Montag, 10.05.2021
 
Seit 02:30 Uhr Zwischentöne
StartseiteCampus & KarriereWie Schülerinnen und Schüler unter dem Lockdown leiden20.04.2021

Ifo-Studie zu Corona und SchuleWie Schülerinnen und Schüler unter dem Lockdown leiden

Im zweiten Lockdown haben sich die Schulen nach einer Erhebung des Ifo-Instituts nur etwas besser geschlagen als im ersten. Gerade Schülerinnen und Schüler aus Nicht-Akademiker-Familien erhalten demnach oftmals nicht die nötige Förderung beim Lernen zuhause. Für ihre späteren Lebenschancen könnte das verheerend sein.

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Weiterhin geschlossen ist eine Grundschule in Frankfurt im Zuge der Corona-Maßnahmen. (picture alliance/dpa | Boris Roessler)
Coronavirus - Frankfurt - geschlossene Schule (picture alliance/dpa | Boris Roessler)
Mehr zum Thema

Geplantes Nachhilfeprogramm "Wir retten seit Jahrzehnten zusammen mit den Schülern das Schuljahr"

Corona-Folgen an Schulen Hamburg stellt Lernlückenprogramm vor

Protest gegen Präsenzunterricht Fachanwalt: Schulboykott wird teuer

Im zweiten Lockdown haben deutsche Schüler einer Ifo-Umfrage zufolge pro Tag mehr als drei Stunden weniger gelernt als zu normalen Zeiten. Statt 7,4 Stunden täglich waren es nur noch 4,3, wie das Münchner Institut mitteilte. Das ist zwar knapp 45 Minuten mehr als im ersten Lockdown, doch immer noch weniger Zeit als sie mit Computerspielen, sozialen Netzwerken oder ihrem Handy (5,2 Stunden) verbrachten. Befragt worden waren für die Studie rund 2.100 Eltern von Schulkindern.

Gewisser Fortschritt beim Onlineunterricht

"Erfreulicherweise sehen wir, dass sich was getan hat", sagte Katharina Werner, Mitautorin der Studie, im Deutschlandfunk. Mit dem Onlineunterricht würden mittlerweile täglich 26 Prozent erreicht - das sei eine deutliche Steigerung gegenüber dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 - da waren es nur sechs Prozent. Gleichzeitig könnten aber fast 40 Prozent der Schüler maximal einmal pro Woche an einer Videokonferenz der ganzen Klasse teilnehmen.

(Ifo Institut) (Ifo Institut)

Technisch seien die Familien heute zum großen Teil besser aufgestellt. Drei Viertel haben einen ausreichenden Internetzugang.

Weniger Lernerfolg, große psychische Belastung

Die Mehrheit der Eltern glaubt, dass ihr Kind pro Stunde zuhause weniger lernt als in der Schule, so die Studie. 63 Prozent der Eltern von Kindern, die etwas unter dem Notenschnitt liegen, hätten angegeben, dass ihr Kind zuhause "weniger effektiv lernen kann als in der Schule", sagte Werner.

Eine siebenjährige Erstklässlerin sitzt vor einem iPad, welches eine "Padlet Klasse 1b" darstellt und lernt im Homeschooling für die Schule.  (dpa / Guido Kirchner) (dpa / Guido Kirchner)Ifo-Institut zieht Bilanz der Schulschließungen
Weniger Unterricht, dafür aber mehr Zeit mit Computerspielen als mit Freunden. Laut einer neuen Studie gibt es weitreichende Folgen für  Schülerinnen und Schülern durch den zweiten Lockdown.

"Gravierende Auswirkungen" und eine "deutliche Verschlechterung" stellte Werner bei der psychischen Belastung durch den Lockdown fest. Die Hälfte der Eltern geben demnach an, dass die Schulschließungen eine psychische Belastung für die Kinder sind. Fast 90 Prozent der Befragten sagten, dass die Kinder das Treffen mit Freunden vermissen.

Ein Drittel der Kinder leidet zudem unter Bewegungsmangel und habe an Körpergewicht zugenommen, so die Angaben der Eltern. Auch werde in den Familien mehr gestritten als vor der Coronakrise.

Unterschiede nach Elternhaus der Kind

Rund ein Fünftel der Schülerinnen und Schüler hat laut Studie an zusätzlichen schulischen oder privaten Nachhilfeangeboten teilgenommen. Doch hier gebe es soziale Unterschiede. Werner: "Dieser Anteil unterscheidet sich jedoch beträchtlich nach Elternhaus. So sehen wir zum Beispiel, dass der Anteil von Kindern aus Nicht-Akademiker-Haushalten, die an keiner Fördermaßnahme teilgenommen haben, 13 Prozentpunkte höher ist als der von Kindern aus Akademikerhaushalten. Insgesamt erscheint es also so, dass bei der Organisation von Unterstützungsmaßnahmen Raum für Verbesserung besteht."

