Samstag, 04.07.2020
 
Seit 17:05 Uhr Streitkultur
StartseiteSport am Wochenende"In der Blase des Events bleiben"09.02.2020

IOC-Regel 50"In der Blase des Events bleiben"

Was dürfen Athleten und was dürfen Sie nicht während der Olympischen Spiele. Die Regel 50 der IOC-Charta regelt klar, wann welcher Protest erlaubt ist. Seit einigen Wochen wird heftig darüber diskutiert, die Regel wurde noch einmal bestätigt. Zurecht sagt IOC-Mitglied Richard Pound im Dlf.

Richard Pound im Gespräch mit Matthias Friebe

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Florettfechter Race Imboden bei seinem Knieprotest gegen US-Präsident Trump (AFP / Jose Sotomayor)
Proteste, wie der des Fechters Race Imboden, sind bei Olympia verboten (AFP / Jose Sotomayor)
Mehr zum Thema

Sarah Lewis (FIS-Generalsekretärin) "Es ist wichtig, dass der Sport im Vordergrund steht"

Coronavirus Wie der Sport mit dem Virus umgeht

WM-Vergabe nach Katar "Das ist ein Armutszeugnis für den Sport"

Olympische Jugendspiele Erfahrungstrip für junge Athleten

Infantinos Wahl ins IOC "Infantino und IOC passen gut zusammen"

Matthias Friebe: Warum kritisieren Sie die in Ihren Augen falsche Berichterstattung über die IOC-Regel 50?

Richard Pound: Ich denke, es gibt für alles einen Ort und eine Zeit. Und keine Organisation, das IOC eingeschlossen, möchte das Recht von Athleten auf freie Meinungsäußerung einschränken. Aber es gibt für alles einen Zeit und Ort, und Wettbewerbe und Zeremonien sind nicht der geeignete Ort für einen Protest.

Friebe: Aber da hätten wir die große Bühne, um vielleicht etwas zu ändern.

Pound: Da bin ich mir nicht sicher. Wo zieht man dabei die Grenze? Kommt man zum Podium und wirft rote Farbe auf einen anderen Athleten, um zu zeigen, dass das Land, das sie repräsentieren, Menschen ermordet hat. Ich glaube, man muss ab einem gewissen Zeitpunkt in der Blase des Events bleiben – und man attackiert seine Gegner nicht während eines Wettbewerbs.

Friebe: Aber vielleicht möchte man seine Gegner gar nicht attackieren, sondern der ganzen Welt zeigen, dass es Probleme wie Diskriminierung, Rassismus oder etwas anderes gibt.

Pound: Ich glaube, dass die Welt das bereits weiß. Man hat jederzeit die Möglichkeit, seine Meinung auszudrücken.

Der ehemalige WADA-Chef Richard Pound (Sergei Bobylev/TASS/Imago)Der ehemalige WADA-Chef Richard Pound (Sergei Bobylev/TASS/Imago)

Friebe: Aber die Olympischen Spiele sind die größte vorstellbare Bühne dafür…

Pound: Aber man nimmt nicht an Olympischen Spielen teil, um zu protestieren, sondern um in einem friedlichen Wettkampf nicht nur Respekt vor seinen Gegnern, sondern auch vor der Veranstaltung an sich zu zeigen. Man ist nicht dort, um zu protestieren. Wenn man eine entschiedene Meinung über solche Missstände hat, ist man auch nicht dazu gezwungen, an den Spielen teilzunehmen.

Friebe: Warum ist es nicht möglich, während der Spiele politisch zu demonstrieren?

Pound: Während des Zeitraums der Spiele kann jeder protestieren, wie er will. Nur wenn man mit Athleten an der Startlinie steht, die Länder repräsentieren, die sich schlecht verhalten, und diese Athleten dann behindert oder schubst oder mit Farbe bewirft, geht das nicht. Ich denke, es muss manchmal minimale Einschränkungen für den Ort und Zeitpunkt der Meinungsäußerung geben. Aber jeder hat ein Recht auf seine Meinung und hat auch das Recht, diese zu äußern. Aber es ist nicht erlaubt, unter den Regeln des Sports und der Spiele während der Spiele an sich.

Friebe: Aber es ist nicht erlaubt, einen Sieg mit der Regenbogenflagge zu feiern?

Pound: Wenn das eine Art politsicher Protest ist, dann ja. Man kann mit seiner Regenbogenflagge jederzeit durch die Straßen laufen, wenn man will, aber nicht auf dem Podium.

Friebe: Der deutsche Athletenverein "Athleten Deutschland" sagt, die Argumentation sei nicht ausreichend. Politische Neutralität sei zu wenig, um einen Bann von Protesten zu rechtfertigen.

Pound: Ich bin mir nicht ganz sicher, was das bedeutet. Die Olympischen Spiele sind keine Gelegenheit, um alle Probleme der Welt zu lösen. Sie sind eine Möglichkeit für Athleten, um in einem friedlichen Treffen zusammenzukommen, sich mit anderen im Wettstreit zu messen, zu lernen und respektvoll mit anderen Athleten umzugehen – und nicht, um gegen das zu demonstrieren, was gerade in deren Ländern passiert und auch nicht gegen das, was in der Welt passiert.
Das ist eine Möglichkeit, die nur alle vier Jahre kommt, und die für das respektiert werden muss, was sie ist. Die Athleten sind nicht als politische Akteure dort, sondern als Athleten, die zugestimmt haben, dort anzutreten, um sich im sportlichen Wettkampf gegen Athleten aus der ganzen Welt unter bestimmten Regeln zu messen. Und ich denke es ist wichtig, zu verstehen, dass es eine sportliche und keine politische Regel ist. Und Athleten daran zu erinnern, dass sie nicht als politische Akteure, sondern als friedliche Teilnehmer, die ihre Gegner respektieren, antreten.

Friebe: Sie haben den Begriff "Blase der Spiele" verwendet. Warum ist es so wichtig, dass Sie als IOC und Olympische Bewegung nicht-politisch ist?

Pound: Ich denke, "Blase" ist ein hilfreicher Begriff. Man ist dort an einem Ort, der frei von allen Spannungen und anderen Problemen ist, die meistens deutlich ältere  Menschen geschaffen haben. Ich denke man ist dort, um zu zeigen, dass es möglich ist, dass alle Menschen der Welt zusammenkommen und sich respektieren können, und gleichzeitig auch die Regeln der Veranstaltung anerkennen. Wenn die Spiele vorbei sind, muss man sich vielleicht wieder mit der eigentlichen Welt auseinandersetzen. Aber das ist nicht der Hauptgrund, um an Olympischen Spielen teilzunehmen.

Friebe: Warum wurden dann die Fotos von IOC-Präsident Thomas Bach mit Athleten aus dem Iran und den USA veröffentlicht, sofort nach dem Angriff auf den iranischen General, mit dem Satz versehen: Das ist der Olympische Spirit?

Pound: Ich bin mir nicht sicher, über was Sie da reden. Aber der Olympische Spirit soll zeigen, dass es – auch in einer nicht perfekt funktionierenden Welt – bei Olympischen Spielen möglich ist, wenn man sich an die Regeln hält, denen alle zugestimmt haben, eine friedliche Veranstaltung durchzuführen und sich nicht in den großen Weltkonflikten zu verstricken.

Friebe: Dann sollte man es vielleicht mit einer Demonstration für Freiheit oder politischer Korrektheit zeigen?

Pound: Das darf man tun, aber nicht auf dem Olympischen Podium. Das ist nicht der Grund, weshalb man angetreten ist. Das Podium soll zeigen, dass man sich friedlich im Wettkampf mit Respekt den anderen Athleten gegenüber, egal ob man gewinnt oder verliert, durchgesetzt hat. Und für die drei Minuten während der Zeremonie behält man seine Meinung für sich.

Friebe: Also habe ich richtig verstanden: Es ist nicht korrekt, während der Zeremonie auf dem Podium zu demonstrieren? Aber gleichzeitig behauptet das IOC, dass es den Olympischen Spirit der ganzen Welt zeigen und eine Inspiration für Freiheit und alles andere sein will. Wo ist da der Unterschied?

Pound: Ich glaube nicht, dass Freiheit in diesem Sinne eine Frage der Olympischen Bewegung ist. Jeder darf seine Meinung haben und diese auch frei äußern, ABER während der Olympischen Spiele und vor allem während der Medaillenzeremonie, um die es hier geht, muss man seine Meinung für die drei Minuten für sich behalten. Das ist nicht wirklich eine ernste Einschränkung der Rechte von wem auch immer.

Friebe: Aber wir reden nicht nur über die drei Minuten während der Zeremonie, sondern über die ganze Zeit in der Arena. An der Startlinie zum Beispiel.

Pound: Sollte man an der Startlinie andere Athleten mit Farbe bewerfen dürfen, um gegen das Land, das der Athlet repräsentiert, und dessen politische Entscheidungen zu demonstrieren, mit denen man nicht einverstanden ist? Ich denke, wir bringen hier die Problemstellung von Freiheit und der Möglichkeit der freien Meinungsäußerung durcheinander. Egal ob richtig oder falsch.
Und das ist auch ein Aspekt, den man beachten muss: Wenn man die Demonstration der einen Sorte erlaubt, nur weil man gleicher Meinung ist, muss man alle Demonstrationen zulassen. Und ich glaube, dass diese mehr oder weniger gewalttätig oder anstößig aus der Perspektive anderer wäre. Ich glaube, die Athleten verstehen nicht wirklich worum es geht, wenn sie denken, dass sie bei den Spielen sind und eine Plattform haben, um ihre Meinung zu einem bestimmten Thema zu äußern. Ich denke, es ist angemessen zu akzeptieren, dass es für alles eine Zeit und einen Ort gibt, und die Medaillenzeremonie ist es nicht.

Friebe: Vielleicht geht es auch nicht darum, Farbe auf andere Athleten zu werfen, sondern darum, Hinzuknien während der Zeremonie oder mit der Regenbogenflagge auf den Nägeln zu starten.

Pound: Also ich weiß nicht, wie es sich mit Fingernägeln verhält, aber der Punkt ist…

Friebe: Oder wie Herr Kaepernick, der während der Hymne kniet.

Pound: Ich denke, während der Hymne zu knien ist nicht nur respektlos gegenüber dem eigenen Land, sondern auch respektlos den anderen Menschen gegenüber, die an der Veranstaltung teilgenommen haben und nichts mit der Problemstellung zu tun hatten, gegen die protestiert wird.

Friebe: Denken Sie, dass Olympische Spiele ohne diese Demonstrationen besser sind?

Pound: Viel besser. Es ist eine der wenigen Veranstaltungen, die 206 Nationen zusammenbringt und den Athleten eine Möglichkeit bietet, miteinander zu interagieren und zu verstehen, dass die Welt kompliziert ist. Aber hier können die jungen Athleten zeigen, dass es möglich ist, sich während des Zeitraums der Spiele zu respektieren und nichtsdestotrotz seine Ansichten zu bestimmten Fragestellungen unter anderen Umständen zu vertreten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk