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StartseiteForschung aktuellSchäden bei Hummeln und Wildbienen nicht ausgeschlossen16.08.2018

Insektengift SulfoxaflorSchäden bei Hummeln und Wildbienen nicht ausgeschlossen

Seit dem Frühjahr sind Pestizide aus der Gruppe der Neonicotinoide für die allermeisten Anwendungen in Europa verboten, weil sie Bestäuber wie Hummeln und andere Wildbienen schädigen. Viele Landwirte setzen nun auf neue Wirkstoffe wie Sulfoxaflor. Forschungen britischer Wissenschaftler lassen aber aufhorchen.

Von Joachim Budde

Dunkle Erdhummel (Bombus terrestris), auch dicke Hummel oder schwarze Hummel, echter Lavendel (imago )
Laut den Forschungen britischer Wissenschaftler schädigt das Insektengift Sulfoxaflor Hummeln (imago )
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Wenn es um die Auswirkungen von Insektengiften auf Bestäuber geht, sind Honigbienen die Modellorganismen, an denen die Tests durchgeführt werden. Doch weil Honigbienen in riesigen Völkern leben, können sie toxische Belastungen abfedern, die bei Hummeln und anderen Wildbienen schwere Konsequenzen haben könnten. Das haben zahlreiche Studien bei den Neonicotinoiden in den letzten Jahren gezeigt.

Sulfoxaflor gehört zu einer neuen Generation von Insektengiften. Es hat eine andere chemische Struktur, wirkt aber ganz ähnlich wie die Neonicotinoide, sagt Professor Mark Brown von der Royal Holloway University of London.

"Sulfoxaflor bindet an den Nikotinischen Acetylcholinrezeptor. Darum kann es die Neurologie und das Verhalten von Insekten beeinflussen. In den Mengen, in denen es als Gift eingesetzt wird, verursacht es bei Schädlingen Krämpfe, an denen die Tiere letztlich sterben."

Sulfoxaflor schon in fünf Staaten der EU zugelassen

Bereits in mehr als 40 Ländern ist das Insektizid Sulfoxaflor zugelassen – auch in fünf Staaten der EU. Auch Bestäuber wie Honigbienen und Hummeln kommen damit in Kontakt, wenn sie Blüten besprühter Pflanzen besuchen. Mark Brown wollte wissen, welche Auswirkungen diese neuen Mittel auf Hummeln haben.

"Wir sammelten wilde Hummelköniginnen und zogen mit diesen Tieren Kolonien auf. Alle Kolonien bekamen Zuckerwasser als Futter, sobald erste Arbeiterinnen schlüpften, bekam die Hälfte der Kolonien Zuckerwasser, das Sulfoxaflor enthielt. Nach zwei Wochen – was der Zeit entspricht, die Hummeln den Stoffen ausgesetzt sind, wenn sie auf einen Acker gesprüht werden – stellten wir die Kolonien ins Freie und verfolgten die Saison über, wie sie sich vermehren und Nahrung sammeln."

Draußen konnten sich alle Hummeln ihr Futter selbst suchen. Die Londoner Biologen beobachteten, dass sich die Völker, die Sulfoxaflor ausgesetzt waren, schlechter entwickelten als jene, die reines Zuckerwasser bekommen hatten.

"Die belasteten Kolonien produzierten außerdem deutlich weniger fortpflanzungsfähige Tiere, vor allem die Zahl der Männchen war geringer. Diese Effekte waren vergleichbar mit denen, die sich bei Experimenten mit Neonicotinoiden gezeigt haben."

Wildbienen werden noch immer viel zu wenig berücksichtigt

Anders als bei Honigbienen überwintern bei den Hummeln nur die neuen Jungköniginnen, der Rest des Hummelvolks stirbt. Bringt eine Hummel-Kolonie weniger fortpflanzungsfähige Tiere hervor, setzt das die gesamte Art unter Druck. 

"Es sieht danach aus, dass aus den Larven, die früh in der Entwicklung der Kolonie Kontakt mit Sulfoxaflor hatten, weniger Arbeiterinnen schlüpfen. Dieser Effekt setzt sich über die gesamte Lebensdauer des Volks fort. Jahrzehnte von Hummelforschung haben gezeigt, dass die Anzahl der Arbeiterinnen wirklich wichtig dafür ist, wie viele Männchen und wie viele Königinnen sie hervorbringen."

Die Wissenschaftler fütterten den Hummeln in ihrer Untersuchung Mengen von Sulfoxaflor wie sie in Studien angegeben waren, die die US-amerikanische Umweltbehörde EPA bei ihrer Risikobewertung des Mittels herangezogen hat. Welchen Mengen des Gifts Hummeln in freier Natur tatsächlich ausgesetzt sind – dazu gebe es bislang keine Daten. Wie schon bei den Neonicotinoiden würden Wildbienen bei der Zulassung von Insektiziden noch immer viel zu wenig berücksichtigt, sagt Mark Brown.

"Das ändert sich zwar nach und nach. Die OECD hat vergangenes Jahr eine erste Richtlinie für die Risikobewertung für Hummeln herausgegeben. Es ist aber noch ein langer Weg zu wirklich gut etablierten Prüfprotokollen zur Bestimmung von Gefahren kleinster Dosen von Insektengiften für Hummeln und einzeln lebende Bienen. Wir hoffen, dass unsere Studie hilft, diesen Prozess voranzubringen."

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