(Quellen: Katharina Werner im Gespräch mit Regina Brinkmann, Christiane Habermalz, dpa, tei)


Kommentar von Christiane Habermalz: Ein verlorenes Jahr

Eltern wissen nicht alles, was ihre Kinder treiben. Doch bei der Frage, was die Monate des Homeschoolings für ihre Sprösslinge gebracht haben, dürften sie zumindest noch den besten Eindruck liefern können. Und der ist dramatisch. Gerade mal etwas mehr als vier Stunden am Tag wird im Schnitt zuhause gelernt – an einem normalen Schultag vor der Pandemie waren das, zusammen mit den Hausaufgaben etwa sieben Stunden. Dagegen verdaddeln die Kids viereinhalb Stunden mit Computerspielen, Social Media und Fernsehen.

Wie effektiv die wenigen Stunden des Homeschoolings sind, lässt sich nur unschwer erraten. Noch immer besteht der Großteil des digitalen Fernunterrichts im Bearbeiten von Arbeitsblättern, die per Schulportal bereitgestellt werden. Damit kann man zwar Gelerntes wiederholen, doch neuer Lernstoff lässt sich so kaum vermitteln. Tägliche Videokonferenzen mit der ganzen Klasse, bei denen das möglich wäre, finden auch im zweiten Jahr der Pandemie nur für ein Viertel der Kinder statt, 40 Prozent sehen ihre Lehrer per Videochat maximal einmal die Woche.

Lernschwache noch weiter ins Abseits

Die Eltern-Umfrage des Ifo-Instituts bestätigt damit, was viele schon befürchtet hatten: Das Schuljahr ist gelaufen. Nicht für alle, aber für viele. Schülerinnen und Schüler haben in diesen Monaten der Schulschließungen viel Lernzeit verloren. Wer sich selbst organisieren kann und von zuhause genügend Unterstützung bekommt, profitiert vielleicht sogar von der ungestörten Lernzeit zuhause. Doch gerade die Lernschwachen sind noch weiter ins Abseits getrudelt. Für ihre späteren Lebenschancen kann das verheerend sein.

Konzentrierte Arbeitsstimmung in der Oberstufe. Jugendliche sitzen nebeneinander und habe je ein Buch in Händen. Symbolbild (EyeEm / นายธีรวัฒน์ รัตน์รอดกิจ) (EyeEm / นายธีรวัฒน์ รัตน์รอดกิจ)Schule - Wie sich coronabedingte Lernlücken auffangen lassen
Wie können Schüler den Lernstoff aufholen, den sie Corona-bedingt verpasst haben? Bundesbildungsministerin Karliczek (CDU) hat eine Milliarde Euro für Nachhilfemaßnahmen in Aussicht gestellt. Andere Konzepte erwägen die Verlängerung der Schulzeit oder den Stoff grundsätzlich zu entschlacken. Ein Überblick.

Wie groß die durch Corona entstandenen Wissenslücken sind, ist dabei bislang kaum bezifferbar, denn Vergleichstests fanden dieses Jahr nicht statt. Dabei wären es jetzt notwendiger gewesen denn je gewesen, sich ehrlich zu machen. Die Kultusminister, die den Leistungsvergleich der Bildungssysteme schon zu normalen Zeiten scheuen, haben damit wertvolle Zeit ungenutzt verstreichen lassen. Zeit, in der bereits gezielt Förderprogramme hätten auf den Weg gebracht werden müssen. Denn das ist es, was jetzt ansteht. Klar ist, die Folgen der Schulschließungen werden uns noch lange begleiten.

Geld vom Bund reicht nicht

Die Bildungsmilliarde, die Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) für Nachhilfeprogramme ins Spiel gebracht hat, und die die Sozialdemokraten noch einmal verdoppeln wollen, sind ein richtiger erster Ansatz. Doch reichen dürfte das kaum. Jetzt sind die Länder gefragt, die die Bildungshoheit für sich immer so laut in Anspruch nehmen. Sie müssen schon jetzt für das neue Schuljahr Personal einstellen. IT-Fachleute, damit die schönen digitalen Errungenschaften auch dauerhaft genutzt werden können.

Zusätzliche Lehrkräfte, um im Förderunterricht die klaffenden Wissenslücken zu schließen und Sozialarbeiter, um auch die sozialen und psychischen Folgen, die sich jetzt bereits abzeichnen, abzufangen. Und zwar dauerhaft. Das wird Geld kosten. Doch Kinder und Jugendliche sind diejenigen, die bislang am meisten unter der Pandemie gelitten haben. Sie sollten nicht auch noch um ihre Zukunft gebracht werden.

Christiane Habermalz/Porträtfoto ((c) Deutschlandradio/Bettina Straub)Christiane Habermalz ((c) Deutschlandradio/Bettina Straub)Christiane Habermalz, geboren 1968, studierte Romanistik, Publizistik, Geschichte und Politik an der FU Berlin. Sie absolvierte ein Volontariat beim Deutschlandradio, verbrachte mehrere längere Aufenthalte in Lateinamerika, wo sie u.a. als Journalistin arbeitete. Heute ist sie als Korrespondentin für Kultur- und Bildungspolitik im Hauptstadtstudio des Deutschlandradios tätig. 

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk