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StartseiteHintergrundWas von der Revolution übrig blieb10.02.2019

Iran 1979 und heuteWas von der Revolution übrig blieb

Die Auflehnung gegen das Schah-Regime führte 1979 zur Islamischen Revolution in Iran. Das Land hat sich allerdings anders entwickelt, als es sich ein Großteil der Demonstranten damals wünschten. Viele Iraner sind heute unzufrieden mit ihrerer Regierung. Gibt es Parallelen zum Vorabend der Revolution vor 40 Jahren?

Von Christian Buttkereit

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Iranische Bürger protestieren im Jahr 1979 gegen den Schah. Im Vordergrund ist ein riesiges Banner mit dem Abbild von Revolutionsführer Ruhollah Khomeini (dpa / United Press International)
Iranische Bürger protestierten im Jahr 1979 gegen den Schah (dpa / United Press International)
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Es ist der 11. Februar 1979. An diesem Tag wird Iran neu geboren. Zuvor hatte das Volk seinen verhassten Herrscher aus dem Land gejagt.

Nachdem der Schah geflohen war, kehrte Ruholla Khomeinei aus dem Exil zurück. Der Gründer der bis heute bestehenden Islamischen Republik Khomeini leitete den radikalsten Wandel ein, den Iran je erlebte, sagt der Teheraner Politologe Sadegh Zibakalam.

"Wenn jetzt Außerirdische kämen und nichts wüssten über die Ereignisse von 1979 und die Worte von Khomeini und anderen Führern. Sie müssten den Eindruck haben, Ziel der Revolution wäre gewesen, die USA zu zerstören, das damalige System zu stürzen und eine Islamistische Republik zu schaffen, so wie in anderen Staaten."

Am 11. Februar ahnte kaum jemand, dass es nach dem Schah-Regime noch schlimmer kommen könnte. Wenn heute Außerirdische kämen, wie Zibalam sagt, würden sie nicht das vorfinden, was viele Revolutionäre vor 40 Jahren angestrebt hätten.

"Der Hauptgrund gegen das Regime aufzubegehren war die Unterdrückung. Dabei war das Motiv für die religiöse Opposition das gleiche wie für Intellektuelle, Schriftsteller und Studenten. Das Fehlen von Freiheit und freien Wahlen auf der einen Seite und politischen Gefangenen und Folter auf der anderen."

Revolutionsführer im französischen Exil

Doch wie konnten Demokraten, Kommunisten und Liberale zulassen, dass ihr Land in die Hände von Mullahs fällt? Warum wurde aus der Revolution eine Islamische Revolution?

"Die Islamische Revolution 1979 bedeutete nicht, die Iraner wollten eine islamistische Regierung, die Einführung der Scharia oder den Schleierzwang für Frauen. Niemals! Einfach gesagt: Die Iraner sahen keinen Widerspruch zwischen dem Islam und einer demokratischen Regierung", sagt Sadegh Zibalakalam von der Universität Teheran.

Davon war auch anfangs nicht die Rede. Revolutionsführer Ruhollah Khomeini, der die Proteste gegen das Schah-Regime zunächst aus dem französischen Exil heraus lenkte, habe nie von Sharia und Schleierzwang gesprochen, sagt Zibakalam. Khomeini habe in Paris nicht nur Predigten per Kassette nach Iran geschickt, sondern er gab auch mehr als 120 Interviews. 

Ayatollah Ruhollah Khomeini, auch Chomeini, geistiger Führer im Iran, späterer Staatspräsident, Revolutionsführer, bei einem Gebet,  während seines französischen Exils, in Pontchartrain 26.01.1979 (Imago/ Sven Simon)Ayatollah Ruhollah Khomeini im Januar 1979 während seines französischen Exils in Pontchartrain (Imago/ Sven Simon)

"Auf die Frage von Reportern in Paris sagte Khomeini, die Islamische Republik wird wie die französische Republik sein. Menschen gehen zur Wahl, bestimmen ihre Vertreter und es gibt eine Verfassung."

"Khomeini hat jedem alles versprochen"

Khomeini wusste, was die verschieden Bevölkerungsgruppen am Schah-Regime ablehnten, und er versprach den Iranern, was sie hören wollten, sagt deutsche Iran-Experte und Leiter des Istanbuler Orient-Instituts, Professor Raoul Motika.

"Wenn man sich die alten Reden von damals anschaut, aus und vor der Revolutionszeit: Er hat jedem alles versprochen. Den Kurden Autonomie versprochen, er hat gratis Strom versprochen, gratis Benzin und gratis Öl zum Heizen."

Und so forderten immer häufiger immer mehr Menschen auf den Straßen Teherans und anderer Städten "Nieder mit dem Schah". 

Schah Reza Pahlavi hatte nicht nur schlaflose Nächte. Mit den Worten "Ich bin müde und brauche eine Pause" verließ der Herrscher am Mittag des 16. Januar 1979 das Land für immer. Ein halbes Jahr vor seinem Tod im Exil räumte er in einem Interview ein, den Ernst der Lage lange Zeit nicht erkannt zu haben.

Der persische Schah Reza Pahlavi und seine Frau Farah Diba treffen im Mai 1961 am Flughafen Zuerich-Kloten ein.  (dpa / KEYSTONE / PHOTOPRESS-ARCHIV / Vogt)Der persische Schah Reza Pahlavi und seine Frau Farah Diba bei einem Besuch in der Schweiz im Jahr 1961 (dpa / KEYSTONE / PHOTOPRESS-ARCHIV / Vogt)

Während der Schah mit seinem zur Schau gestellten Prunk und seinem autoritären Führungsstil den Hass vieler Iraner auf sich zog, genossen die Mullahs vor allem bei der Landbevölkerung großen Respekt. 

"Als ich sieben oder acht Jahre alt war, rannte ich noch zu jedem Geistlichen, dem ich auf der Straße begegnete und grüßte ihn", erinnert sich der 70-jährige Rahayi, dessen Name übersetzt Frieden bedeutet. Er kommt gerade von einem Zeitungsstand in Teheran.

Trotz seiner früheren Achtung vor Geistlichen gibt er sich als einer der wenigen verbliebenen Monarchisten zu erkennen. Bei ausgeschaltetem Mikrophon erklärt er, dass er gehofft habe, der Sohn des Schahs würde in den Iran zurückkehren.

Doch die Monarchie wurde am 1. April 1979 per Volksabstimmung abgeschafft und wird wohl auch nicht zurückkommen.

"Hauptproblem war die Unterdrückung und der Polizeistaat"

Dass sich der damalige US-Präsident Jimmy Carter Ende 1977 demonstrativ hinter den Schah stellte, war für diesen nicht unbedingt eine Hilfe.

"Der Iran ist Dank der großartigen Staatsführung des Schahs eine Insel der Stabilität in einer der problemreichsten Regionen der Welt. Dies Eure Majestät ist ein große Anerkennung für ihre Staatsführung und den Respekt und die Liebe, welche ihnen das iranische Volk erweist."

Ab September 1978 fanden die regelmäßigen Massendemonstrationen großen Zulauf. Obwohl die Menschen nicht hungern mussten, sagt Professor Sadegh Zibakalam. Und religiöse Eiferer seien die meisten Iraner auch nicht gewesen.

Demonstranten feiern in Teheran am 17. Januar 1979 die Flucht des Schahs nach Ägypten  (imago stock&people)Demonstranten feiern in Teheran am 17. Januar 1979 die Flucht des Schahs nach Ägypten (imago stock&people)

"Wirtschaftliche oder kulturelle Probleme waren nicht der Grund warum die Leute gegen das Schah-Regime waren. Das Problem mit dem Schah hatte auch nichts mit Alkoholläden, Nachtclubs oder Frauen in kurzen Röcken zu tun. Das Hauptproblem war die Unterdrückung und der Polizeistaat, den der Schah geschaffen hatte."

"Nieder mit Israel" skandierte damals noch niemand

Eine islamische Revolution aber – so etwas schwebte den wenigsten vor, erinnert sich der 70-jährige Rahavi. Die meisten Menschen seien einfach gegen das amtierende Regime gewesen.

"Weder Ungebildeten noch die Gebildeten wussten, wogegen sie eigentlich sind. Die Leute hatten keine konkreten Ziele. Nur die Frommen folgten deren Anführern und deren Plänen."

Kaum einer habe damals geahnt, was die Männer um Khomeini im Schilde führten, sagt Professor Zibalkalam: "Der Imam hat nicht ein einziges Mal gesagt, dass wir Israel zerstören oder die Revolution nach dem Sturz des Schahs in andere Länder exportieren wollen. Und auch nicht, dass wir ein Problem mit dem Westen haben. "  

Parolen wie "Nieder mit Israel" und "Tod den USA" skandierte damals noch niemand. Das kam erst später. Nach dem Sturz des Regimes ließ Khomeini Ende März 1979 ein Referendum über die neue Staatsform abhalten. Zur Abstimmung stand "Islamische Republik – ja oder nein".

"Dass wir hier diesen islamischen Staat haben, das wurde bei den jetzt Liberalen als Rückkehr zur Tradition empfunden, ohne dass irgendwie die Rede von Einführung des islamischen Rechts aufgekommen ist. Und da haben auch weite Teile der nicht-islamischen Oppositionskräfte, oder in dem Fall schon siegenden Kräfte das Referendum unterstützt", sagt Raoul Motika vom Istanbuler Orient-Institut.

Nach offiziellen Angaben stimmten mehr als 98 Prozent mit Ja. Denn, so sagt der Teheraner Politologe Sadegh Zibakalam: "Einer der Hauptkritikpunkte am Schah-Regime waren die stark angestiegenen Ausgaben für Rüstung. Es war so viel, dass der Iran Platz Nummer fünf unter den Ländern mit den höchsten Militärausgaben einnahm. Die Einnahmen Irans gingen hauptsächlich für die Armee drauf, während das Land dringend Traktoren, Eisenbahnen und Straßen gebraucht hätte und nicht Panzer."

Die meisten einte die Wut auf den Schah

Dass in einem bis dahin westlich orientierten Land islamisches Recht, die Scharia, eingeführt werden könnte, dass Alkohol verboten würde und Frauen wieder unter den Schleier gezwungen werden könnten, nachdem der Schah die Verhüllung verboten hatte – das wollte sich kaum jemand vorstellen. Doch man hätte es wissen können, meint Professor Raoul Motika, Leiter des deutschen Orient-Instituts in Istanbul.

"Meines Erachtens war relativ klar, schon sehr lange, auf was das Land zusteuern würde, wenn man seine Reden ab den 60er-Jahren, seine Schriften analysiert. Er hat eben das theoretische Konzept der Herrschaft der Rechtsgelehrten ins Detail hinein ausgearbeitet. Da war dann ganz klar, dass er eben selber als oberster Rechtsgelehrter, absoluter Herrscher, als Stellvertreter des verschwundenen zwölften Imams sein wird. Das hat er schon sehr früh so auch öffentlich von sich gegeben."

Ayatollah Ruhollah Khomeini sitzt am 1. Februar 1979 im Flugzeug von Paris nach Iran  (dpa / AP Photo / Thierry Campion)Am 1. Februar 1979 kehrte Ruhollah Khomeini nach 14 Jahren im Exil nach Iran zurück (dpa / AP Photo / Thierry Campion)

Doch wer hatte diese Schriften schon gelesen und hätte geglaubt, dass es soweit kommt? Zumal der Protest gegen das Schah-Regime auch von anderen Gruppen unterstützt wurde. Etwa von der linken Tudeh-Partei mit guten Verbindungen nach Moskau, von Maoisten und liberalen Kräften.

Die meisten einte die Wut auf den Schah und die Ablehnung dessen, was sie als Fremdherrschaft durch die Amerikaner empfanden, sagt Motika.

"Khomeini hat es meisterhaft verstanden, einen nach dem anderen nicht nur auszuschalten, sondern gegeneinander auszuspielen. Die Tudeh-Partei hat es als letzte Partei bis zum Schluss noch geschafft und hat auch andere Linke denunziert, mitgeholfen, auch gewaltsam, zu bekämpfen, und ist dann selber ins Gefängnis eingefahren oder vor die Erschießungskommandos gekommen."

Gleiche Grausamkeit wie der verhasste Schah

Am Ende blieb nur noch Khomeini. Als endgültige Entscheidung zugunsten der Mullahs gilt die Besetzung der US-Botschaft in Teheran durch Khomeini-treue Studenten am 4. November 1979. 52 Diplomaten wurden 444 Tage als Geiseln gehalten.

"Das bedeutete dann gleichzeitig diese starke Konfrontation mit den USA und die Eskalation, die Einfrierung der iranischen Guthaben in den USA, und so weiter."

Khomeini fühlte sich nun stark genug, um gegen vermeintliche Sympathisanten der USA und innere Feinde der Islamischen Revolution mit der gleichen Grausamkeit vorzugehen wie der verhasste Schah. In den Gefängnissen wurde wieder gefoltert. Tausende wurden in Schauprozessen verurteilt und hingerichtet.

Immer noch ein leidendes Land

Die Grausamkeiten dauern bis heute an. Die Organisation "Reporter ohne Grenzen" berichtet unter Berufung auf interne Dokumente des iranischen Staates über 1,7 Millionen Gerichtsverfahren und zahlreiche Hinrichtungen in der Zeit zwischen 1979 und 2009.

Wer Iran heute besucht, erlebt ein leidendes Land. Darüber können auch die Präsentation neu entwickelter Waffen und Militärparaden zum 40. Jahrestag der Revolution nicht hinwegtäuschen.

Lange hatte die iranische Führung versucht, ihrer Bevölkerung und der Weltöffentlichkeit weiszumachen, die im August und November 2018 verhängten US-Sanktionen könnten dem Land nicht viel anhaben. Die Realität sieht anders aus. So ist etwa die iranische Autoproduktion ins Stocken geraten, weil keine Zulieferteile aus dem Ausland mehr eingeführt werden können.

Inzwischen hat Regierungschef Hassan Ruhani Schwierigkeiten eingeräumt. Ausgerechnet bei einer Rede am Mausoleum von Revolutionsführer Khomeini: "Zweifellos sieht sich die Regierung feindlichen Angriffen gegenüber. Wir erleben den größten wirtschaftlichen Druck, dem die iranische Gesellschaft in den vierzig Jahren seit der Revolution ausgesetzt ist."

Irans Präsident Hassan Rohani bei einer Rede während einer Militärparade in Teheran. Hinter ihm stehen Angehörige der Armee. (AFP)Irans Präsident Hassan Rohani regiert seit 2013 (AFP)

Die Inflation betrug im Januar rund 40 Prozent. Nach Angaben des staatlichen Statistikamtes lagen die Preise für Fleisch und Früchte im Januar im Vergleich zum Vorjahr um 77 Prozent höher. Fisch wurde mehr als 80 Prozent teurer. Der höchste Anstieg ist bei Tabakwaren zu verzeichnen – deren Preis verzweieinhalbfachte sich.

Dem 63-Jährigen Ali in Teheran ist das egal, denn er raucht nicht. Das hätte er sich auch vorher nicht leisten können, sagt der Rentner.

"Ich bin Uhrmacher. Jetzt sind meine Augen und meine Hände dafür eigentlich nicht mehr zu gebrauchen. Aber ich arbeite weiter. Aber wenn ich ehrlich bin: es gibt Tage, da verdiene ich nichts. Trotzdem danke ich Gott, bevor ich nach Hause gehe. Aber meine Familie hat Probleme, genügend zu essen kaufen zu können."

Mit Blick auf Plakate, die für die Feierlichkeiten zum 40. Revolutionstag werben, sagt Ali: "Die Leute wollten ein besseres Leben haben. Aber stattdessen ist es schlimmer geworden."

Islamwissenschaftler: Iran immer noch vergleichsweise stabil

Wirtschaftlicher Druck, Unzufriedenheit mit der Regierung. Wut über immense Militärausgaben, um im Libanon und in Syrien mitzumischen während die eigene Bevölkerung leidet. Gibt es Parallelen zum Vorabend der Revolution vor 40 Jahren?

Raoul Motika, Islamwissenschaftler und Leiter des Deutschen Orient-Instituts in Istanbul hält die Situationen von damals und heute nur zum Teil für vergleichbar. Denn auch nach 40 Jahren sei die islamische Republik Iran immer noch vergleichsweise stabil.

"Die islamische Republik Iran hat schon sehr viele Krisen überstanden, während derer, vor allem in der westlichen Presse, vom Zusammenbruch fabuliert wurde. Sobald äußere Feinde kommen, egal ob sie von der Landesführung selbst initiiert werden, in dem man Krisen sozusagen eskaliert, oder ob sie wie jetzt im Falle der USA und des neuerlichen Embargos auf Bedrohungen basieren, die sozusagen real sind, und die von der breiten Mehrheit der Bevölkerung als ungerecht empfunden werden und dementsprechend dann natürlich doch ein großer Teil der Bevölkerung sich wieder hinter dem Regime versammelt. Und diese Art Kampagnen, seien sie von innen oder von außen kommend, gibt es alle ein, zwei Jahre, und das stabilisiert natürlich das Regime."

Frauen und Mädchen stehen am 31. Januar 2019 zusammen. Eine hält eine iranische Flagge hoch, eine andere das Bild von Revolutionsführer Ayatollah Khomeini (dpa / NurPhoto / Rouzbeh Fouladi)Frauen und Mädchen demonstrieren am 31. Januar 2019 anlässlich des 40. Jubiläums der Islamischen Revolution für die Iranische Regierung und den geistigen Führer Ayatollah Khomeini (dpa / NurPhoto / Rouzbeh Fouladi)

Furcht vor dem Volk?

Dennoch: Hörte man Präsident Ruhani bei seiner Rede am Khomeini-Mausoleum zu, konnte man seinen Worten eine gewisse Sorge entnehmen, dass sich innere Spannungen entladen könnten. 

"Unsere Revolution und unser System bleiben solange stabil wie in diesem Land Republik und Islam Hand in Hand gehen. Wenn die Bevölkerung an einem dieser beiden Prinzipien zweifelt, dann erschüttert das die Fundamente der Regierung und die Islamische Revolution."

War das nun eine Warnung vor oder eine Aufmunterung zu neuen Aufständen gegen das vorherrschende System? Politik-Professor Zibakalam von der Universität Teheran erkennt in den Worten Ruhanis eine Furcht vor dem Volk.

Und dennoch: "Kein Aufstand, jede Widerstandsbewegung oder etwas anderes, was zum Sturz oder zur Schwächung des Systems führen soll, würde uns auf dem Weg zur Demokratie weiterbringen. Sondern es würde mit Sicherheit die Situation verschlimmern."

Ein erneuter Aufstand würde scheitern, pflichtet ihm Professor Raoul Motika bei: "Solange die bewaffneten Kräfte, und wir haben ja hier eine Vielzahl von bewaffneten Kräften, wir haben die Armee, wir haben die Revolutionswächter, wir haben die Komitees, wir haben alle möglichen Milizen im Land, wir haben radikale Gruppen, die von Teilen des Regimes unterstützt werden. Wir haben radikal-schiitische Kampfverbände aus Irak, aus Syrien, aus Aserbaidschan, aus dem Kaukasus, die bei Bedarf auch genutzt werden können im Land. Solange eben hier keine Absetzbewegungen von diesen militärischen Kräften zu beobachten sind, wird meines Erachtens das Regime erst einmal stabil bleiben und jeden Protest, der bedrohlich würde, mit großer Gewalt unterdrücken.

"Regime-Change" nehmen die wenigsten offen in den Mund

Vielen jungen Iranern ist bewusst, dass ihr Land eine Veränderung braucht. Aber wie?

Die 23-jährige Geschichtsstudentin Mina setzt durchaus Hoffnungen in die Zukunft ihres Landes. Aber: "Ich kenne keine Alternative für eine andere Regierungsform. Es sollte auf jeden Fall nicht durch eine neue Revolution ausgelöst werden. Wir haben keine guten Erfahrungen mit Revolutionen Ich glaube nicht, dass es in die Tat umgesetzt wird aber die Regierung sollte die Bevölkerung in einem Referendum über den künftigen Kurs mitbestimmen lassen. Aber keine Revolution." 

Zudem gilt der Verlauf des so genannten "Arabischen Frühlings" im Nachbarland Syrien vielen Iranern als Warnung. Sollte es einen Wechsel geben, ist sich Mina sicher, dass Europa und die USA das iranische Volk unterstützen würden. Das Wort "Regime-Change" nehmen die wenigsten so offen in den Mund wie sie.

Die Soore Universität der Künste in Teheran (Soore Art University): Studierende und Lehrende treffen sich im Innenhof (Foto: Jörg-Christian Schillmöller)Der Innenhof der Soore Universität in Teheran. (Foto: Jörg-Christian Schillmöller)

Heidar, ein 27-jähriger Philosophiestudent aus Teheran formuliert es anders: "Die Integrität Irans sehe ich nicht in Gefahr. Aber es ist nicht mehr viel übrig von diesem Land. Die Wirtschaft ist am Boden und wir haben international nichts mehr zu sagen. Die Politik der Feindschaft gegenüber dem Westen ist gescheitert. "

Können die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen im nächsten und übernächsten Jahr eine Verbesserung bringen? Philosophiestudent Heidar hat da wenig Hoffnung: "Ich werde nächstes Mal nicht wählen gehen. Denn ich spüre, dass meine Stimme keinerlei Einfluss hat und die sich die zur Wahl stehenden Parteien auch kaum unterscheiden."

Auch Geschichtsstudentin Mina ist skeptisch: "Ich habe da große Zweifel. Vor allem weil es wohl nur die Wahl geben wird zwischen Schlimmer und am schlimmsten. Ich glaube, eine Menge Menschen empfinden das genauso wie ich."

Narges ist 25 Jahre alt, studierte Elektrotechnik und arbeitet jetzt in einem Teheraner Buchladen. Sie will die Hoffnung auf Reformen nicht aufgeben: 
"Seit ich wählen darf bin ich immer zur Wahl gegangen und werde das auch weiterhin tun. Ich gehöre wohl zu den letzten Leuten, die ihre Forderungen noch nicht begraben haben und werde weiterhin wählen gehen."

"Es hat sich nichts so entwickelt, wie wir es wollten."

Rahayi, der 70-jährige Monarchist, der als Kind so großen Respekt vor den Mullahs hatte, bringt seine Erfahrung mit beiden Regimen mit wenigen Worten auf den Punkt.

"Ich habe beides erlebt: Die Zeit des Schahs und die gegenwärtige. Es hat sich nichts so entwickelt, wie wir es wollten. Aber dieses System wird gestürzt werden. Ich kann es spüren und ich sehe es kommen."

Wer weiß. Schließlich hatten bei Gründung der Islamischen Republik 1979 auch nicht absehbar, dass sie jetzt ihr 40-jähriges Bestehen feiert.

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