Dienstag, 27.07.2021
 
Seit 14:10 Uhr Deutschland heute
StartseiteTag für TagEin Foto mit "Prince Charming" - und das Ende eines Traums20.04.2021

Homosexualität in der katholischen KircheEin Foto mit "Prince Charming" - und das Ende eines Traums

Ein Priesterseminarist trifft zufällig in München den Protagonisten einer Dating-Show für schwule Männer, macht ein Selfie und postet das Foto auf Instagram. Er muss daraufhin das Priesterseminar verlassen. Der junge Mann behält die Geschichte für sich - bis sich der Vatikan zu Wort meldet.

Von Simon Berninger

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Nicolas Puschmann mit Kandidaten Manuel, Antonio, Simon und Pascal bei der Premiere der TVNOW Gay-Dating-Show Prince Charming.  (imago / Future Images / C. Hardt)
Die Dating-Show "Prince Charming" ist das schwule Äquivalent zur Sendung "Der Bachelor" (imago / Future Images / C. Hardt)
Mehr zum Thema

Katholische Kirche und Diversität Mara Klein: "Ich bin zornig"

Homophobe Äußerungen Pfarrer Olaf Latzel wegen Volksverhetzung vor Gericht

Türkei Homophobie im Namen des Islam

Homosexuelle in der katholischen Kirche "Vor zehn Jahren hätte ich mich garantiert nicht geoutet"

Homosexuelle und Kirchen Konversionstherapien sollen verboten werden

Zölibat Gebt ihn frei!

Ausgerechnet eine Kirche ist auf dem Schnappschuss zu sehen, den Henry Frömmichen im Herbst vergangenen Jahres von sich und seiner abendlichen Zufallsbekanntschaft gemacht hat. Wie folgenreich diese Begegnung sein wird, ahnt der Seminarist nicht, als er das Selfie macht. Nachdem er das Foto bei Instagram veröffentlicht hat, endet für ihn der Traum vom katholischen Priesteramt.

Das hat zum einen mit der zweiten Person auf dem Foto zu tun und zum anderen mit dem Gesprächsinhalt. Zu sehen neben dem 21-Jährigen ist ein prominenter Homosexueller, Protagonist der TV-Dating-Show "Prince Charming". Die Kulisse der Münchner Theatinerkirche habe er für das Selfie nicht bewusst gewählt, sagt Frömmichen. Das Thema aber sehr wohl.

Henry Frömmichen erzählt: "Der schwule Bachelor, sagen wir mal. Ich hab ihn gesehen, auf dem Odeonsplatz, ich kannte ihn über Instagram - nicht über die Fernsehsendung, ich hab keine einzige Folge von 'Prince Charming' gesehen. Was auch ganz lustig ist, um mich herum haben es dann alle gesehen, auch die im Priesterseminar, nur ich nicht. Und dann dachte ich, komm, den sprichst du jetzt einfach an, hab ich mich vorgestellt als Priesterseminarist. Und das war ein echt tolles Gespräch: Wie siehst du das jetzt als prominentere Person, Homosexualität und katholische Kirche?"

"Es ist offensichtlich, dass die Praxis ganz anders aussieht"

Eine Frage, die den gebürtigen Schwaben aus Baden-Württemberg selbst umtreibt.

"Weil ich ja selber schwul bin und daher selber auch immer in einem Konflikt mit mir stehe, wenn ich jetzt in einer Institution bin, die mich eigentlich aufgrund meiner Sexualität ablehnt."

Gegenüber der Leitung des Priesterseminars hatte er sich zuvor nicht geoutet. Gelebte Homosexualität ist nach Lehre der katholischen Kirche Sünde. Lesben und Schwulen ist laut Katechismus mit Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen. Man hüte sich, sie in irgendeiner Weise ungerecht zurückzusetzen. Zugleich gilt praktizierte Homosexualität als Sünde. Wer als Mann einen Mann oder als Frau eine Frau liebt, soll keusch leben.

