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StartseiteAus Religion und GesellschaftDer Lohn der Religion besteht aus Liebe19.02.2020

Iranische Mystik Der Lohn der Religion besteht aus Liebe

Frieden mit sich selbst, mit der Gesellschaft, mit Gott. Das ist das Versprechen des Sufismus. Einige der spirituellen Zentren liegen im heutigen Iran. Dichter wie Rumi und Hafez werden hoch verehrt - erst recht in politisch unruhigen Zeiten.

Von Corinna Mühlstedt

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Kunstvoll gearbeitete Decke des Schreins am Grab des Mytikers Hafez in Shiraz, Iran (imago images / robertharding)
Zuflucht und Sinnsuche - auch viele junge Menschen besuchen das Grab des großen Dichters und Mystikers Hafez in Shiraz (imago images / robertharding)
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Die äußere Gestalt vergeht,
doch es gibt eine Wahrheit, die bleibt.
Bestaune nicht die Form des Wasserkrugs.
Lauf, und suche nach der Quelle!

Die Gedichtsammlung "Mathnawi" des orientalischen Mystikers Jelalladin Rumi wird oft als "Koran Persiens" bezeichnet. Sie entstand im 13. Jahrhundert. Plündernde Mongolenhorden versetzten damals den Orient in Angst und Schrecken. Doch in Rumis Dichtungen spielen Gewalt und Krieg so wenig eine Rolle wie traditionelle Formen der Religion. Seine Texte kreisen um ein einziges Thema: die leidenschaftliche Beziehung des Mystikers zu Gott, dem gegenüber alles andere verblasst:

Jemand fragte: "Was ist Liebe?"
Gott sprach: "Das wirst du wissen,
wenn du dich in mich hinein verloren hast"…
Lass deine Seele im Feuer der Liebe entbrennen, und brenne damit all deine Gedanken und Worte weg!

Die islamische Mystik prägt in Persien - dem heutigen Iran - seit Jahrhunderten die Kultur und bestimmt das Lebensgefühl großer Teile der Bevölkerung. Die kurdische Provinzstadt Sanandaj im rauen Norden des Landes ist eine Hochburg der bekanntesten mystischen Richtung des Islam, des Sufismus.

Die Kurden mussten im Lauf der Geschichte oft unter Repressalien leiden. In den letzten Jahren teilten sie mit allen Iranern die Last des US-amerikanischen Wirtschaftsembargos und die Angst vor einem neuen Krieg. Die Mystik, deren Tradition in Sanandaj bis in die Zeit Rumis zurückreicht, eröffne dabei einen alternativen Lebensstil, versichert einer der geistlichen Führer der Sufi, Scheich Hashemi:

"Der Sufismus ist ein Weg, um Frieden zu finden - zuerst mit mir selbst, dann mit der Gesellschaft und schließlich mit Gott. Die Botschaft, die wir verbreiten, ist eine Botschaft der Liebe: Gott ist der Schöpfer aller Dinge, und er liebt alle Kreaturen. Das Wissen um seine alles umfassende Liebe und Einheit möchten wir in die Gesellschaft hineintragen."

Wandermönch in rauer Wolle

Im Sufismus kennt man von jeher verschiedene Lebensformen: Asketische Wandermönche zogen einst nur mit einem rauen Wollstoff - auf Arabisch "Suf" - bekleidet durch das Land. Andere Gläubige folgten ihren Idealen in traditionellen, familiären Bindungen und schlossen sich dabei oft mit Gleichgesinnten zusammen. Unter den Sufi von Sanandaj findet man neben Männergemeinschaften auch aktive Frauengruppen.

Die Gemeinschaft, betont Scheich Hashemi, sei offen für jeden:

"Der Sufismus ist ein spiritueller Weg. Wir lesen Texte aus dem Koran und den Schriften großer Mystiker oder Philosophen. Außerdem halten wir Meditationen, bei denen wir uns den Namen Gottes vergegenwärtigen. Nicht zuletzt üben wir einen Tanz, der sich "tune of love" nennt - "Melodie der Liebe"."

Kurdische Männer tanzen begleitet vom Klang der Daf-Trommel bei einer Hochzeitszerimonie im Iran (imago images / ZUMA Press)Kurdische Männer tanzen begleitet vom Klang der Daf-Trommel bei einer Hochzeitszerimonie (imago images / ZUMA Press)

Die Meditationen beginnen mit dem archaischen Klang des "Daf", einer orientalischen Trommel, die gerne für religiöse Zeremonien verwendet wird. Dann erklingt immer öfter der Namen Gottes "Allah"! Nach und nach verbinden die Frauen ihre Worte mit rhythmischen Bewegungen - zunächst sitzend, dann stehend, tanzend. Schrittweise steigert sich die Intensität der Trommeln. Rhythmus, Tanz und Gebet werden zu einem Freiraum, der den Alltag sprengt, zum Tor in eine andere Wirklichkeit. Rumi schreibt:

Der Lohn der Religion besteht aus Liebe,
Ekstase des Herzes und Nähe zu Gott…
Die Seele des Gebets ist
das Aufgehen des Selbst in Gott!

Im Iran, wo sich ein Großteil der Bevölkerung bis heute zur schiitischen Richtung des Islam bekennt, hat die Mystik viele Gesichter. Ihrer poetischen Seite begegnet man vor allem im Süden des Landes: in Shiraz. In der berühmten "Stadt der Rosen" schlendern Alt und Jung abends gerne durch die romantische Gartenanlage am Grab des Dichters Hafez. Er lebte im 14. Jahrhundert in Shiraz und lehrte mit leidenschaftlichen Worten den Weg der Mystik, auf dem ein Mensch seine Egozentrik überwindet und die Liebe zu Gott entdeckt.

Unkundiger, höre mich,
auf dass Du bekehrt wirst:
Wenn Du den Weg nicht betrittst,
wirst Du ihn niemandem weisen…

…appelliert Hafez an seine Leser. Eine Sammlung seiner Gedichte, der sog. Divan, wurde weltberühmt und inspirierte 400 Jahre später Johann Wolfgang von Goethe zu seinem West-östlichen Divan. - Die Stimmung im Garten des Hafez ist heiter und entspannt: Man trinkt Tee, legt Blumen auf die Grabplatte des Poeten, zitiert Verse aus seinen Büchern und hört Vertonungen seiner Werke. Unter den Besuchern sieht man viele junge Leute. Auch der Philosophie-Student Hussein kommt gerne mit Freunden hierher:

"Die Mystik ist heute im Iran für uns wichtig, um im Leben Orientierung zu finden. Nur die wenigsten Jugendlichen gehören zu einer mystischen Vereinigung. Aber viele verehren Gestalten, die den Glauben überzeugend vorgelebt haben. Dazu gehören bekannte Mystiker wie Rumi oder Hafez. Aber es gibt im Iran auch moderne Persönlichkeiten, die als spirituelle Vorbilder gelten - Professoren, Philosophen, Dichter. Man orientiert sich an ihnen, weil ihr Lebensstil etwas Ermutigendes hat, etwas Inspirierendes."

Ein Pärchen liest am Grab des Dichters Hafez in einem Buch (imago images / ZUMA Press)Ein Pärchen liest am Grab des Dichters Hafez in einem Buch (imago images / ZUMA Press)

Religion als Privatsache

Seit der gezielten Tötung des iranischen Generals Soleimani durch die USA, ist der Iran täglich in den westlichen Nachrichten. Fernsehbilder zeigen Demonstrationen verschiedener Gruppen.

Doch die iranische Gesellschaft ist schon länger im Umbruch. Der schwarze Tschador, den Frauen nach der islamischen Revolution zu tragen verpflichtet waren, ist nur noch selten zu sehen. Junge Perserinnen befolgen die muslimische Kleiderordnung längst auf ihre Weise: Bunte Seidentücher liegen locker über dem Haar und unter eleganten Gewändern kommen enge Jeans zum Vorschein.

Die Jugend empfinde Religion zunehmend als Privatsache, erklärt der Literaturwissenschaftler und Ethiker Mohsan Javadi, umso wichtiger sei vielen die spirituelle Verankerung, die ihnen die Mystik biete.

"Allerdings besteht bei einigen Jugendlichen auch die Gefahr, dass sie in eine Art Pseudo-Mystik abgleiten, wie man sie etwa im Internet findet. Denn die Mystik wird heutzutage von manchen Leuten für ideologische oder kommerzielle Zwecke missbraucht. Das ist ein Phänomen, das es leider in allen Religionen gibt. - Aber wer dem Weg der Mystik ernsthaft folgt, der wird erkennen, dass er ihn zu einer reiferen Haltung führt, die auch eine soziale Seite hat: Sie motiviert, anderen zu helfen."

So facettenreich die Mystik im Iran auch gelebt werde - allein oder in Gruppen, im ekstatischen Tanz oder in der Stille, allen Formen wahrer Mystik, so Javadi, sei eines gemeinsam:

"Mystik ist eine Lebenshaltung: Man strebt danach, Gott mit dem Herzen zu erkennen. Das ist die höchste Art, ihn zu erkennen, - mit dem "inneren Auge", ohne Argumente, ohne Beweise. Es geht um eine Form tiefer religiöser Erfahrung. Manchmal bereitet man sich lange auf diese Erfahrung vor, aber in der Regel kommt sie spontan, plötzlich."

Und stets verändert diese Erfahrung den Menschen von Grund auf, das wusste schon Hafez:

Fällt in Deine Seele auch nur ein Strahl
vom Licht der Liebe Gottes,
ich weiß: Du wirst sodann
weit schöner strahlen als die Sonne!

In Teheran, der Hauptstadt des Landes, ist die Stimmung stark von den innen- und außenpolitischen Auseinandersetzungen geprägt, vor allem vom offenen Konflikt zwischen den USA und dem Iran. Spiritualität findet man in der 13-Millionen-Metropole fast ausschließlich im Privatbereich und in einigen Moscheen. An der iranischen Akademie für Philosophie erforscht Shahram Pazouki die persische Mystik. Sein besonderes Interesse gilt ihrer Bedeutung für das interreligiöse Gespräch:

"Ich habe in Seminaren schon bekannte islamische und christliche Mystiker verglichen. Die Gedanken von Meister Eckhart oder Theresa von Avila sind beeindruckend. Einer meiner Studenten hat eine ausgezeichnete Doktorarbeit über Parallelen zwischen Rumi und Theresa geschrieben. Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen dem Islam und dem Christentum, und die meisten finden Sie in der Mystik. Manchmal sage ich sogar, dass der Sufismus der christliche Teil des Islam ist, und suche nach neuen Wegen des Dialogs."

Austausch mit westlichen Theologen

Im Interesse seiner Forschungen wünscht sich Pazouki mehr Austausch mit westlichen Theologen. Allerdings sei ihm bei Besuchen in Europa aufgefallen, dass die christliche Mystik dort kaum noch aktiv gelebt werde. Interreligiöse Gespräche, so der Dozent, könnten daher für Muslime und Christen in Ost und West gleichermaßen bereichernd sein.

"Ich denke, als Muslime müssen wir das Christentum verstehen, um den modernen Zeitgeist zu erfassen, denn dieser Zeitgeist ist in Europa entstanden. Und umgekehrt sollten Christen den Islam kennenlernen, und zwar so wie er wirklich ist, - nicht sein Zerrbild, das heute oft in den Medien erscheint, sondern seine spirituelle, mystische Seite. Wir müssen als religiöse Menschen direkt ins Gespräch kommen, um Wege zum Frieden zu finden und die aktuellen Probleme zu lösen."

