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StartseiteThemaDas ändert sich, wenn die Hausärzte impfen04.04.2021

Impfungen und PriorisierungDas ändert sich, wenn die Hausärzte impfen

Seit Ostern werden die niedergelassenen Ärzte mit in die Corona-Impfstrategie eingebunden. Die Politik hofft, so Schwung in die schleppende Impfkampagne zu bekommen. Betriebsärzte arbeiten ebenfalls an einer Lösung. An einer entscheidenden Stelle hakt es aber nach wie vor. Ein Überblick.

Nicola Buhlinger-Göpfarth (r), Fachärztin für Allgemeinmedizin, impft in ihrer Praxis eine Patientin gegen das Coronavirus.  (picture alliance/dpa - Christoph Schmidt)
Schon bald könnte in Arztpraxen flächendeckend geimpft werden, auch in Betrieben arbeitet man an einer Impflösung (picture alliance/dpa - Christoph Schmidt)
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Verglichen mit anderen Staaten hinkt Deutschland bei den Impfungen gegen SARS-CoV2 hinterher. Das Ziel, bis Ende des Sommers allen Bürgern und Bürgerinnen ein Impfangebot zu machen, ist mit dieser Geschwindigkeit nicht zu erreichen. Doch nun werden auch die niedergelassenen Ärzte mit in die Impfstrategie eingebunden werden.

Ab wann soll in Hausarztpraxen geimpft werden?

Zunächst waren es nur einige wenige Hausartpraxen in Modellversuchen, seit Ostern sind nun die Hausärzte flächendeckend in die Impfkampagne eingebunden. So sieht es die Impfverordnung vor, die am 8. März in Kraft getreten ist. 

In den ersten April-Wochen sollen jeweils knapp eine Million Impfdosen an die Praxen geliefert werden, hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am 1. April angekündigt. Das entspricht etwas mehr als 20 Impfdosen pro Praxis. Spahn dämpfte deshalb die Erwartungen: "Es ist noch kein großer Schritt, aber ein wichtiger." Zunächst werden nach Angaben des Ministers nur die Hausärzte in die Impfkampagne einbezogen, später sollen auch Fachärzte und Privatärzte dazukommen.

Ein Hausarzt impft einen Patienten. (dpa-Zentralbild/Hendrik Schmidt) (dpa-Zentralbild/Hendrik Schmidt)Impfstart der Hausärzte gut vorbereitet
Impfstoff sei bestellt, Termine könnten schnell vereinbart werden, sagte Vorsitzender des Hausärzteverbandes, Ulrich Weigelt, vor dem Start der Impfungen durch Hausärzte. Unglücklich sei, dass Impfzentren weiter priviligiert würden.

Die Herausforderung liegt auch bei der Logistik der Impfstoffe, hierbei gibt es deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Vakzinen. Während die mRNA-Impfstoffe von Moderna und Biontech/Pfizer tiefgekühlt werden müssen, können die Vektorvakzine von Astrazeneca und Johnson & Johnson bei normalen Kühlschrank-Temperaturen gelagert werden. Das macht die Vektorvakzine gerade für Hausarztpraxen leichter handhabbar.

Seit Ende März ist der Impfstoff von Biontech allerdings auch mit einer Kühlung von minus 25 bis minus 15 Grad von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) zugelassen. Vorher waren maximal minus 60 Grad vorgeschrieben. Biontech selbst geht sogar davon aus, dass das Vakzin bis zu fünf Tage auch problemlos bei zwei bis acht Grad gelagiert werden kann. Durch die veränderte Zulassung der EMA können nun auch Hausarztpraxen den Impfstoff von Biontech verimpfen.

In den ersten zwei April-Wochen sollen die Praxen zunächst auch erstmal den Impfstoff von Biontech bekommen, danach auch das Vakzin von Astrazeneca und noch eine Woche später zusätzlich den Impfstoff von Johnson & Johnson. Moderna solle vorerst ausschließlich in den Impfzentren verimpft werden, sagte Gesundheitsminister Spahn. Hier gibt es offenbar Vorbehalte, was die Stabilität und damit Wirksamkeit des Impfstoffes angeht, wenn er über den üblichen Weg an Praxen ausgeliefert wird.

Mehrere Injektionsnadeln liegen in einem Halbkreis, das Foto ist künstlerisch verfremdet. (imago / Future Image) (imago / Future Image)Corona-Impfstoffe in der Übersicht
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Welchen Vorteil hat das Impfen in Hausarztpraxen?

Unterstützen die niedergelassenen Ärzte die Testzentren, wird die Impfkampagne schneller vorangehen. Hausärzte sind in der Regel schnell und unkompliziert zu erreichen, und Impfen gehört zu ihrem Kerngeschäft. In jeder Influenza-Saison impfen Haus- und Fachärzte innerhalb kurzer Zeit zwischen zehn und zwanzig Millionen Menschen.

Fabian Holbe impft bereits in seiner Hausarztpraxis in Nordwestmecklenburg in einem Pilotprojekt und sagte im Deutschlandfunk: "Wir werden einen enormen Geschwindigkeitsbonus erreichen, wenn flächendeckend in Arztpraxen geimpft wird." 

Mithilfe der Impfungen in Hausarztpraxen werde man Ende April auf fünf Millionen Impfungen pro Woche kommen, sagte Bundesfinanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz im Deutschlandfunk. "Im Höhepunkt Juni, Juli, um den Wechsel, wird es bis zu zehn Millionen Impfungen pro Woche geben."

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Andreas Gassen von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung hält eine Impfquote von fünf Millionen Dosen pro Woche in den Arztpraxen für realistisch. Doch sei ihm nicht klar, "wer die zehn Millionen Impfungen, die Herr Scholz verspricht, bitte durchführen soll", sagte Gassen im Dlf. "Abgesehen davon, dass wir die Impfstoffmenge im Moment bei Weitem nicht haben. Insofern ist das aus meiner Sicht ein leeres Versprechen." Er sagte: "Wir in den Praxen haben eine vergleichsweise einfache Forderung: Lasst uns einfach impfen! Stellt uns den Impfstoff in den Apotheken zur Verfügung und erschlagt uns nicht mit einer Dokumentationsbürokratie." 

Ein Corona-Impfstoff wird mit einer Spritze aufgezogen. (imago / Georg Ulrich Dostmann) (imago / Georg Ulrich Dostmann)Hausärztin: "Wir sind die ersten Ansprechpartner für unsere Patienten"
Anke Richter-Scheer vom Bundeshausärzteverband hält es für richtig, die Arztpraxen in die Corona-Impfstrategie mit einzubeziehen. Hausärzte seien die Ansprechpartner für Patienten und könnten die Impfungen gut steuern, sagte sie im Dlf.

Was bedeutet das für die Impfpriorisierung?

Im Beschluss der Bund-Länder-Runde vom 3. März 2021 heißt es: "Die tatsächliche Entscheidung der Priorisierung erfolgt nach jeweiliger ärztlicher Einschätzung vor Ort." Nach der geänderten Impfverordnung des Bundes vom 8. März kann von der Reihenfolge dann abgewichen werden, "wenn dies für eine effiziente Organisation der Schutzimpfungen oder eine zeitnahe Verwendung vorhandener Impfstoffe notwendig ist, insbesondere um den Verwurf von Impfstoffen zu vermeiden". Das gilt für Impfzentren und Hausärzte gleichermaßen.

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"Hausärzte halten sich an die Vorschriften, aber sind pragmatisch", sagte der Vorsitzende des Hausärzteverbandes, Ulrich Weigelt, im Deutschlandfunk. Die Flexibilität werde sich im Rahmen der Vorgaben der Ethikkommission bewegen. Hausärzte hätten dabei die Möglichkeit, nicht nur nach dem kalendarischen Alter zu gehen. "Wir kennen die Menschen", sagte Weigelt. Individuelle Risiken könnten so berücksichtigt werden. Wenn die Impfstoffmenge ein bestimmtes Maß überschritten habe, müsse die Priorität sein, "den zugelassenen Impfstoff schnellstmöglich allen, die können und wollen, zu impfen", sagte Weigelt zudem Anfang April der "Rheinischen Post".

Patientenschützer erheben dagegen Einspruch: "Für das Impfangebot der Hausärzte gilt weiterhin die ethisch festgelegte Reihenfolge. Eine Abkehr wird im April nicht möglich sein, da Vakzine weiterhin knapp sind", sagte der Vorsitzende der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch der Nachrichtenagentur dpa.

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Welche Probleme gibt es derzeit noch?

Moment hakt es insbesondere bei der Logistik, das heißt, es gibt nach wie vor nicht genug Impfstoff. Deshalb werden zunächst weniger Praxen einbezogen als geplant. Und der vorhandene Impfstoff wird nach einem klaren Schlüssel verteilt: Zwei von drei Impfdosen gehen zunächst an die Impfzentren. Deshalb kann jede Arztpraxis zu Beginn gerade mal 20 oder maximal 30 Patienten in der Woche impfen.

Die Hausärzte kritisieren den Verteilschlüssel. Ihrer Meinung nach sei es besser, mehr Impfstoff an die Praxen auszuliefern und weniger an die Impfzentren. Die Bundesländer wiederum argumentieren damit, dass Menschen, die seit Wochen auf ihren Termin in einem Impfzentrum warteten, kein Impfstoff weggenommen werden dürfe.

Die Politik verspricht jedoch, dass das Problem des Impfstoffmangels schon bald der Vergangenheit  angehört. Bundesgesundheitsminister Spahn sagte am 1. April, dass er für Ende April schon drei Millionen Dosen pro Woche erwartet. Dann werde die Impfkampagne deutlich Fahrt aufnehmen. Es würden Strukturen etabliert, "die uns perspektivisch helfen, schneller und mehr zu impfen", sagte Spahn.

Wie läuft die Impfung in Betrieben ab?

Eine naheliegende Idee ist es auch, Impfungen direkt in den Betrieben durchzuführen. Ulrike Lüneburg, Geschäftsführerin von BAD, einem Unternehmen, das Betriebsarztaufgaben für Unternehmen organisiert, sagte im Dlf, dass BAD ab Mitte April bereit wäre für die Verimpfung in Betrieben. Insgesamt werden durch das Unternehmen 280.000 Firmen und Betriebe mit vier Millionen Beschäftigten betreut.

Lüneburg geht davon aus, dass pro Quartal ungefähr 1,2 Millionen Impfungen durchgeführt werden könnten. Dies könne durch vorhandene Gesundheitszentren, in den Räumlichkeiten vor Ort oder in speziell zur Verfügung gestellten Zelten oder ähnlichen Räumen geschehen. Die Bereitstellung bis Mitte April könne jedoch nicht für alle Betriebe auf einmal erfolgen. Die Unternehmen wollten so schnell wie möglich wieder zurück in einen geregelten Ablauf, berichtete die Geschäftsführerin von BAD. Entsprechend erreichten ihr Unternehmen derzeit viele Anfragen. 

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

(Quelle: Marius Gerads, js, nin)

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