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StartseiteInformationen am MorgenRussisch-polnischer Geschichtsstreit22.01.2020

Holocaust-GedenkenRussisch-polnischer Geschichtsstreit

Russlands Präsident Wladimir Putin ist einer der Redner auf der Gedenkveranstaltung am 23. Januar in Israel, kurz vor dem 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen. Im Vorfeld gibt es Streit mit Polen über die Rolle beider Staaten zur Nazi-Zeit.

Von Sebastian Engelbrecht

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Am 23. August 1939 unterzeichneten der Außenminister des Deutschen Reiches, Joachim von Ribbentrop (l) und der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow (vorn) in Moskau den deutsch-russischen Nichtangriffspakt. Hinten neben Ribbentrop Josef Stalin, ganz rechts Friedrich Gaus, daneben U. Pavlov. (picture-alliance / dpa)
Ein Aspekt des Streits zwischen Putin und Duda: die Deutung des Hitler-Stalin-Paktes von 1939 (picture-alliance / dpa)
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An den Gedenkfeierlichkeiten in Jerusalem werden 47 Staats- und Regierungschefs teilnehmen. Einer, der eigentlich auch eingeladen war, fehlt: Andrzej Duda, der Präsident Polens. Duda hatte mehr als die bloße Teilnahme gefordert, nämlich das Rederecht beim "World Holocaust Forum" am Donnerstag in Jerusalem. Aber die Veranstalter billigten es ihm nicht zu.

Polnischer Präsident: "Verzerrung der historischen Wirklichkeit"

Reden dürfen die Staatsoberhäupter der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs sowie Israels und Deutschlands - nicht aber Andrzej Duda. Der begründete seine Absage Anfang Januar so: "Ich kann an den Erinnerungsfeierlichkeiten in Jerusalem nicht teilnehmen, weil ich die polnische Position nicht vortragen kann. Der polnische Präsident darf nicht sprechen, obwohl es polnische Bürger waren, die während des Holocaust am meisten gelitten haben. Ich habe klargestellt: Das ist eine Verzerrung der historischen Wirklichkeit. Wie kann es sein, dass die Präsidenten Russlands, Deutschlands und Frankreichs, deren Regierungen Menschen, nämlich Juden, in Konzentrationslager deportiert haben, sprechen dürfen, und der Präsident Polens, eines Staates, der nie mit Deutschland kollaboriert hat, darf nicht?"

Das Bild zeigt Polens Präsidenten Andrzej Duda, er steht vor polnischen Fahnen in weiß-rot an einem Rednerpult. (dpa-Bildfunk / AP / Alik Keplicz)Polens Präsident Andrzej Duda (dpa-Bildfunk / AP / Alik Keplicz)

Hintergrund der Absage Dudas ist ein Geschichtsstreit zwischen den Regierungen Russlands und Polens. Der russische Präsident Putin hatte Polen mehrfach rhetorisch angegriffen. Er wehrt sich gegen die Geschichtsdeutung, die Sowjetunion habe durch den Nichtangriffspakt mit Deutschland den Beginn des Zweiten Weltkriegs mit vorbereitet.

Ende Dezember hatte Putin erklärt: "Das Europäische Parlament hat eine Resolution verabschiedet, die Hitler-Deutschland und die Sowjetunion faktisch auf eine Ebene stellt und suggeriert oder direkt sagt, dass die Sowjetunion für den Beginn des Zweiten Weltkriegs verantwortlich ist. Das ist reiner Unsinn."

Putins harte Worte

Putin wurde noch polemischer. So bezeichnete er den polnischen Botschafter im Berlin der 1930er-Jahre mit diesen Worten: "Er ist Abschaum, ein antisemitisches Schwein. Dafür gibt es keine anderen Worte." Der Botschafter habe Hitlers Plan, die Juden aus Europa zu deportieren, offen gepriesen.

In Polen behaupten Kritiker Putins, Staatspräsident Duda habe deshalb kein Rederecht beim "World Holocaust Forum" in Jerusalem erhalten, weil der russische Präsident Drahtzieher der Veranstaltung in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem sei. Tatsächlich ist Mosche Kantor Organisator des Forums, ein russischer Unternehmer, der zugleich Kanzler des Beirats von Yad Vashem ist.

Es ist kaum zu erwarten, dass sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu den polnisch-russischen Querelen äußern wird. Vor Beginn des Gedenkens am Donnerstag in Jerusalem trifft Steinmeier heute Israels Staatspräsidenten Reuven Rivlin. Zudem will der Bundespräsident das Jerusalemer Zentrum von "Amcha" besuchen. Die Organisation bietet psychosoziale Hilfe für Überlebende der Shoah und ihre Nachkommen an.

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