Montag, 06. Dezember 2021

Corona-Impfung Sollten sich Kinder und Jugendliche impfen lassen?

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Corona-Schutzimpfung für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren mit dem Biontech-Impfstoff. Für Kinder ab fünf ist die STIKO-Entscheidung noch offen, die EMA hat bereits grünes Licht dafür gegeben. Was spricht für, was gegen eine Kinder-Impfung?

05.12.2021

Niedersachsen, Hannover: Ein Kinderarzt impft ein Kind mit einem 6-fach-Kombinationsimpfstoff gegen Diphtherie, Tetanus (Wundstarrkrampf), Kinderlähmung (Polio), Keuchhusten (Pertussis), Haemophilus influenzae Typ b (Hib) und Hepatitis B.
Profitieren Kinder und Jugendlichen medizinisch von der Impfung – oder überwiegt das Risiko? (dpa-Bildfunk / Julian Stratenschulte)
Seit August 2021 empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) Corona-Impfungen für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren. Nach sorgfältiger Bewertung neuer wissenschaftlicher Beobachtungen und Daten zu der Einschätzung sei man zum Schluss gekommen, "dass nach gegenwärtigem Wissensstand die Vorteile der Impfung gegenüber dem Risiko von sehr seltenen Impfnebenwirkungen überwiegen", teilte das Gremium mit.
Der Entscheidung lagen Erkenntnisse aus den USA zugrunde, wonach zum einen die selten auftretende Herzmuskelentzündung als mögliche Nebenwirkung bei Jugendlichen gut ausheilt und zum anderen durch die Delta-Variante die Wahrscheinlichkeit einer Infektion auch für Jugendliche deutlich steigt. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat die Impfstoffzulassung deshalb für diese Altersgruppe empfohlen.
Auch für Kinder ab fünf Jahren gibt es eine Zulassungsempfehlung der EMA. Die EU-Arzneimittelbehörde gab für die Anwendung des Biontech-Impfstoffes in dieser Altersgruppe am 25. November grünes Licht. Die Ständige Impfkommission STIKO hat für Deutschland noch keine Empfehlung ausgesprochen und will damit warten, bis der Kinder-Impfstoff vorliegt. Das sagte STIKO-Mitglied Martin Terhardt am 26.11.2021 im Deutschlandfunk.
In den USA ist eine Variante des Impfstoffes von Biontech/Pfizer für Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren zugelassen. Das Center for Disease Control, eine Behörde des US-amerikanischen Gesundheitsministeriums, empfiehlt sie für alle in dieser Altersgruppe. Auch Israel impft seit 22. November Fünf- bis Elfjährige mit diesem Vakzin. Das Mainzer Unternehmen BioNTech und der US-Konzern Pfizer haben angekündigt, ab dem 13. Dezember mit der EU-weiten Auslieferung des Kinderimpfstoffes zu beginnen.
Was Sie über die Corona-Impfung für Kinder ab fünf wissen müssen
Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat den ersten Corona-Impfstoff für Kinder ab fünf Jahren zur Zulassung empfohlen. Wann ist nun mit einer Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) zu rechnen? Wie beurteilen Kinderärzte die Immunisierung von Kindern unter 12 Jahren? Ein Überblick.

Individuelles Risiko von Kindern

Bislang gibt es hinsichtlich Impfrisiken keine gravierenden Sicherheitsbedenken. In den USA und in Israel ist es bei Jungen wenige Tage nach der zweiten Impfung mit einem mRNA-Impfstoff in seltenen Fällen zu einer Myokarditis gekommen. Eine Myokarditis ist eine Entzündung des Herzmuskels, die sich mit Brustschmerzen, Herzklopfen, Herzrhythmusstörungen und/oder Herzversagen äußern kann. Die Entzündung lässt sich gut behandeln - wichtig ist, dass sie frühzeitig erkannt wird. "Es geht um wenige Hundert Fälle einer Erkrankung mit meist mildem Verlauf bei insgesamt mehr als fünf Millionen Geimpften", sagte der Kardiologe und Pharmakologe Thomas Meinertz der Deutschen Presse-Agentur.
Der Kinder- und Jugendarzt Martin Terhardt, Mitglied der Ständigen Impfkommission, rechnete das Ende August auf Deutschland hoch: Würde man alle vier Millionen Menschen im entsprechenden Alter impfen, sei bundesweit von 164 Fällen von Myokarditis auszugehen, sagte er am 21.08.2021 im Dlf .
Zwei Hände in Handschuhen halten die ettiketierten Impfdosen, Symolfoto
Corona-Impfung (IMAGO / C3 Pictures)
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Kinder und Long Covid

Zwar entwickelt die Mehrzahl der Kinder bei Covid-19 nur milde oder gar keine Symptome. Doch es gibt Hinweise aus mehreren Studien, dass auch Kinder lange mit den Spätfolgen zu kämpfen haben. Problematisch ist dabei aber die Bewertung der bislang vorliegenden Ergebnisse. Die Studien lassen sich schlecht vergleichen, wegen des unterschiedlichen Studiendesigns oder der nicht einheitlichen Betrachtung von Long Covid und Post Covid bei den Symptomen.
Differenziertere Erkenntnisse erhofft man sich von einer Studie der Forschungsgruppe des Universitätsklinikums Dresden.
Post-Covid-Studie der TU Dresden

Forscher in Dresden werteten die Krankenkassendaten von Kindern und Jugendlichen aus, die in der ersten Pandemiewelle an Covid-19 erkrankt waren. In einem zweiten Schritt wurden die Datensätze daraufhin untersucht, ob dieselben Kinder mindestens drei Monate später wegen typischer Long-Covid-Symptome in Behandlung waren, wie Müdigkeit oder Konzentrationsschwächen. Um mögliche andere Ursachen für diese Symptome auszublenden, wie etwa die Folgen des Lockdowns, verglich das Team aus Dresden die untersuchte Gruppe von Infizierten mit einer ähnlich zusammengesetzten Gruppe von Kindern und Jugendlichen, bei denen zuvor keine Infektion Covid-19 festgestellt worden war.
Dabei zeigte sich, dass die jungen Covid-19-Patienten ein größeres Risiko für typische Long-Covid-Symptome aufwiesen. Bei ihnen traten diese Symptome um 30 Prozent häufiger auf als bei der Vergleichsgruppe. Besonders häufig bei den festgestellten Symptomen waren Unwohlsein und rasche Erschöpfung, Husten, Schmerzen im Hals- und Brustbereich sowie Angststörungen und Depressionen.
Spätfolgen von Covid-19 sind also auch bei Kindern und Jugendlichen zu beobachten, die festgestellten Raten der Betroffenen mit Long Covid sind allerdings deutlich niedriger als bei Erwachsenen.
Ein Kind mit Maske geht auf einer Straße in New York
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Welche Vorerkrankungen können Kinder gefährden?

Gleich mehrere Krankheiten erhöhen das Risiko bei Kindern für schwere Verläufe oder sogar für Todesfälle. Die STIKO nennt hier zum Beispiel Lungenleiden, chronische Nierenprobleme, schwere Herzinsuffizienz, ein eingeschränktes Immunsystem, Tumore, Trisomie 21 oder sehr starkes Übergewicht.

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Psychosoziale Folgen von Corona

Der Kinderarzt Jacob Maske argumentierte im Deutschlandfunk, dass man auch den Einfluss der Impfung auf soziale Kontakte einbeziehen sollte. Man habe gesehen, dass die Lockdown-Maßnahmen "sehr viel mehr Schäden bei den Kindern und Jugendlichen angerichtet haben als die Erkrankung selbst." Schließungen von Schulen und Sportstätten müssten zukünftig vermieden werden.
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Coronavirus - Impfung beim Kinder- und Jugendarzt (picture alliance / dpa / Fabian Sommer)
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Warum impfen Israel und die USA Kinder über zwölf schon länger?

Verschiedene Länder stufen SARS-CoV-2 für Kinder als unterschiedlich gefährlich ein und wägen individuell ab, ob der Nutzen der Impfung überwiegt oder nicht. US-amerikanische Kinderärzte geben an, dass Kinder zwei Prozent der Krankenhauseinweisungen wegen Covid-19 ausmachen – Tendenz steigend, weil ältere Menschen zunehmend geimpft sind. In den USA leben im Vergleich zu Deutschland jedoch auch mehr Menschen mit afrikanischen oder lateinamerikanischen Wurzeln, deren Kinder häufiger Risikofaktoren aufweisen und entsprechend häufiger schwere Covid-19-Verläufe erleben.
Die Centers for Disease Control and Prevention empfehlen deshalb die Impfung für alle Kinder im Alter von über zwölf Jahren. Dabei verweisen sie auf einen zweiten Aspekt, der auch in Israel eine Rolle spielt: Nur wenn wirklich breit geimpft werde, lasse sich die Pandemie stoppen. Israel hat eine jüngere Gesellschaft als Deutschland, deshalb spielen Kinder dort eine größere Rolle, wenn es um das Erreichen eines Gruppenschutzes gegen das Coronavirus geht.
Auch Kinderarzt und STIKO-Mitglied Martin Terhardt verweist darauf, dass es in den USA insgesamt eine viel höhere Krankheitslast und schwerere Verläufe bei Jüngeren gegeben habe. Daher sei dort die Risikoabwägung eine ganz andere gewesen als zunächst in Deutschland. Zwar habe sich auch hierzulande im Sommer eine prozentuale Zunahme jüngerer Menschen bei der Krankenhauseinweisung wegen Corona gezeigt. "Aber das Risiko von Jugendlichen, wenn sie sich infizieren, schwer zu erkranken, ist in Deutschland weiterhin gering", betonte Terhardt im Dlf.
Quellen: Volkart Wildermuth, Martin Winkelheide, Martin Mair, Arndt Reuning, Martin Terhardt