  (imago / imagebroker / grassegger) (imago / imagebroker / grassegger)Katholische Sexualmoral - "Die katholische Kirche fügt Homosexuellen Leid zu"
Die katholische Lehre, wonach praktizierte Homosexualität Sünde ist, verändert sich nicht. Der Theologe Stephan Goertz sagt: Sie muss sich ändern, um ethisch zu sein.

Für Priesteramtsanwärter wie Henry Frömmichen gilt eine weitere Instruktion, erlassen von Papst Benedikt XVI. im November 2005: Der Zölibat verpflichtet zwar alle Priester zur Keuschheit, aber das Misstrauen gegenüber Homosexuellen ist so groß, dass sie erst gar nicht geweiht werden sollten. Homosexuelle befänden sich, so Benedikt, "in einer Situation, die in schwerwiegender Weise daran hindert, korrekte Beziehungen zu Männern und Frauen aufzubauen". Allerdings sagt Henry Frömmichen:

"Es ist offensichtlich, dass die Praxis ganz anders aussieht als es theoretisch verlautbart wird. Und ich wollte halt immer da stehen, wo mein Heimatpfarrer stand - am Altar. Und fand das immer spannend und faszinierend. Und ich war jetzt, bevor ich diese Entscheidung getroffen habe, nach München zu kommen ins Priesterseminar, in einer Beziehung und habe diese Beziehung dann auch aufgegeben für diesen Schritt, weil das noch eine viel größere Begeisterung ist, den Weg zum Priesteramt zu gehen, das kann man gar nicht beschreiben. Wenn ich das irgendeinem erzähle, der denkt, er hat nicht alle Tassen im Schrank!"

Homosexualität war kein Thema

Vor einem Jahr hat Frömmichen dem Leiter des Münchner Priesterseminars "Sankt Johannes der Täufer" erzählt, dass er sich zum Priesteramt berufen führt. Wolfgang Lehner reagiert begeistert. Im zweiten Gespräch vor seiner Aufnahme ins Seminar sei es auch um Sexualität gegangen, erinnert sich Frömmichen. Der Regens – so werden Leiter von Priesterseminaren genannt - habe wissen wollen:

"Wie es aussieht, ob ich schon mal eine Beziehung hatte, ganz locker einfach geäußert, aber wir haben das jetzt nicht explizit benannt, dass ich schwul bin. Da wird auch nicht drüber gesprochen in der Kirche (lacht). Also im Nachhinein natürlich, wo dann das Gespräch war, wo es dann eben hieß: "Sie müssen das Priesterseminar verlassen", hat er mir gesagt, dass ihm das von vornherein klar war, dass ich eben homosexuell bin, aber er mich trotzdem, wissentlich um meine Sexualität, auch wenn wir es nicht persönlich besprochen hatten, aufgenommen hat."

Im November 2020, wenige Monate nach seiner Aufnahme ins Priesterseminar, muss Frömmichen wieder gehen. Er behält den Rauswurf zunächst für sich. Der Regens bietet ihm an, übergangsweise in eine Wohnung der Kirche zu ziehen. Doch Henry Frömmichen wird selbst fündig, findet auch schnell wieder eine Anstellung in seinem alten Beruf als Bestatter. Als im März dieses Jahres der Vatikan Nein sagt zu Segnungsfeiern für gleichgeschlechtliche Paare, geht Frömmichen an die Öffentlichkeit. Er teilt in einem Video auf Instagram seine Geschichte.

"Gesundes Beziehungsgefüge zu Männern und zu Frauen"

Die Anfrage des Deutschlandfunks bei der Pressestelle des Erzbistums München bleibt unbeantwortet. Auch das Priesterseminar des Erzbistums hält sich öffentlich zurück. Auf Anfrage des Deutschlandfunks will sich der Münchner Regens Wolfgang Lehner zum konkreten Einzelfall nicht äußern. Aus datenschutzrechtlichen Gründen, wie er sagt. In einem Statement erklärt er aber, dass er potenzielle Priesteramtsanwärter jedenfalls nicht nach ihrer Heterosexualität auswähle. Anders, als es die Maßgabe von Papst Benedikt XVI. nahelegt.

