie sagen: Die gehen wahrscheinlich ins Heimatland zurück. Nein, 60 Prozent gehen überwiegend in einwanderungsfreundliche Länder wie Neuseeland Kanada hin und nicht in ihr Heimatland."

    Umfragen belegen, dass es für diesen Schritt trotz guter Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt einige Ursachen gibt. Beispielsweise wird kritisiert, dass auf interkulturellen Austausch kein Wert gelegt wird. Oder anders formuliert: Auf die Lernkultur, die internationale Studierende mitbringen, wird - ihrer Erfahrung nach - nicht eingegangen. Ex-Telekommanager Thomas Sattelberger:

    "Zweitens ist, dass Studierende wie auch Hochschulen zu wenig tun, um das Thema Ghetto zu überwinden. Das heißt, dass sich sozusagen ausländische Studierende in ihren eigenen Netzwerken organisieren. Auf der anderen Seite aber auch zu wenig Brücken von der Hochschule gemacht werden, um eine Hochschulgemeinschaft crosskulturell zu fördern, wie das ja in einwanderungsfreundlicheren Nationen der Fall ist. Und das dritte Thema ist Diskriminierung."

    Hinzu kommt: Viele wüssten nicht, wie sie den Eintritt in den Arbeitsmarkt schaffen könnten. Hinter all dem steckt die statistisch belegte Sorge, dass sich der Fachkräftemangel in den MINT-Berufen, sowohl mit akademischer als auch mit beruflicher Ausbildung, in den kommenden Jahren weiter verschärfen wird. Bis 2020, so prognostizieren die Forscher des Instituts der deutschen Wirtschaft, werden alleine 600.000 beruflich qualifizierte MINT-Fachkräfte fehlen, um die allein aus Altergründen ausscheidenden Fachkräfte zu ersetzen. Nimmt man den Zusatzbedarf für Wachstum und Innovation hinzu, fehlen insgesamt sogar 1,4 Millionen Fachkräfte.