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StartseiteEssay und DiskursWarum weiße Menschen so gerne gleich sind19.01.2020

Identitäten (7/7)Warum weiße Menschen so gerne gleich sind

"Aber wir sind doch alle gleich!" So reagieren vor allem weiße Menschen oft, wenn die Sprache auf Rassismus kommt. Sobald weiße Menschen und ihre Privilegien in der Gesellschaft benannt werden, sagt Autorin Alice Hasters, scheint ihnen Gleichsein plötzlich wichtig und Hautfarbe egal zu sein.

Von Alice Hasters

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Alice Hasters, Journalistin und Autorin (dpa / Horst Galuschka)
Rassimus muss erst mal erkannt werden, um überwunden werden zu können, sagt Alice Hasters (dpa / Horst Galuschka)
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Weiße sind es, die von der Konstruktion der Rassifizierung bis heute profitieren. Und sie waren es auch, die sich das alles ausgedacht haben. Doch ein Gespräch darüber zu führen, ist ihnen oft so unangenehm, dass sie unterschiedlichste Methoden anwenden, um es zu umgehen: zum Beispiel mit dem Verweis auf ein anderes Problem, mit einem emotionalen Ausbruch oder schlicht mit Ignoranz.

Was machen solche Reaktionen mit denen, die von Rassismus betroffen sind? Und wie schafft man es, darüber hinwegzukommen?

Alice Hasters, geboren 1989 in Köln, lebt in Berlin. Sie studierte Journalismus in München und arbeitet unter anderem für die "Tagesschau" und den RBB. Ihr Podcast "Feuer&Brot" (gemeinsam mit Maxi Häcke) handelt von Feminismus und Popkultur. 2019 erschien bei Hanser ihr Buch "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen. Aber wissen sollten."


Ich musste feststellen, dass vieles anders wird, nachdem man ein Buch über Rassismus geschrieben hat. Der Smalltalk zum Beispiel - er wird noch unangenehmer als zuvor. Im vergangenem Jahr war ich auf mehreren Hochzeiten: Hotspot für Kennenlerngespräche mit den unterschiedlichsten Menschen. Die Tante des Bräutigams, der Freund der ehemaligen Kommilitonin, die Cousine, die mittlerweile am anderen Ende der Welt lebt. Eine der häufigsten Fragen, die während solcher Unterhaltungen fällt: Was ich beruflich machen würde. "Dein erstes Buch hast du gerade veröffentlicht, das ist ja spannend! Und wie heißt es?", folgt dann meist auf meine Antwort. Das ist oft der Wendepunkt des Gesprächs. Wenn ich antworte: "Es heißt: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten", ist es mit dem oberflächlich-freundlichem Plauderton vorbei. Anschließend kann ich oft miterleben, wie der Titel dieses Buches bestätigt wird. Zum Beispiel indem Menschen danach ganz schnell das Thema wechseln.

Mein Buch heißt so, weil ich eines festgestellt habe: Weiße Menschen sprechen nicht gerne über Rassismus und tun viel dafür, das Thema von sich fernzuhalten. Viele sagen, sie sind es so müde, darüber zu reden - dabei haben wir noch gar nicht richtig damit angefangen. Das was müde macht, ist, das Thema andauernd zu ignorieren.

Wir sprechen zu wenig über Rassismus. Und wenn wir es tun, dann meistens mit dem falschen Fokus. Oft wird darüber diskutiert, ob er tatsächlich existiert oder nicht, mit einem starken Interesse daran, diese Frage mit nein beantworten zu können. Dabei verpassen wir täglich Gelegenheiten, Rassismus besser zu verstehen und zu bekämpfen.

Denkstruktur hinter rassistischen Handlungen und Äußerungen erkennen

Dass das so ist, ist eigentlich nicht verwunderlich, denn so viel haben die meisten Menschen schon verstanden: Rassistisch soll man nicht sein. Eine geläufige Annahme ist nämlich: Rassismus, das sei nur offener Hass, Verachtung, und trete nur noch vereinzelt auf, am rechten Rand. Das wurde zuletzt besonders deutlich, als bundesweit eine Debatte um Schalke-Vorstandschef Clemens Tönnies ausbrach, der versuchte witzig zu sein, indem er sagte, man solle den zunehmenden Bevölkerungszuwachs in Afrika verhindern, indem man Kraftwerke baut, - denn im Hellen würden sie dort weniger Kinder zeugen. Danach ging es nicht etwa darum, warum solche rassistischen Stereotype über Afrikaner und Afrikanerinnen immer noch bestehen, sondern ob man Tönnies nun rassistisch nennen dürfe oder nicht: "Wenn wir nun alles in die Schublade 'Rassismus' einsortieren, was man für gedankenlos, gestrig und Altherrengewäsch hält, dann erklärt man sehr viele Menschen in Deutschland zu Rassisten. Dann lässt man die Grenzen verschwimmen. Dann lässt man es zu, dass widerliche, gemeingefährliche Rassisten und Hassprediger in der Masse untertauchen", lautete es zum Beispiel im "Tagesthemen-Kommentar" zum Fall Tönnies.

Niemand möchte ein Rassist sein. Wirklich niemand. Selbst Anhänger rechter Gruppierungen beteuern immer wieder, sie seien keine Rassisten. "Ich bin kein Nazi, aber …" ist ein beliebter Satzanfang bei deutschen Diskussionen und dient dazu, ambivalentes Verhalten zu rechtfertigen: Man möchte rassistische Gedanken äußern können und sich gleichzeitig von Rassismus distanzieren.

Menschen, die so argumentieren, machen einen Fehler: Sie unterscheiden nicht zwischen Rassismus und Rechtsradikalismus. Das sind keine Synonyme. Wo Rechtsradikalismus immer rassistisch ist, ist Rassismus oft nicht radikal. Nicht die Intention qualifiziert eine Handlung oder eine Aussage als rassistisch, sondern die Denkstruktur, die dahinter steckt. Sie zu erkennen, bedarf der Aufklärung über Geschichte und soziale Strukturen. Doch die Aufklärung bleibt eben oft aus. Ein Grund dafür ist Bequemlichkeit. Sich mit Rassismus auseinanderzusetzen ist anstrengend. Auch für mich, die von Rassismus betroffen ist.

Systemischer Rassismus ist schon lange und massiv verankert

Was ist also eine hinreichende Definition von Rassismus? Ibram X. Kendi definiert ihn in seinem Buch "Gebrandmarkt" zum Beispiel so: "Jegliche Vorstellung, die eine bestimmte ethnische Gruppe als einer anderen ethnischen Gruppe unterlegen oder überlegen betrachtet."

Viele Menschen gehen davon aus, dass grundsätzlich jede Person von Rassismus betroffen sein könnte. Diese Menschen sehen Rassismus als eine rein individuelle Haltung. Wie ein einzelner Mensch die Welt für sich ordnet, hat erst einmal wenige Konsequenzen. Doch in einer Welt voller Ungleichheit ist auch Rassismus ungleich verteilt. Rassismus ist ein System, das mit der Absicht entstanden ist, eine bestimmte Weltordnung herzustellen. Es wurde über Jahrhunderte aufgebaut und ist bis heute wirkmächtig.

In diesem System wurde die Hierarchie festgeschrieben, auf der Grundlage von konstruierten Menschenrassen und die lautet, ganz grob: Weiße ganz oben, Schwarze ganz unten. Wenn also jemand glaubt, Schwarze seien von Natur aus Weißen überlegen, dann ist das zwar theoretisch ein rassistischer Gedanke - aber praktisch ein recht wirkungsloser. Dafür gibt es keine Echokammer, dieser Gedanke wird nicht die sozialen Strukturen unserer Welt umformen. Anders ist es, wenn jemand glaubt, weiße Menschen seien Schwarzen überlegen. Diese Vorstellung füttert das ohnehin bestehende System. Die Echokammer dafür ist riesig. Sie hat sich über hunderte von Jahren aufgebaut, um Versklavung von Schwarzen Menschen zu legitimieren und die weltweite Kolonialisierung durch die europäischen Mächte zu rechtfertigen.

Weiße Menschen haben die Theorie etabliert, dass Charaktereigenschaften, kulturelle und soziale Fähigkeiten mit biologischen Merkmalen zusammenhängen. Dieses System nennt sich White Supremacy - Weiße Vorherrschaft.

Wenn ich von Rassismus spreche, dann meine ich diesen wirkungsvollen, systemischen Rassismus, der im Stande ist, Menschen zu unterdrücken. Er ist schon so lange und so massiv in unserer Geschichte, unserer Kultur und unserer Sprache verankert, hat unsere Weltsicht so sehr geprägt, dass wir gar nicht anders können, als in unserer heutigen Welt rassistische Denkmuster zu entwickeln.

Mikroaggressionen verursachen in der Summe unerträgliche Schmerzen

Es kann zum Beispiel sein, dass man am Tag gegen Rassismus demonstriert - und trotzdem Angst bekommt, wenn einem nachts ein Schwarzer Mann über den Weg läuft. Oder dass man kurz überrascht ist, wenn eine Frau mit Hidschab perfekt Deutsch spricht. Auch wenn diejenigen, die auf die andere Straßenseite wechseln oder kurz verdutzt sind, nicht weiter darüber nachdenken und glauben, diese eine Sekunde, diese eine harmlose Handlung, bliebe unbemerkt und würde keinen großen Unterschied machen, tut sie es doch. Und zwar für die Betroffenen. Eine deutsche Hidschabi bekommt täglich verdutzte Blicke, wenn sie den Mund aufmacht. Ein Schwarzer Mann sieht in seinem Leben Hunderte verängstigte Gesichter, wenn er durch die Straßen läuft. Sie bemerken es. Ich bemerke es.

Diese kleinen Momente, sie wirken wie Mückenstiche. Kaum sichtbar, im Einzelnen auszuhalten, doch in der Summe wird der Schmerz unerträglich. Diese Mückenstiche haben einen Namen: Mikroaggressionen. Auch davon gibt es unterschiedliche Abstufungen. Das können Angriffe oder Beleidigungen sein wie die Verwendung des N‑Wortes oder Aussagen wie: "Wir sind hier in Deutschland." Es können unbewusste Handlungen sein, etwa wenn eine Frau ihre Tasche umkrallt, sobald ich mich in der Bahn neben sie setze.

Und es gehört auch dazu, dass denen, die von Rassismus betroffen sind, nicht geglaubt wird. Viele Menschen glauben mir nicht, wenn ich sage, dass alte Frauen Angst vor mir haben und mich für eine Diebin halten. Deshalb sind Auseinandersetzungen über Rassismus oft kräftezehrend und wenig zielführend. Denn am Ende bin oft ich es, die sich dafür entschuldigen soll, das Thema überhaupt angesprochen zu haben. Es gibt ein Wort für diese Dynamik: Täter-Opfer-Umkehr - und während des Gesprächs äußert sie sich in unterschiedlichen, meist passiv-aggressiven Haltungen.

"Rassismus ist nicht erst Rassismus, wenn er böse gemeint ist"

Eine beliebte Methode ist das Umgarnen. Ein Beispiel: Um anschaulich erklären zu können, wo mir im Alltag rassistische Handlungen begegnen, ohne dass diese bewusst ausgeführt werden, erzähle ich oft davon, dass mir bereits mein ganzes Leben lang Menschen in die Haare fassen. Häufig ungefragt und bevor sie überhaupt meinen Namen kennen. Diese Art von Übergriffigkeit kennen so gut wie alle Schwarzen Menschen mit Afrohaaren. Ich erzähle dann, wie unangenehm das ist und ich das Gefühl habe, gleich in eine unterwürfige Position gedrängt zu werden, wenn mir jemand in die Haare fasst. Ich frage dann, warum Menschen glauben, dass das in Ordnung sei. Sie nehmen offensichtlich an, dass ich meine eigenen Haare genauso ungewöhnlich und lustig finde wie sie. Das liegt daran, dass weiße Menschen sich als "Norm" definieren und erwarten, dass alle anderen Menschen das auch tun.

Doch viele weiße Menschen, gerade diejenigen, die sich bei der Schilderung meiner Erfahrung ertappt fühlen, finden es übertrieben, dass ich mich daran störe. Dass Leute meine Haare anfassen wollen, sei schließlich ein Kompliment. Sie sagen mir dann, dass mir das passiere, weil Menschen mich und meine Haare so hübsch fänden und dass ich doch froh sein könnte, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen.

Diese Menschen wollen mich davon überzeugen, dass es sich hier um ein schieres Missverständnis handele und ich mein Leben lang keine Diskriminierung, sondern Bevorteilung erfahren hätte.

Manche sagen mir auch, dass sie Schwarze Menschen lieben. Wie sie aussehen, wie sie tanzen und singen, ihre Musik, die ganze Kultur, diese Lebensfreude und diese Coolness. Dass sie sich wünschten, sie wären auch Schwarz - oder hätten zumindest so Haare wie ich. Wie könnten sie also rassistisch sein? Warum verderbe ich ihnen die Freude, nehme ihnen die Unbefangenheit, vielleicht sogar die Bewunderung für mich oder andere Schwarze Menschen?

Sie merken gar nicht, dass sie Rassismus reproduzieren, wenn sie aufzählen, welche Talente und Charaktereigenschaften Schwarze Menschen von weißen unterscheiden. Ich bin nicht automatisch lebensfroher oder cooler, weil ich mit brauner Haut geboren bin. Rassismus ist eben nicht erst Rassismus, wenn er böse gemeint ist.

Andere Menschen reagieren auf meine Haar-Erzählungen gegenteilig: Anstatt zu betonen, dass die sonderliche Reaktion auf meine Haare nur eine Form der Bewunderung sei, beteuern sie, dass diese Erlebnisse ganz und gar nicht besonders wären. Anderen Menschen würde schließlich auch ins Haar gefasst, auch weißen Frauen mit Locken zum Beispiel. Rothaarige Menschen wären ebenso vielen Klischees aufgrund ihrer Haare ausgesetzt, genauso wie Blondinen.

Menschen, die dieses Argument anbringen, wollen mir vermitteln, dass ich zu egozentrisch sei, zu vernarrt in mein Rassismus-Narrativ, mich nur besonders machen wolle. Während in Wahrheit alle mit den gleichen Problemen zu kämpfen hätten, unabhängig von der Hautfarbe.

Dass Schwarze Menschen erleben, wie ihnen ungefragt in die Frisur gefasst wird, ist nur eine Form, wie sie aufgrund ihrer Afrohaare diskriminiert werden. Schwarzen Menschen wurde aufgrund ihrer Haare bereits der Zugang zu Berufen oder Schulen verweigert. Nicht umsonst hat der US-amerikanische Staat Kalifornien 2019 ein Gesetz verabschiedet, dass die Diskriminierung aufgrund von natürlicher Haarstruktur verbietet. Dieses Gesetz wurde entworfen, um Schwarze Menschen davor zu schützen, dass sie mit ihren Afrolocken, Dreadlocks oder Braids nicht eingestellt werden.

Diskriminierung ist kein Wettbewerb

Gerne werden strukturelle Probleme durch sogenanntes "Whataboutism" gegeneinander ausgespielt. Das ist der Versuch, soziale Probleme und Diskurse zu hierarchisieren. Somit bewegt sich die Diskussion weg vom inhaltlichen hin zum organisatorischen: Wäre es nicht wichtiger, zuerst über andere strukturelle Probleme zu sprechen?

Diskriminierung ist kein Wettbewerb - und die Grenzen der Diskriminierung verlaufen fließend. Man kann sich nicht für die Gleichberechtigung der Geschlechter einsetzen und Rassismus ignorieren - sonst setzt man sich nicht für alle ein, die von Sexismus betroffen sind. Das gilt auch für andere Diskriminierungsformen. Das Stichwort hierfür heißt Intersektionalität und bedeutet Mehrfachdiskriminierung.

Nur weil weiße Frauen von Sexismus betroffen sind und rothaarige Menschen im Laufe der Geschichte struktureller Diskriminierung ausgesetzt waren und ihnen eventuell aufgrund dessen ähnliches passiert wie mir, heißt das nicht, dass meine Erlebnisse nicht trotzdem eine Form von Rassismus gegen Schwarze sind. Es heißt gleichzeitig auch nicht, dass meine Erlebnisse nichts mit Sexismus zu tun haben. Für mich sind Rassismus und Sexismus keine zwei voneinander trennbare Kategorien, besonders nicht im Alltag. Als Schwarze Frau bin ich immer von beidem betroffen. Ich erfahre sexistischen Rassismus, rassistischen Sexismus. Auch deshalb ist die Frage danach, was schlimmer sei - Rassismus oder Sexismus - unsinnig.

Rassismus erkennen, um Ungleichheit abschaffen zu kännen 

Der Versuch der Gleichsetzung geht oft mit dem Vorwurf einher, ich würde mit meinem Diskurs über Rassismus spalten. Die Benennung von Schwarz und weiß sei das Problem. Erst das Thematisieren von Rassismus würde Rassismus entstehen lassen. Es ist schon oft vorgekommen, dass auch, wenn ich meinen Gesprächspartnerinnen unterschiedliche Fakten zum Thema dargelegt habe, um meine Argumentation zu untermauern, sie am Ende den Kopf schütteln und beteuern, dass sie nicht verstehen würden, wie das alles sein kann: "Aber wir sind doch alle gleich - völlig egal welche Hautfarbe", heißt es dann, "Schwarz, weiß, das sind doch total unnötige Kategorien, ich denke so nicht."

Die Aussage: "Ich sehe keine Hautfarben" beweist nicht die Unfähigkeit, rassistisch zu sein, sondern die Unfähigkeit, Rassismus zu erkennen. Wer keine Hautfarben sieht, sieht auch keinen Rassismus. Wer mir sagt, er oder sie sehe keine Hautfarben, sagt eigentlich: "Ich weigere mich, deine Perspektive anzuerkennen. Ich weigere mich, anzuerkennen, dass Jahrhunderte der Kolonialisierung und Versklavung die Welt geprägt und strukturelle Ungleichheit geschaffen haben. Ich weigere mich, Verantwortung dafür zu übernehmen, diese Ungleichheit abzuschaffen."

Eine leicht andere Version dieser Haltung ist die Aussage: "In meinen Augen bist du gar nicht Schwarz." Auch das ist in der Regel nett gemeint, wenn es von weißen Menschen kommt. Meist will man mir damit sagen: "Für mich bist du einfach ein Mensch." Im Umkehrschluss bedeutet das allerdings, dass ich kein Mensch sein kann, so lange ich Schwarz bin. Als würden sich diese Kategorien gegenseitig ausschließen. Es bedeutet auch, dass sie meine Identität und meine Selbstbezeichnung nicht anerkennen wollen. Ich bin vielen weißen Menschen begegnet, die den Begriff "Schwarz" nicht mögen. Sie möchten mich zum Beispiel lieber "farbig" nennen. Doch der Begriff "farbig" ist keine Selbst- sondern eine Fremdbezeichnung. Schwarz hingegen ist ein Begriff, eine Identität, die ich, so wie viele andere Schwarze, selbst gewählt habe. Deshalb schreibe ich ihn, anders als die Farbe, groß.

Kampf um die Deutungshoheit

Es geht dabei also auch um Sprache, es ist ein Kampf um die Deutungshoheit. Privilegierte Menschen sind es gewohnt, die Welt so zu interpretieren, wie sie mögen und sie für sich ausgerichtet zu sehen, ohne dass dieser Zustand angezweifelt wird. Diskriminierte Gruppen sind hingegen gewöhnt, sich in einer Welt zu bewegen, die nicht auf sie ausgerichtet ist und in der sie nicht im Zentrum stehen. Wenn sich diskriminierte Gruppen allerdings dagegen wehren, zum Beispiel indem sie sich eigene Namen geben und somit den Anspruch erheben, die Gesellschaft mitprägen und mitbestimmen zu dürfen, dann ist das ein direkter Angriff auf die weiße Deutungshoheit.

Die Heuchelei derjenigen, die sich gerne im unschuldigen Unwissen wähnen, wird in Debatten wie die um das N-Wort in Kinderliteratur besonders deutlich. Dass nicht allen weißen Menschen das N-Wort bei Jim Knopf, Pippi Langstrumpf und die Kleine Hexe als rassistisch aufgefallen ist, mag für mich als Schwarze Person vielleicht schwer nachvollziehbar sein, aber dennoch bin ich bereit, hier einen Vertrauensvorschuss zu geben. Doch der wird schnell wieder zurückgezogen, wenn sich Menschen aktiv dagegen aussprechen, rassistische Sprache aus der Kinderliteratur zu streichen. Es ist das eine, Rassismus zu reproduzieren, weil man ihn nicht erkennt. Es ist etwas anderes, Rassismus zu reproduzieren, weil man die Perspektiven anderer Menschen nicht anerkennt.

Weiße sind niemals Opfer von Rassismus

Eine weitere geläufige Methode der Gleichsetzung: Wenn weiße Menschen sich in die Ecke gedrängt fühlen und nicht anders können, als mir recht zu geben, dass ich tatsächlich Rassismus erfahre, wollen sie oft jedoch nicht akzeptieren, dass sie nicht die gleichen Erfahrungen machen können.

Sie erzählen mir dann von ihren Urlaubserlebnissen in Ländern, die nicht mehrheitlich weiß sind. Wie sie angestarrt wurden, wie die Menschen ihre Haare anfassten und Fotos mit ihnen machen wollten. Diese Anekdoten sollen als Beweisführung dienen, dafür, dass auch weiße Menschen Opfer von Rassismus sein können. Oder dass Angst oder Neugier angesichts des Fremden etwas ganz Normales sei. Alle Menschen würden die gleichen Erfahrungen machen, sobald sie nicht mehr aussehen wie die Mehrheit.

Ich glaube diesen Menschen, dass ihre Erlebnisse unangenehm waren und dass sie ihnen vielleicht ein Stück weit helfen können, das "Anderssein" nachzuempfinden. Doch die sogenannten "Rassismuserfahrungen" weißer Menschen sind nicht die gleichen, die ich mache.

Denn das Konstrukt der weißen Vorherrschaft existiert aufgrund der Kolonialisierung auch dort, wo mehrheitlich nicht-weiße Menschen wohnen. Weiße Menschen bekommen jedoch nicht Rassismus, sondern ihre Privilegien zu spüren. Sie bleiben trotzdem die Mächtigen, die Höhergestellten. Das heißt nicht, dass alle Begegnungen positiv sind. Doch der gravierende Unterschied ist: Weißen Menschen wird vielleicht unterstellt, dass sie wohlhabend seien, oder sie werden als besonders attraktiv wahrgenommen. Vielleicht in einem Ausmaß, das unangenehm oder sogar bedrohlich sein kann. Doch niemand hält sie in der Regel aufgrund ihrer Hautfarbe für kriminell oder anderweitig gefährlich. Die Attribute, die mir als Schwarze Person zugeschrieben werden, schreiben mir keine Machtposition zu. Weiße sind also niemals Opfer von Rassismus.

Rassismus ignorieren zu können, ist ein weißes Privileg

Es ist unglaublich mühsam und aufwendig, all diese Informationen über strukturellen Rassismus parat zu haben und vermitteln zu müssen, damit Menschen mir glauben. Ebenso wie die genaue Unterscheidung zwischen unterschiedlichen Diskriminierungsformen und -erfahrungen erkennen und benennen zu können und müssen. Ich weiß nicht automatisch um die Gesetzeslage in Kalifornien oder die Schulstreiks in Pretoria, nur weil ich Schwarz bin. Auch ich habe nicht schon immer gewusst, was Intersektionalität ist, oder artikulieren können, warum weiße Menschen nicht von Rassismus betroffen sind. Ich habe es nachgelesen. Weiße Menschen könnten genau das Gleiche tun. Doch eine der größten und gewalttätigsten Formen des weißen Privilegs ist es, Rassismus ignorieren zu können.

Es sollte nicht meine Aufgabe sein, ganz nebenbei im Alltag Aufklärungsarbeit zu leisten, zumal ich schon mit der Diskriminierung an sich zu kämpfen habe. Doch ich muss es machen, um mich zu verteidigen. Die Anerkennung meiner Perspektive ist kein Selbstverständnis, sie ist ein Kampf.

Den führe ich nicht nur mit der weißen Mehrheitsgesellschaft, sondern auch mit mir selbst. Denn auch ich bin von rassistischen Strukturen geprägt und mit der Ansicht aufgewachsen, dass Rassismus nur Rechtsradikalismus sei. Für all die anderen Dinge, für die Mückenstiche im Alltag, hatte ich kein Wort. Doch weil ich ständig hörte, dass ich mich über beleidigende, verallgemeinernde Aussagen über Schwarze oder übergriffiges Verhalten nicht ärgern sollte oder durfte, hatte das Konsequenzen auf mein Selbstbild. Ich selbst sah mich als Abweichung vom Normhaften und lernte, Dinge mit mir selbst auszumachen. Ich musste mir abtrainieren, auf mein Gefühl zu hören.

Doch noch kniffliger wird es, wenn Menschen, die selbst von Diskriminierung betroffen sind, den Diskriminierenden zur Seite springen. Wenn also beispielsweise eine Frau sagt, dass sie Feminismus doof findet oder Schwarze Personen Rassismus für ein Hirngespinst halten. Diese Menschen behaupten oft, sie hätten Diskriminierung noch nie erlebt, und folgern daraus oft, man würde die Konflikte selbst erzeugen, weil man Aufmerksamkeit bräuchte oder verweichlicht sei. Diese Menschen meinen, besser zu wissen, wie man struktureller Benachteiligung begegnen soll: Man könne all das vermeiden, wenn man sich nur "richtig" verhielte.

Sie sagen dann zum Beispiel, dass sie das N-Wort nicht als beleidigend empfinden würden. Wie Schlagerstar Roberto Blanco zum Beispiel, der Bayerns Innenminister Joachim Herrmann in Schutz nahm, als dieser ihn mit dem N-Wort beschrieb - und damit ein Kompliment machen wollte. Hinter solchen Verteidigungen steckt die Annahme, dass die Welt einfach so sei, wie sie ist, und anstatt sie zu ändern, solle man sich lieber selbst ändern. Man solle sich anpassen. Diese Menschen machen sich zu Kompliz*innen einer Denkweise, die gegen sie arbeitet. Und wenn man Dinge oft genug hört, dann wirken sie auch.

Schweigen lässt Rassismus nicht verschwinden

Dass weiße Menschen ihre eigenen Aussagen verharmlosen und empfindlich reagieren, ist der Grund, warum ich oft nichts sage, wenn mir Rassismus im Alltag begegnet. Stattdessen schlucke ich Wut, Trauer und den Frust, der durch kleine und große Mückenstiche verursacht wird, herunter. Doch das ist ungesund. Rassismus macht krank. Das belegen Studien und bestätigen Psychologinnen. Die Ansammlung dieser kleinen Mückenstiche kann zu Erschöpfung bis hin zu Depressionen führen.

"Your silence will not protect you" - Euer Schweigen schützt euch nicht. Das schrieb die Schwarze Dichterin und Aktivistin Audre Lorde. Schweigen zu brechen, mache Angst, gerade weil das Risiko bestünde, dass man missverstanden oder verletzt würde. Doch die Dinge müssten dennoch ausgesprochen werden, sagt Lorde.

Dass das Schweigen nicht schützt, scheint in meinem Leben heute deutlicher denn jemals zuvor. Schweigen lässt Rassismus nicht verschwinden. Es brauchte nur einen bestimmten Kontext, die passende Stimmung und Verkettung von Ereignissen - schon trägt Rassismus nicht mehr nur am rechten Rand Früchte, sondern wuchert überall. Ein blöder Witz, ein heimlicher Gedanke, ein unüberlegtes Vorurteil - es stammt alles aus der gleichen Geschichte, aus der gleichen historischen Wurzel, und gerade treibt sie ordentlich. Längst sind Dinge wieder salonfähig geworden, die vor ein paar Jahren noch verpönt schienen.

Heute diskutieren wir darüber, ob man überhaupt Menschenleben auf dem Mittelmeer retten muss. Wir haben nichts mehr dagegen, wenn nicht-weiße Menschen unter Generalverdacht gestellt werden, wie zum Beispiel nach den Übergriffen Silvester 2015/2016 am Kölner Hauptbahnhof. In dieser Stimmung begann ich mich zu fragen, wie lange ich noch mitlachen, schweigen, gut zureden musste. Wie viele Mückenstiche ich noch ertragen muss. Wie schwer die Bürde sein dürfte, bevor ich anfangen könnte, mich zu beschweren. Aber ich begriff, dass es die falsche Haltung war. Da hätte ich lange warten können. Die richtige Frage war: Warum muss ich überhaupt irgendeine Bürde tragen? Warum darf ich meine Wut nicht rauslassen?

Heute denke ich, dass die Menschen, die diese Wut verursachen, von ihr wissen sollten. Am Ende braucht es weniger emotionale Energie, Konflikte offen anzusprechen, als sie alleine zu tragen. Auch wenn ich damit rechnen muss, dass weiße Menschen mir oft nicht glauben. Das, was man braucht, ist Mut. Mut, sich verletzlich zu zeigen und anderen zuzumuten, sich genauso unwohl zu fühlen wie man selbst.

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