Wolfgang Lehner: "Entscheidend ist aus meiner Sicht nicht in erster Linie die sexuelle Orientierung, sondern das, was einer draus macht. Wenn also der Regenbogen bei allem, was er tut, im Hintergrund steht, dann wird er sich sehr schwer tun, als Priester die katholische Kirche zu vertreten. Umgekehrt, wenn jemand homosexuell geprägt ist, es aber schafft, unaufgeregt ein gesundes Beziehungsgefüge zu Männern und zu Frauen zu entwickeln, wenn also dieses Thema der Sexualität nicht dauernd im Vordergrund steht, für den sehe ich keinen Grund, warum er nicht Priester werden kann."

  (Julia Knop) (Julia Knop)Segnung homosexueller Paare - Theologin: "Es kann keine gerechte Diskriminierung geben"
Der Vatikan verbietet die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Schwule und Lesben müssten Verständnis haben für diese "gerechte Diskriminierung".

Henry Frömmichen durfte kein Priester werden, mutmaßlich deswegen, weil er etwas öffentlich machte, was heimlich geduldet wird. Die Haltung des Regens ist für ihn symptomatisch für die katholische Kirche.

Er meint: "Weil es eben einfach diese Falschheit und diese Doppelmoral ist, wie es in unserer Kirche zugeht. Solange es nicht nach außen getragen wird, ist alles gut, aber das Problem ist, sobald irgendetwas im Zusammenhang mit diesem Thema an die Öffentlichkeit geht, so wie jetzt beispielsweise dieses Bild, das ich hochgeladen habe, das ist auf Instagram, das ist öffentlich, zack, wird abgesägt. Funktioniert nicht. Aber sobald nicht drüber gesprochen wird, ist alles in Ordnung. Und das wurde mir suggeriert."

"Ich bleibe grad erst recht in der Kirche"

Mit dem Bild von sich und dem Schwulen aus der Dating-Show wollte Henry Frömmichen ein anderes Signal setzen: Für eine Haltung gegenüber Homosexuellen, die viele in der Kirche längst einfordern.

"Vor allem auch bei meinen Gleichaltrigen, die das ja alles überhaupt nicht verstehen konnten, dass ich Priester werden wollte, wollte ich einfach nach außen hin das Signal geben: Hey, ich bin jetzt kein so ein weltfremder, neurotischer Typ, der sich da jetzt irgendwie in der Kirche versteckt, weil er mit seinem Leben nicht klarkommt. Sondern dass ich ein weltoffener Mensch bin. Und da wurde mir dann aufgrund des Bildes vorgeworfen, ich würde das unterstützen und würde mich mit homosexuellen Menschen solidarisieren und diese Art von Homosexualität, wie sie da in dieser TV-Sendung dargestellt wird, das würde ich propagieren."

Henry Frömmichen weist das von sich: Ein harmloses Selfie mit einem schwulen TV-Schwarm sei keine Propaganda für einen bestimmten Lebensstil. Von der Dating-Show könne man halten, was man wolle - er selbst habe sie nicht einmal gesehen. Und bei alldem ärgert Henry Frömmichen noch etwas Anderes: 

"Muss man sich mal vorstellen: Wenn ich mein bisheriges Leben aufgebe in der Heimat - meinen Job, meine Beziehung, meine Wohnung, alles - und eigentlich mit nichts hierher komme nach München ins Priesterseminar, weil ich Priester werden möchte, aus Überzeugung heraus - und dann wird mir einfach drei Monate später eröffnet: Funktioniert nicht, Sachen packen und gehen - ob das ein adäquater Umgang ist? Ich weiß es nicht."

Auch wenn ihn seine Kirche nicht als Priester will - Katholik bleibt er trotzdem.

Er sagt: "Diesen Gefallen tue ich der Kirche nicht, dass ich austrete und die Flinte ins Korn werfe, weil genau das ist ja das Ziel, dass sie die ja weg haben wollen, die den Mund aufmachen und sich nicht alles gefallen lassen. Ich bleibe grad erst recht in der Kirche - und schau jetzt, wie ich jetzt eben für meine Kirche kämpfen kann."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk