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StartseiteKalenderblattGescheiterte Hilfe27.12.2013

Internationales KaffeeabkommenGescheiterte Hilfe

Kaffeebauern in Brasilien litten Anfang des 20. Jahrhunderts unter ständigen Absatzkrisen. Um dem vorzubeugen, trat vor 50 Jahren das erste Internationale Kaffeeabkommen in Kraft. 1989 ließen die USA es jedoch platzen. Der Teufelskreis der Überproduktion begann erneut.

Von Thomas Pfaff

Ein Kaffeebauer schüttet gepflückten Kaffee auf den Feldern der Fazenda Lagoa im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais auf einen LKW. (dpa/picture alliance/Ralf Hirschberger)
Kaffee ist heutzutage auch Spekulationsprodukt, die Preise haben sich von Angebot und Nachfrage entkoppelt (dpa/picture alliance/Ralf Hirschberger)

"Way down among Brazilians

coffee beans grow by the billions;

So they’ve got to find those extra cups to fill;

They’ve got an awful lot of coffee in Brazil!"

Frank Sinatra hat es schon 1946 gewusst: Es gibt schrecklich viel Kaffee auf der Welt - besonders im größten Erzeugerland Brasilien. Überproduktionen führten im 20. Jahrhundert immer wieder zu weltweiten Absatzkrisen, in denen besonders die Brasilianer gezwungen waren, große Teile ihrer Ernte zu vernichten. Der Kaffeeimporteur Wolfgang Heinricy:

"Kaffee ist ein Produkt, was in der Regel in Kleinbauernstrukturen gebaut wird. Und da sind die Leute nicht strategisch nach vorne blickend, sondern sie reagieren eigentlich immer auf das, was sie gerade haben. Das heißt, wenn der Preis gut ist, beginnen sie sich zu bewegen und so kommt es dann irgendwann zur Überproduktion, die dann wieder erheblich die Preise drückt.“

Und so waren jedes Mal Millionen von Kleinbauern oder Tagelöhnern in Lateinamerika und Afrika existenziell bedroht, wenn es abwärtsging mit dem Weltmarkt-Kaffeepreis. Dabei arbeiteten sie ja sowieso schon für Hungerlöhne …

"Ich hatte täglich 35 Pfund Kaffee zu pflücken und bekam dafür 20 Centavos. Wenn ich die Menge nicht schaffte, musste ich am nächsten Tag für dieselben 20 Centavos weiterarbeiten …“

… Rigoberta Menchu, Friedensnobelpreisträgerin aus Guatemala schrieb über ihre Kindheit auf einer Plantage in den 60er-Jahren …

„… ich war acht Jahre alt, als mein Bruder Nicolas an Unterernährung starb. Er war gerade zwei Jahre. Meine Mutter konnte sich nicht immer um ihn kümmern, weil sie sonst ihre Arbeit verloren hätte. Der Aufseher sagte, wir könnten ihn auf der Finca begraben - müssten aber dafür bezahlen. Seitdem hatte ich - wie soll ich sagen - einen Zorn auf das Leben.“

Menschen mit solchen Erfahrungen waren es, die sich im Lateinamerika jener Tage den Befreiungsbewegungen anschlossen. Aufgeschreckt durch Fidel Castros Machtübernahme in Kuba strebten die USA aber nach Ruhe in ihrem „Hinterhof“ - und drängten auf ein wirksames Kaffeeabkommen. Bis dahin hatten nur die Erzeugerländer so etwas gefordert, jetzt stimmten auch die Verbraucherländer zu.

USA lassen Abkommen platzen

Am 27. Dezember 1963 einigten sich 44 Export- und 18 Importländer - darunter die Bundesrepublik - erstmals auf ein weltweites System von Mindestpreisen und Exportquoten, um ein Überangebot künftig zu verhindern. Mit Erfolg:

"Bis 1989 hat es mehr oder weniger funktioniert, dass es einen relativ stabilen Weltmarkt-Preis gab …"

… Dieter Overath ist Geschäftsführer des Vereins „Transfair“ in Köln …

"… es hat immer Verknappungen gegeben. Dieser Preis hat die Herstellungskosten abgedeckt; und es ist auch konsumentenseitig durchsetzbar gewesen."

Doch 1989 lassen die USA das Abkommen platzen.

"Am Ende haben die Amerikaner dann den Stecker gezogen und haben gesagt: Wir sind überhaupt Freihändler, wir glauben an den freien Markt und dies ist ein regulierter Markt, der gefällt uns grundsätzlich nicht."

Prompt fallen die Kaffeepreise, der Teufelskreislauf der Überproduktion beginnt erneut: Statt die Produktion zu senken, bauen die kleinen Familienbetriebe noch mehr an, um zu überleben. Damit zerstören sie den Wert des Kaffees - ihre eigene Existenzgrundlage.

Hinzu kommt ein neuer Konkurrent auf dem Weltmarkt: Vietnam. Dieter Overath:

"Mit Vietnam ist ein Player aufgebaut worden, der sich inzwischen hinter Brasilien zum zweitgrößten Kaffee-Exporteur der Welt entwickelt hat. Und der hat gerade den Latein-Amerikanern und natürlich auch den Afrikanern das Leben schwer gemacht. Davon hat sich der Kaffeemarkt über Jahre nicht erholt."

Bis 2002 fällt der Weltmarktpreis auf ein Drittel von 1989 - Hunderttausende Kaffeebauern geben ihre Felder auf, ziehen mit ihren Familien in die Slums der Großstädte - und hungern. So hilft es ihnen wenig, als der Kaffeepreis dann plötzlich wieder rapide steigt - die Farmen gehören ihnen längst nicht mehr …

"Kaffee ist wie viele andere Rohstoffe auch zu einem Spekulationsprodukt geworden; und die sogenannten Hedgefonds haben auch hier zugeschlagen - also insofern haben sich die Kaffee-Preise entkoppelt von der Angebots- und Nachfragesituation und es gab eine prächtige Achterbahnfahrt."

2004 und 2011 erreichte der Weltmarkt-Kaffeepreis Rekordhöhen - um sich 2008 und gerade heute wieder im freien Fall zu befinden: Auf solche Schwankungen können Kleinbauern nicht reagieren. Sie brauchen verlässlichen Absatz. Aber ihr Einfluss auf dem Weltmarkt ist gering. Und so scheint ein neues internationales Kaffee-Abkommen derzeit unrealistisch.

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