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StartseiteInterviewIm Schatten der Gefahr11.03.2011

Im Schatten der Gefahr

Seismologe: Japans Warnsysteme vorbildlich

Obwohl das Beben in Japan zu den stärksten bisher registrierten Erdbeben zählt, rechnet der Seismologe Rainer Kind nicht mit so verheerenden Auswirkungen wie beim Sumatra-Seebeben 2004. Japan habe gut ausgebaute Warnsysteme.

Rainer Kind im Gespräch mit Christian Bremkamp

Gebäude wie Krankenhäuser werden in Japan besonders auf Erdbebentauglichkeit geprüft. (Jenny von Sperber/dradio)
Gebäude wie Krankenhäuser werden in Japan besonders auf Erdbebentauglichkeit geprüft. (Jenny von Sperber/dradio)
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Christian Bremkamp: Schweres Erdbeben vor Japan, Tsunami-Warnung für weite Teile des pazifischen Raums. Am Telefon bin ich jetzt mit Rainer Kind verbunden, Seismologe am Deutschen Geoforschungsinstitut in Potsdam. Herr Kind, wer die Fernsehbilder sieht, die Berichte unserer Korrespondenten hört, fühlt sich unweigerlich an das schwere Seebeben vor Sumatra Weihnachten 2004 erinnert. Die ganzen Ausmaße in Japan sind noch nicht bekannt. Dennoch: Welche Parallelen müssen wir hier ziehen?

Rainer Kind: Ja, auch dieses Beben in Japan jetzt war eines der größten, die jemals weltweit registriert worden sind. Es war aber doch noch deutlich kleiner als das Beben vor Sumatra. Die Bruchfläche in Sumatra betrug etwa 1000 Kilometer, während schätzungsweise die jetzt vor Japan etwa nur die Hälfte betragen haben dürfte. Aber trotzdem haben natürlich beide Beben starke Tsunamis erzeugt. Der Unterschied zu Sumatra war aber, dass dort kein Tsunami-Warnsystem existierte zu der Zeit, während in Japan ein gut ausgebautes Tsunami-Warnsystem existiert und was anscheinend auch funktioniert hat.

Bremkamp: Dazu will ich gleich gerne noch kommen. 8,9 auf der Richterskala, wie entsteht so ein Seebeben?

Kind: Der gesamte Pazifische Ozean bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von etwa zwölf Zentimetern pro Jahr. Das sind immerhin zwölf Meter pro 100 Jahre. Also eine riesige Fläche über Tausende von Kilometern bewegt sich mit dieser Geschwindigkeit auf den eurasischen Kontinent zu und stößt dort auf Japan und wird also in das tiefe Erdinnere nach unten gedrückt. Diese Reibung an der Grenzschicht geschieht natürlich nicht reibungsfrei, sondern die Gesteinsplatten verhaken sich, sie werden aufgeladen wie elastische Federn. Wenn die Bruchfestigkeit überstiegen wird, dann lösen sich die Spannungen, das Gestein schnellt zurück in eine andere Gleichgewichtslage, und das verursacht dieses Erdbeben. Und wenn sich das unter dem Meer befindet, dann werden damit gewaltige Wassermengen bewegt, die dann den Tsunami verursachen.

Bremkamp: Die Menschen in Japan mussten also immer mit solch einem, auch solch schwerem Erdbeben rechnen?

Kind: Das Beben in Japan war anscheinend das stärkste bisher instrumentell registrierte Erdbeben. Aber ähnliche, wenn auch etwas schwächere Beben hat es ständig gegeben und die Menschen in Japan kennen das aus den Jahrhunderten und Jahrtausenden ihrer Geschichte und sind also sehr gut darauf vorbereitet und haben sehr moderne seismologische Netze, mit denen alle Erdbeben registriert werden.

Bremkamp: Nun sind ja in der Folge des Tsunamis 2004 diverse Frühwarnsysteme installiert worden, Sie haben sie gerade angesprochen. Haben die heute denn ausreichend funktioniert?

Kind: Genaue Informationen liegen mir noch nicht vor, aber so wie ich gehört habe, hat es eine Tsunami-Warnung gegeben, und ich rechne auch damit, dass es funktioniert hat, denn es hat mehrere Fälle gegeben, wo das japanische Tsunami-Warnsystem in der Vergangenheit ausgezeichnet funktioniert hat.

Bremkamp: Aber zu einer rechtzeitigen Evakuierung hat es ja offenbar nicht gereicht?

Kind: Ja, die Menschen üben die Evakuierung. Jeder weiß, der in einem gefährdeten Gebiet wohnt, wie er sich zu verhalten hat. Natürlich ist nicht damit zu rechnen, dass immer alles hundertprozentig funktioniert, aber wahrscheinlich ist die recht geringe Zahl der Todesopfer, die es gegeben haben soll, bisher jedenfalls, darauf zurückzuführen, dass also doch vieles funktioniert haben muss.

