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StartseiteForschung aktuell"Viel widerstandsfähiger als wir Erwachsenen"10.03.2020

Infektiologe zu Kindern und Covid-19"Viel widerstandsfähiger als wir Erwachsenen"

Kinder seien bei einer Infektion mit dem Coronavirus am wenigsten gefährdet, sagte der Münchner Infektiologe Johannes Hübner im Dlf. Ihre Gesundheit sei insgesamt besser als diejenige von Erwachsenen. Die Krankheit verlaufe – so wie bei vielen verwandten Viruserkrankungen – nicht so schwer.

Johannes Hübner im Gespräch mit Lennart Pyritz

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Mutter und Tochter mit Schutzmaske. (imago)
Mutter und Tochter mit Schutzmaske. (imago)
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Kinder erkranken meist nicht stark, wenn sie sich mit dem neuartigen Coronavirus infizieren. Das belegt auch eine neue Studie von Forschenden aus den USA und China. Sie basiert auf Daten Hunderter COVID-19-Patienten in der chinesischen Stadt Shenzhen und Infektionsdaten aus deren sozialem Umfeld. Demnach haben Kinder ein ähnliches Risiko, sich mit dem Virus anzustecken, wie der Rest der Bevölkerung – zeigen aber nur selten Symptome.

Johannes Hübner ist Infektiologe an der Kinderklinik der LMU München. Er geht davon aus, dass, den Ergebnissen der Studie zufolge, Kinder das Coronavirus besser abwehren können.

Johannes Hübner: Den Eindruck haben wir schon, wenn wir uns die Studien anschauen, die es dazu gibt. Es gibt große Fallserien, wo 44.000 Patienten untersucht worden sind in China, da sieht man, dass Kinder einerseits seltener erkranken als Ältere, das spricht ein bisschen gegen diese Studie, die Sie gerade zitiert haben. Aber man sieht vor allem, dass das bei den Kindern sehr viel weniger schwer verläuft. Es gibt auch einzelne kleine Fallserien zum Beispiel von einer Studie, da sind neun Kinder unter einem Jahr untersucht worden und keines dieser Kinder hatte einen schweren Verlauf.

Insgesamt entsteht der Eindruck, dass Kinder sehr viel weniger schwer betroffen sind von dieser Erkrankung.

Coronavirus (imago / Science Photo Library)Coronavirus (imago / Science Photo Library)

"Verläufe waren sehr viel milder als bei den Erwachsenen"

Pyritz: Sie haben ja auch persönliche Erfahrungen gesammelt, da Sie an den bayerischen Fällen der Firma Webasto, wo ja auch Kinder zumindest infiziert wurden, weil Sie da an der Betreuung beteiligt waren.

Hübner: Genau, da war das auch so, das war eine Familie mit drei Kindern. Und zwei von diesen drei Kindern waren positiv für das Virus, das dritte gar nicht – und bei diesen drei Kindern waren die Verläufe auch sehr viel milder als bei den Erwachsenen.

Pyritz: Wie bewerten Sie denn sozusagen die Gesamtstudienlage zu dem Themenkomplex Kinder und Coronavirus, wie zuverlässig ist da die Datenlage bisher?

Hübner: Das ist extrem schwierig, alles einzuschätzen, das muss man ganz klar sagen, weil das Ganze läuft ja erst einen ganz kurzen Zeitraum. Sie müssen sich klarmachen, das sind im Prinzip jetzt mehr oder weniger zwei Monate, wo wir Erfahrungen haben, wir haben dafür, glaube ich, jetzt relativ viele Studien und Berichte, aber das ist natürlich alles sehr vorläufig. Und es wird sicher auch dauern, bestimmte Untersuchungen wird man erst im Nachhinein machen können. Da wird man zum Beispiel gucken können, wir Patienten mit ihrer Antikörperantwort reagieren. Das ist immer eine ganz wichtige Information auch zum Beispiel bei Influenza-Saisons, wie viele Patienten haben überhaupt Kontakt mit dem Virus gehabt. Das kann man nachträglich an den Antikörpertitern sehen, das sind sicher Dinge, die erst in den nächsten Monaten oder im nächsten Jahr bekannt werden.

Nichtsdestotrotz und auch im Gegensatz zu dem letzten Ausbruch mit SARS ist die chinesische Regierung da sehr offen, hat auch sehr viele Informationen gesammelt und auch publiziert.

Pyritz: Vorausgesetzt es stimmt oder es bewahrheitet sich dann auch in Zukunft, dass Kinder sich mit diesem Virus infizieren, aber eben nicht stark erkranken oder selten Symptome zeigen, woran könnte das liegen diese unterschiedliche Reaktion von Kindern und Erwachsenen auf das Virus?

Hübner: Ein interessanter Aspekt, der auch diese vorläufige Beobachtung unterstützt, ist, dass man bei den verwandten Viren SARS und MERS auch gesehen hat, dass Kinder viel weniger betroffen waren, auch infiziert worden sind, aber sehr viel weniger schwere Verläufe haben. Das passt also somit auch ins Bild, das man sich die ganze Zeit gemacht hat.

Wir sehen das bei einer ganzen Reihe von Erkrankungen, Kinder sind natürlich erst mal auch gesünder als Erwachsene, haben weniger andere Erkrankungen. Zum Beispiel, was man in China weiß, Rauchen zum Beispiel ist ein Risikofaktor, das hat man natürlich bei Kindern nicht. Und eben auch weitere Erkrankungen, Herzerkrankungen, Nierenerkrankungen, das ist natürlich seltener bei Kindern, sodass Kinder insgesamt gesünder sind.

Was vielleicht aber auch eine Rolle spielt, das wissen Kinderärzte, das wissen auch alle Eltern: Kinder machen natürlich sehr viele solche respiratorischen Infektionen durch im Laufe der ersten Lebensjahre, das ist ja an der Tagesordnung, dass die Kinder da Husten und Schnupfen haben. Und da sind zum Beispiel solche Coronaviren auch beteiligt, es gibt ja sehr viele unterschiedliche Coronaviren, da gibt es auch welche, die eben diese typischen oberen Atemwegsinfekte bei Kinder verursachen, die wir ständig sehen.

Ob da eine Kreuzprotektion, also ein Kreuzschutz, auch da ist, die Viren sind ähnlich, haben ähnliche Oberflächenstrukturen, und die Kinder bilden Antikörper, die sie dann vielleicht auch besser vor dem neuen Coronavirus schützen, das wäre so eine Möglichkeit.

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"Das angeborene Immunsystem spielt bei Kindern sicherlich eine wichtige Rolle"

Pyritz: Könnte man sich auch vorstellen, dass das Immunsystem von Kindern und Erwachsenen grundsätzlich noch anders mit so einem Virus umgeht?

Hübner: Das ist sicher der Fall, Kinder entwickeln zum Beispiel so eine Antikörper-Antwort auch erst in den ersten Lebensjahren, es gibt ja das sogenannte spezifische Immunsystem, was sich sozusagen mit Antigenen trainiert, also mit Oberflächenstrukturen, die der Körper erkennt und dann erst diese Antikörper bildet. Aber es gibt auch das sogenannte angebrochene Immunsystem, das spielt bei Kindern sicher eine wichtige Rolle.

Wir wissen zum Beispiel auch, wenn Kinder eine Windpockenerkrankung bekommen, dass die normalerweise sehr viel weniger schwerwiegend verläuft, als wenn ein Erwachsener so eine Windpockeninfektion bekommt. Das Immunsystem ist vielleicht auch weniger überreaktiv auf eine solche Infektion als bei Erwachsenen.

Übertragungsfähigkeit noch völlig unklar

Pyritz: Übertragen Kinder denn das Virus, obwohl sie selten Symptome zeigen oder auch wenn sie keine Symptome zeigen? Kann man da schon Rückschlüsse ziehen aus der derzeitigen Studienlage?

Hübner: Ich glaube, da kann man noch nichts dazu sagen. Vielleicht, was ganz interessant ist bei diesem Kindern, die wir da eben auch beobachtet haben in der Nähe von München, diese Kinder hatten das Virus gar nicht im Respirationstrakt, sondern die haben einen Virusnachweis im Stuhl gehabt. Was das jetzt genau bedeutet, weiß man ehrlich gesagt auch noch nicht genau. Man hat dieses Virus mit PCR nachgewiesen, sprich man hat DNA, Erbinformationen nachgewiesen. Das kann natürlich auch sein, dass die sozusagen verschluckt wird und dann über den Stuhl ausgeschieden wird.

Ob das wirklich ein funktionsfähiger Virus ist, der da ausgeschieden wird, das wissen wir noch gar nicht. Aber das kann durchaus sein, dass Kinder da eben auch  andere Wege haben, wie dieser Erreger übertragen wird, das sind alles Dinge, glaube ich, die wir in den nächsten Monaten erforschen müssen.

Infektiologe: Kinder sind besser geschützt, als man glaubt

Pyritz: Das heißt, inwiefern Kita- und Schulschließungen die Ausbreitung dieses Virus bremsen oder hemmen können, das ist vor diesem Hintergrund auch noch gar nicht so ganz klar.

Hübner: Das sehe ich auch so, ich denke, die Übertragungsfähigkeit innerhalb von Schulen, Kitas beziehungsweise dann eben auch die Möglichkeit der Übertragung des Virus von den Kindern zurück auf die Eltern oder auch auf die Lehrer ist vollkommen unklar, wissen wir noch nicht so genau. Und ob das deshalb wirklich jetzt eine gute Idee ist, glaube ich, kann man noch gar nicht so richtig sagen. Was ich vielleicht noch mal sagen möchte: Nach allem, was wir bisher wissen, sind die Kinder von allen Menschen wahrscheinlich die, die am wenigsten gefährdet sind durch dieses Virus.

Und man hat natürlich immer die Sorge, Kinder sind klein und wirken zerbrechlich, aber gerade im Bezug auf diese Erkrankung sind sie wahrscheinlich sehr viel besser ausgerüstet und sehr viel widerstandsfähiger als wir Erwachsenen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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