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Startseite@mediasresHarte Recherchen "Made in France"01.12.2020

Investigativ-Start-up "Disclose"Harte Recherchen "Made in France"

Ob Waffenhandel oder Pädophilie im Sport – mit seinen Recherchen hat das französische TV-Start-up "Disclose" schon mehrfach die öffentlichen Debatten zu brisanten Themen vorangetrieben. Vorbild für das Investigativ-Medium und sein Geschäftsmodell ist auch eine deutsche Redaktion.

Von Suzanne Krause

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Mathias Destal und Geoffrey Livolsi, die Gründer der Investigativ-Redaktion „Disclose“, in ihrem Büro (Deutschlandfunk / Suzanne Krause)
Mathias Destal (l.) und Geoffrey Livolsi (r.): Freunde - und Gründer der Investigativ-Redaktion „Disclose“ (Deutschlandfunk / Suzanne Krause)
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Der Redaktionssitz von "Disclose" ist, nun, sehr übersichtlich: Er besteht aus einem einzigen Raum von 22 Quadratmetern Größe. Gefüllt mit vier Schreibtischen, einer kleinen Konferenzecke, Kaffeemaschine. Am Computer sichten die beiden Chefs erste Sequenzen der neuen "Disclose"-Story: Es geht um die Rodung des Amazonas-Urwalds für den Soja-Anbau – Tierfutter, das auch von Frankreich importiert wird, trotz der Umweltzerstörung am Amazonas. Genau das will "Disclose" aufdecken, sagt Geoffrey Livolsi. "Unser Medium ist mit knapp zwei Jahren Existenz noch ein Baby. Und hat trotzdem sogar schon im Ausland für Furore gesorgt. Dabei sind wir eigentlich nur eine Freundes-Clique."

Schon die erste TV-Reportage, im April 2019 ausgestrahlt, sorgte für viel Echo. Sie zeigt Soldaten in einer Wüstenlandschaft, die pausenlos eine Kanone abfeuern: "Das sind ‚Caesar‘-Kanonen, in Frankreich hergestellt, an Saudi-Arabien verkauft. In Le Havre eingeschifft gen Dschidda. Sie bombardieren zivile Gebiete im Jemen. Frankreich leugnet, dass dort ‚Caesar‘-Kanonen im Einsatz sind." 

Regierung reagiert auf Recherchen

Fünf Monate hat "Disclose" recherchiert, um den geheimen Waffenhandel zur enthüllen. Der ist von Frankreich eigentlich verboten: Aus Frankreich gelieferte Waffen dürfen nur dann ins Ausland verkauft werden, wenn sie dort nicht gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt werden. So der offizielle Regierungsdiskurs – den "Disclose" mit der Dokumentation "Made in France" als lügenhaft enttarnte, resümiert Livolsi: "Was ‚Disclose‘ bedeutsam macht, ist das Ansinnen, Themen in die öffentliche Debatte zu bringen, die bislang vernachlässigt wurden. Waffenhandel zum Beispiel. Da haben wir einen ersten Sieg errungen: Das Parlament hat sich des Themas angenommen, auf Druck der Öffentlichkeit wurden weitere Waffenlieferungen gestoppt – das ist doch schon was!"

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Die Recherche basierte auf geheimen Militärdokumenten, die den beiden Journalisten zugespielt worden waren. Damals warben sie gerade mit einer Crowdfunding-Aktion für ihr Projekt: ein unabhängiges und gemeinnütziges Investigativmedium, so Mitinitiator Mathias Destal.  "In Frankreich gibt es für private Medien nur zwei Wirtschafts- und Finanzmodelle: Werbung oder Aktionäre. Wir suchten nach einem anderen Modell, das geeignet sei, langfristige Recherchen zu finanzieren. Beim Blick ins Ausland stießen wir auf zwei Beispiele für Spenden-finanzierte unabhängige Recherche-Arbeit: ‚Correctiv‘ in Deutschland und natürlich auch ‚ProPublica‘ in den Vereinigten Staaten."

Preise und weitere Anerkennung

"Disclose" hat Vereinsstatus und lebt von Spenden, unter anderem von drei Stiftungen. Zum Redaktions-Komitee zählen zehn Journalistinnen und Journalisten. Teils laufen die Recherchen in Kooperation mit Zeitungen, Radios und TV-Kanälen. Im Privatradio Europe 1 lobte Sportredakteurin Virginie Phulpin vor fast einem Jahr den kurz zuvor veröffentlichten "Disclose"-Bericht rund um "Pädophilie im Sport": "Jetzt kann keiner mehr behaupten, er wisse von nichts. Bravo, ‚Disclose‘, für die Meilenstein-artigen Enthüllungen. Die Recherche brachte 77 Affären in 28 Sportarten ans Licht, mit 276 Opfern, die meisten waren noch nicht mal 15 Jahre alt. Bislang wurden solche pädokriminelle Taten totgeschwiegen."

Seither jedoch hat die Justiz in 90 Fällen Ermittlungen aufgenommen, musste ein hoher Sportfunktionär den Hut nehmen, fassen die Opfer neuen Mut. Auch sonst zeigt das redaktionelle Engagement Wirkung: Die Waffenhandel-Reportage erhielt schon zwei renommierte Journalismus-Preise.

Und: Kurz nach der Ausstrahlung von 'Made in France' hatte das Pariser Verteidigungsministerium Anzeige gegen die Autoren erstattet, der Inlands-Geheimdienst sie zum Verhör einbestellt. Das löste in den wichtigsten französischen Medien und bei Menschenrechts-Organisationen einen solchen Aufschrei aus, dass das Verfahren eingestellt wurde. Heute ist "Disclose" aus Frankreichs Medienlandschaft nicht mehr wegzudenken.

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