Fachkräftemangel
Warum Deutschland für internationale Fachkräfte so unattraktiv ist

Deutsche Unternehmen kämpfen um hochqualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland. Doch viele der sogenannten Expats zögern mittlerweile, nach Deutschland zu kommen. Ein entscheidender Grund ist auch der Rechtspopulismus.

15.04.2024
    Eine junge vermutlich indische Frau mit dunklen Haaren, die zu einem Zopf gebunden sind, arbeitet als Software-Ingenieurin und überprüft den Service von Roboter-Montagen in einer Anlagenindustrie.
    Zwei von drei Fachkräften aus dem Ausland berichten in einer aktuellen Studie, dass sie in Deutschland Diskriminierung erfahren haben. (IMAGO / Pond5 Images)
    Deutschland sucht händeringend nach Fachkräften. Nach Einschätzung der Wirtschaftsweisen Monika Schnitzer brauche man rund 400.000 Zuwanderer netto pro Jahr, um den Fachkräftemangel bekämpfen zu können.
    Viele Fachkräfte aus dem Ausland sehen Deutschland zwar weiterhin als ein attraktives Ziel, wie eine aktuelle Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigt. Doch immer mehr Hochqualifizierte zögern, tatsächlich nach Deutschland zu kommen. Andere Studien zeichnen ein ähnliches Bild. Woran liegt das?

    Warum ist Deutschland unattraktiv für Fachkräfte?

    Details für das schlechte Image Deutschlands liefert eine aktuelle Studie von Internations, einem globalen Netzwerk für internationale Fachkräfte, das seit Jahren regelmäßig Befragungen in 53 Ländern mit Expats durchführt. Internations ermittelt dabei, wie attraktiv das jeweilige Land ist, in denen die Fachkräfte leben. Faktoren sind unter anderem die Willkommenskultur, die Lebensqualität oder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.  

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    Bürokratische Hürden und erschwerte Wohnungssuche

    Die Ergebnisse der neuesten Studie zeigen: Deutschland liegt weit hinten, auf Platz 49 von 53. Zwar finden Expats die Arbeitsplätze hierzulande in Bezug auf Qualität, Bezahlung und Chancen attraktiv und international wettbewerbsfähig. Auch die soziale Sicherheit und die gesetzlichen Sozialsysteme werden positiv bewertet.
    Andere Faktoren wie bürokratische Hürden und die Wohnsituation schneiden hingegen schlecht ab. Auch in der OECD-Studie zeigt sich, dass eine der größten Herausforderungen bei der Einwanderung die Bürokratie ist, insbesondere bei der Visavergabe. Die langwierigen Verfahren und komplizierten Abläufe schrecken viele ausländische Fachkräfte ab. Wenn es darum geht, wo man am leichtesten einen Start hinlegen kann, landet Deutschland in der Befragung daher sogar auf Rang 53 von 53.

    Fehlende Willkommenskultur und Diskriminierung

    Auch die fehlende Willkommenskultur ist laut Internations ein entscheidender Faktor, warum Deutschland für viele Fachkräfte unattraktiv ist. Viele der Befragten empfinden Deutsche als unfreundlich gegenüber Ausländern. Sie haben beispielsweise Schwierigkeiten, Freundschaften zu knüpfen und erfahren Diskriminierung.
    Ähnliche Ergebnisse zeigt die OECD-Studie. Die befragten Fachkräfte aus dem Ausland berichten, dass sie mehr Diskriminierung erfahren haben als sie vor dem Umzug erwartet. Mehr als die Hälfte der Befragten geben an, dass sie im Vergleich zu deutschen Bürgern auf dem Wohnungsmarkt benachteiligt werden.
    Etwa 37 Prozent haben Diskriminierung in öffentlichen Bereichen wie Gaststätten und auf der Straße erlebt. Rund 15 Prozent fühlen sich von der Polizei diskriminiert, 23 Prozent in den Schulen ihrer Kinder und 28 Prozent am Arbeitsplatz. Zusätzlich berichtet fast ein Drittel (30 Prozent) der Befragten von Diskriminierung durch ihre Nachbarschaft und Mitarbeiter der Ausländerbehörden.

    Sprachhürde Deutsch

    Auch die deutsche Sprache ist für viele Expats eine große Hürde. Nur wenige Unternehmen schalten etwa Stellenanzeigen auf Englisch.
    Die Bedeutung von Sprachkenntnissen unterschätzen einige, die nach Deutschland kommen wollen. 58 Prozent der Interessierten gaben in der OECD-Studie an, dass es vermutlich wichtig sei, im Alltag deutsch sprechen zu können. Von den bereits in Deutschland lebenden Fachkräften, schätzten das 70 Prozent als wichtig ein.

    Welche Rolle spielt der Rechtspopulismus?

    Bislang untersuchten Wissenschaftler vor allem ökonomische Faktoren, um auszuloten, wie attraktiv Deutschland für internationale Fachkräfte ist. Doch es spielen zunehmend auch politische Faktoren eine Rolle, sagt Tommy Krieger vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim.
    Im Januar 2024 sorgte ein Bericht des Recherchenetzwerks Correctiv über ein Treffen von Funktionären der Partei Alternative für Deutschland (AfD) mit Rechtsextremen für Aufsehen. Dabei sei unter anderem die Massenausweisung von Einwanderern diskutiert worden.
    „Enthüllungen, wie sie das Team von Correctiv gemacht hat, verschlechtern das Bild von Deutschland", sagt Krieger. Das schade bei der Anwerbung. Im Ausland würden diese Nachrichten sehr wohl aufgenommen. Vielerorts sei man immer noch sehr sensibel aufgrund der deutschen Geschichte.
    Der Wirtschaftswissenschaftler hat zahlreiche Studien zum Thema ausgewertet. Anhaltspunkte lieferten etwa Daten aus Gemeinden in Italien oder Österreich, in die deutlich weniger Ausländer zogen, nachdem die rechtspopulistischen Parteien Lega Nord oder FPÖ die Regierungsverantwortung übernommen hatten.
    In Deutschland zeigten sich nun ähnliche Tendenzen, so Krieger. Er untersuchte die Pegida-Demos in Dresden, die ersten größeren Proteste nach langer Zeit gegen Zuwanderung. Man sehe "einen deutlichen Rückgang der internationalen Studierenden, die nach Dresden gezogen sind“, sagt Krieger.
    Dass sich der Rechtsruck im Ausland bereits herumgesprochen habe, berichtet auch Deniz Ates, der die auf IT-Kräfte spezialisierte Personalvermittlung Who Moves in Essen leitet. Er sei im vergangenen Jahr auf einer Informationsveranstaltung in Indien erstmals auf die politische Stimmung in Deutschland angesprochen worden. Für einige der Teilnehmer sei ein Umzug in die Bundesrepublik keine Option mehr.

    Wie reagieren Unternehmen auf die Entwicklung?

    Die Sorge, dass Deutschland auf dringend benötigte Fachkräfte aus dem Ausland abschreckend wirken könnte, ist in der Wirtschaft angekommen. Zahlreiche Unternehmen haben sich seit Bekanntwerden der Correctiv-Recherchen im Januar 2024 öffentlich positioniert. Daimler-Truck-CEO Martin Daum oder der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Siegfried Russwurm, etwa, warnten explizit vor den wirtschaftlichen Folgen einer starken AfD.
    Immer mehr Unternehmen berichten zudem, dass die zunehmende Fremdenfeindlichkeit ihnen die Anwerbung von Mitarbeitern aus dem Ausland erschwere. Einige Firmen müssten wegen des politischen Klimas zugezogene Beschäftigte sogar wieder ziehen lassen. Die ausländischen Mitarbeitenden fühlen sich nicht mehr wohl und sicher.  

    Wie kann Deutschland attraktiver werden?

    Mit Statements gegen Rassismus allein lasse sich das angekratzte Image Deutschlands kaum aufpolieren, meint Wirtschaftswissenschaftler Tommy Krieger. Anders denkt er über die zahlreichen Demonstrationen gegen Rechtspopulismus und für Demokratie.
    Ein Beispiel: Leipzig. Auch dort gab es Pegida-Demos. Doch aufgrund der viel größeren Gegendemos habe die Stadt nie einen Imageverlust erlitten, erklärt Krieger. Bilder und Berichte über Menschen, die sich für Vielfalt und gegen rechts einsetzten, könnten die Außenwirkung Deutschlands also positiv prägen, so der Wirtschaftswissenschaftler.

    Neues Fachkräfteeinwaderungsgesetz

    Die Ampelkoalition bemüht sich zudem darum, dass Deutschland attraktiver für ausländische Fachkräfte wird. So trat Anfang März 2024 das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft. Ausländische Berufs- und Hochschulabschlüsse werden nun schneller anerkannt. Wenn eine zweijährige Berufserfahrung dazukommt, sollen Zuwanderer auch qualifizierte Tätigkeiten ausüben können.
    Die Studienautoren der OECD-Studie folgern aus ihren Befragungen, dass es auch dringend mehr und spezialisiertes Personal für die Visastellen im Ausland und bei den Ausländerbehörden geben müsse sowie mehr Digitalisierung der Prozesse. Wichtig sei auch, dass die Einreise der Familie von internationalen Fachkräften gefördert werden müsse.
    Derzeit lassen fast 40 Prozent der Expats ihre Familie im Ursprungsland zurück. Dabei neigen diejenigen, die mit ihrer Familie gekommen sind, dazu, länger zu bleiben. Auch ihre Partner sind oft hochqualifiziert, wie aus der OECD-Befragung hervorgeht. Neben der Bekämpfung von Diskriminierung und Rassismus, sei auch die Förderung der Sprachangebote im Ausland essenziell, etwa in Goethe-Instituten.

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