Bremkamp: Wie schnell ist denn so eine Tsunami-Welle, wenn sie aufs Land trifft?

Kind: Das Epizentrum des Erdbebens war etwa 200 Kilometer vor der Küste. Die Tsunami-Welle bewegt sich etwa mit der Geschwindigkeit eines Düsenflugzeuges, also 8-, 900 Kilometer pro Stunde, auf die Küste zu. Es hat also circa zehn oder etwas länger - an der Küste wird die Geschwindigkeit etwas langsamer -, etwa 10 bis 15 Minuten gedauert, bis die Welle an der Küste eintraf. Das Tsunami-Warnsystem hat wahrscheinlich schon in ein, zwei, drei Minuten die Gefahr erkannt und eine Warnung herausgegeben. Das amerikanische Tsunami-Warnsystem auf Hawaii hat etwa zehn Minuten nach dem Beben eine allgemeine Warnung für den gesamten Pazifik verschickt.

Bremkamp: Wie lange, glauben Sie, wird es dauern, bis auch andere Küsten, sprich andere Länder von dieser Tsunami-Welle betroffen sein werden?

Kind: Inzwischen müssten wohl die meisten Gebiete, die gefährdet waren, von dem Tsunami erreicht worden sein, bis hinunter nach Neuguinea sogar vielleicht, aber es kann immer noch Wellen geben, die komplizierte Wege gelaufen sind, die auch zu späteren Zeitpunkten noch eintreffen können. Also die Gefahr wird wohl noch nicht endgültig vorüber sein.

Bremkamp: Glauben Sie denn, dass die Menschen dort aus den Ereignissen von 2004 ausreichend gelernt haben, dass also auch dort entsprechende Vorbereitungen getroffen worden sind?

Kind: Nein. Das ist sicher noch nicht für den gesamten pazifischen Raum der Fall, obwohl dieses große Beben in Indonesien wahrscheinlich die Aufmerksamkeit doch deutlich erhöht hat. Aber das ist mit sehr viel Aufwand verbunden. In Indonesien und für den indischen Raum wurde ein solches Tsunami-Warnsystem errichtet, mit Unterstützung durch das Geoforschungszentrum. Dort werden auch Übungen durchgeführt. Insgesamt ist natürlich das Bewusstsein für diese Gefahr deutlich erhöht worden, aber wahrscheinlich immer noch nicht ausreichend für den gesamten pazifischen Raum.

Bremkamp: Sie haben gerade verschiedene Frühwarnsysteme angeführt. Wie arbeiten die zusammen, wenn überhaupt?

Kind: Es gibt natürlich einen Austausch an Informationen, aber die verschiedenen Frühwarnsysteme sind für verschiedene Regionen zuständig. Zum Beispiel das indonesische ist in erster Linie natürlich für Indonesien zuständig und Warnungen für weit entfernte Regionen herauszugeben, wo ein anderes System zuständig ist, ist natürlich immer etwas kritisch.

Bremkamp: Wir sprechen gerade über die Tsunami-Wellen. Kommen wir doch mal zurück zu den Erdstößen an sich. Wir haben gelesen, gesehen, dass in Tokio die Hochhäuser gewankt, geschwankt haben. Sind diese Gebäude dort auch für solch ein schweres Erdbeben ganz offensichtlich gewappnet, durch eine spezielle Bautechnik?

Kind: Ja. Die Bauweise der Häuser in Japan gehört zu den besten der Welt, weil die Menschen in Japan natürlich wissen und entsprechende Regeln aufgestellt haben für die Bauweise und sich auch daran halten. Wenn natürlich ein starkes Beben dicht unterhalb einer Stadt ist, dann lassen sich große Zerstörungen nicht vermeiden. Aber relativ ist die Bauweise der Häuser doch verantwortlich für die relativ geringe Anzahl der Opfer, und das muss also anerkannt werden, dass Japan da eine Vorreiterrolle spielt.

Bremkamp: Und auch Vorbild für andere Staaten in der Region?

Kind: Genau das, ja.

Bremkamp: Rainer Kind war das, Seismologe am Deutschen Geoforschungsinstitut in Potsdam. Herzlichen Dank für diese Informationen.

Kind: Ich danke auch.


Mehr Informationen auf dradio.de:

Schwere Zerstörungen nach Erdbeben in Japan - Stärke von bis zu 8,6 - Tsunamiwarnung für Pazifik

Wie werden Erdbeben gemessen - und wie entstehen sie? - Unterschiedliche Messskalen liefern abweichende Werte

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