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IOC-Entscheidung"Bach hat politisch entschieden und nicht für den Sport"

Die IOC-Entscheidung, Russland nicht komplett von den Olympischen Spielen in Rio auszuschließen, stößt auf Kritik. Es wäre an der Zeit gewesen, dass das IOC seine selbst gepriesene Nulltoleranzpolitik unter Beweis stelle, sagte die SPD-Obfrau im Sportausschuss des Bundestages, Michaela Engelmeier, im DLF.

Michaela Engelmeier im Gespräch mit Doris Simon | 25.07.2016

Die Obfrau der SPD im Sportausschuss des Bundestages, Michaela Engelmeier.
Die Obfrau der SPD im Sportausschuss des Bundestages, Michaela Engelmeier. (imago/ Jens Jeske)
Der McLaren-Report habe nachgewiesen, dass in Russland systematisch gedopt wurde, sagte Engelmeier im DLF. "Das ist Staatsdoping." IOC-Präsident Thomas Bach habe politisch entschieden und nicht für den Sport. Jetzt werde der Schwarze Peter den einzelnen Sport-Fachverbänden zugeschoben.
Das IOC hatte gestern entschieden, dass russische Sportler antreten dürfen, wenn sie den internationalen Sport-Fachverbänden beweisen, nicht gedopt zu haben.

Das Interview in voller Länge:
Doris Simon: Mitgehört hat Michaela Engelmeier, SPD-Obfrau im Sportausschuss des Bundestages und Vizepräsidentin des Deutschen Judobundes. Guten Morgen.
Michaela Engelmeier: Ja, guten Morgen.
Simon: Frau Engelmeier, halten Sie die Entscheidung des IOC wie Herr Hörmann auch für richtig?
Engelmeier: Nein, ich halte sie nicht für richtig, weil ich fand, es wäre jetzt an der Zeit gewesen, dass das IOC seine so oft gepriesene Null-Toleranz-Politik in Sachen Doping jetzt auch bewiesen hätte, dass es ihm sehr ernst damit ist. Ich halte sie für sehr problematisch, die Entscheidung, und ich finde auch, dass man den schwarzen Peter ja eigentlich jetzt den Fachverbänden zugeschoben hat. Die dürfen jetzt - na ja, Herr Hörmann hat es gerade gesagt - auswählen, oder sie können überprüfen, wer es ist.
Aber mal ganz klar: Nach diesem kürzlich veröffentlichten McLaren-Report wissen wir, dass in Russland systematisch gedopt wurde, und zwar während der Olympischen Spiele in Sotschi sowieso, und darüber hinaus macht er auch deutlich, dass russische Athleten aus den meisten Sommer- und Wintersportarten mindestens von Ende 2011 bis August 2015 von den staatlich gesteuerten Manipulationsmethoden profitiert haben. Das ist Staatsdoping und es kann eigentlich nicht wahr sein, dass diese Entscheidung da gestern getroffen wurde.
"Ich finde, dass das ein absolut institutioneller Eingriff in die Integrität des organisierten Sports ist"
Simon: Aber so eine Komplettsperre, wäre die nicht auch sehr ungerecht gewesen gegenüber nicht gedopten russischen Athleten?
Engelmeier: Na ja, wie gesagt, wir unterscheiden ja jetzt zwischen Leuten oder Athleten, die dopen, oder die, die staatlich na ja, als Staatsziel quasi ...
Das war übrigens in der DDR so, dass der Staat dopt. Es gab ein Staatsziel, dass man da flächendeckend gedopt hat, um Prestige oder was auch immer für das Land zu machen. Ich finde, dass das ein absolut institutioneller Eingriff in die Integrität des organisierten Sports ist, nicht hinnehmbar ist und Konsequenzen haben muss. Wenn ein Staat, der nationales sportliches Prestige auf Kosten der Gesundheit seiner Sportlerinnen und Sportler zu erlangen versucht, verkauft das übrigens die olympische Idee.
Simon: Auch wenn dann nicht gedopte Sportler, hätte es einen Komplettbann gegeben, da zu Unrecht hätten zahlen müssen?
Engelmeier: Ja, das ist wie gesagt noch mal der Unterschied zwischen staatlichem Doping, wo sie wahrscheinlich fast alle von betroffen waren, und denen. Ja, mag sein. Aber es ist natürlich eine Abwägungssache. Aber ganz ehrlich: Ich bin trotzdem entsetzt darüber, weil die WADA hat ja auch empfohlen, und das ist die Welt-Doping-Agentur. Die haben empfohlen, dass bitte gesperrt wird das russische Team, und Thomas Bach hat gemeint, das macht man jetzt anders.
Ich finde es schwierig, wie er es jetzt gemacht hat, und wir sind mal gespannt, ob wir vielleicht in einem Jahr oder in zwei Jahren wieder die Siegerlisten umschreiben müssen von Olympischen Spielen, weil irgendwelche russischen Athletinnen und Athleten da doch gedopt waren, übrigens dann vielleicht auch noch andere aus anderen Nationen. Aber in dem Fall würde es mich dann tatsächlich besonders interessieren.
"Ein Bärendienst, was wir uns jetzt selber erwiesen haben mit dieser Entscheidung"
Simon: Frau Engelmeier, Sie sprachen gerade IOC-Chef Bach an. Der versteht sich ja gut mit dem russischen Präsidenten. War diese Entscheidung gestern aus Ihrer Sicht auch ein Freundschaftsdienst?
Engelmeier: Ich will jetzt nicht so weit gehen, dass das ein Freundschaftsdienst ist. Ich will jetzt mal sagen: Er hat gestern politisch irgendwie entschieden und vielleicht nicht für den Sport, und das ist ein großes Problem, ja. Und vor allen Dingen: Wissen Sie, im Moment hört man überall, na ja, im Sport, da wird gedopt, da ist man korrupt. Das heißt, das ist ein Bärendienst, was wir uns jetzt selber erwiesen haben mit dieser gestrigen Entscheidung. Da sind die Leute doch jetzt alle bestätigt und sagen, na klar, der Thomas Bach ist gut befreundet mit Herrn Putin und dann klappt das alles schon mal, und das ist schon schwierig auch für den Sport, für den Sport insgesamt.
"Es wird jetzt wegen Doping zu Olympia geguckt und nicht wegen der Bestleistungen der sauberen Athletinnen und Athleten"
Simon: Glauben Sie, es wird sich auswirken auf die Olympischen Spiele und wie man darauf schaut? Wird das so ein bisschen sein wie bei der Tour vor einigen Jahren?
Engelmeier: Ja, könnte ich mir vorstellen. Ja, genau. Für die Athletinnen und Athleten tut es mir unglaublich leid, weil diese Olympischen Spiele ist einfach das Größte, was ich als Athletin oder Athlet erreichen kann und was ich gestalten kann, und die sind jetzt alle so einem Dauerverdacht vielleicht ausgesetzt. Viele Leute gucken darauf, die alle wissen, wie es mit der Tour de France dann irgendwann lief. Es guckte niemand mehr und man hat das ja auch im öffentlichen Fernsehen irgendwann eingestellt, weil sie gesagt haben, das will niemand mehr sehen, es will keiner gedopte Sportler sehen, und das tut mir jetzt wirklich leid, weil die Olympischen Spiele ist wirklich das Größte, was man als Sportler oder Sportlerin so machen kann oder erreichen kann.
Das könnte sein, ja, dass man jetzt ganz anders darauf guckt, dass es nicht mehr dieses Jubelfestival ist, was wir ja alle kennen. Ich weiß nicht, das wird bei Ihnen ähnlich sein. Man guckt sich ganz viel im Fernsehen an, man guckt plötzlich Sportarten, die einen vorher vielleicht doch nicht ganz so interessiert haben, und das ist jetzt das große Problem. Es wird jetzt wegen Doping zu Olympia geguckt und nicht wegen der Bestleistungen der sauberen Athletinnen und Athleten.
Simon: Michaela Engelmeier war das, die SPD-Obfrau im Sportausschuss des Bundestages. Sie ist auch Vizepräsidentin des Deutschen Judobundes. Frau Engelmeier, vielen Dank für das Gespräch.
Engelmeier: Bitte schön!
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.