Die Überzeugung, dass die Mystik, Religionen und Kulturen verbindet, hat eine lange Tradition. Der bekannte Sufi Ibn Arabi wuchs vor rund 800 Jahren in Andalusien auf, reiste weit und wurde schließlich im persischen Kulturraum sesshaft. Gegen Ende seines Lebens kam er zu dem Schluss:

Mein Herz ist fähig geworden,
alle Formen anzunehmen:
Es ist Weide für die Gazellen
und Kloster für die Christen,
es ist Tempel für die Götter,…
die Tafeln der Thora und das Buch des Koran.
Meine Religion ist die Liebe!
Ganz gleich, wohin die Karawane der Liebe zieht,
ihr Weg ist der Weg meines Glaubens.

Das unkonventionelle Streben der Mystiker nach Gotteserfahrung und innerer Freiheit war allerdings von jeher ein Dorn im Auge derer, die sich am Buchstaben des Gesetzes festhielten. Im Lauf der Jahrhunderte wurden daher einzelne islamische Mystiker, aber auch Sufi-Gemeinschaften immer wieder verfolgt. An der Faszination, die der Weg der Mystik auf weite Kreise der Bevölkerung ausübt, änderte das nichts. In Europa sei kaum bekannt, dass sogar der Initiator der iranischen Revolution, Imam Khomeini, mystische Schriften verfasste, erklärt Shahram Pazouki:

"Der praktische Weg des Sufismus stößt leider bis heute oft auf Hindernisse. Aber als gedanklicher, philosophischer Weg ist die Mystik im Denken des iranischen Volkes fest verankert und sehr verbreitet: in der Kunst, in der Philosophie, aber auch im Alltagsleben."

"Mystik vermittelt Sinn"

Man findet bereits unter den ältesten historischen Vorbildern des schiitischen Islam bedeutende mystische Gestalten: Zu ihnen zählt der im 9. Jahrhundert verstorbene Imam Reza. Er gilt als Inbegriff der Güte. Sein Grab liegt im Osten des Iran, in der heiligen Stadt Mashhad. Rund um das Mausoleum Imam Rezas entstand eine der größten Moschee-Anlagen der Welt. Alljährlich besuchen sie etwa 20 Millionen Pilger.

Wer das Gelände betreten will, muss vorher eine Sicherheitskontrolle passieren. Denn vor einigen Jahren wurde auf die Anlage ein Anschlag verübt. Der Glaube sei für die Bevölkerung derzeit wichtiger denn je, weil er ihr helfe, die Angst zu bewältigen, meint Seyed Mohaddez. Er lehrt an den Universitäten von Mashhad und Qom "Mystik und transzendentale Philosophie":

"Der Nutzen der Mystik für die heutige Welt ist groß. Denn viele Menschen fühlen derzeit eine spirituelle Leere. Sie fragen nach dem Sinn des Lebens. Mystik vermittelt Sinn, denn sie zeigt, wie wir Gott näherkommen. Für uns Schiiten gibt es nichts Wichtigeres. Die Mystik ermöglicht einen Prozess der Entwicklung, der uns inneren Frieden und wahre Freude am Leben finden lässt. Zugleich wird uns bewusst, dass wir den Tod nicht fürchten müssen. Denn er ist nichts anderes als das letzte Tor, durch das wir gehen, um das höchste Ziel unseres Lebens zu erreichen: Gott."

Jelalladin Rumi hat die spirituelle Reise des Mystikers vor rund 800 Jahren so beschrieben:

Ich starb als Mineral und wurde zur Pflanze,
ich starb als Pflanze und wurde zum Tier,
ich starb als Tier und wurde Mensch.
Warum also sollte ich das Sterben fürchten?
Wurde ich denn durch Sterben je weniger?
Auch beim nächsten Schritt werde ich sterben,
um verwandelt zu werden… - Alles vergeht außer Gott!
Wahrlich zu Ihm kehren wir alle zurück!

In der Universitätsstadt Qom, im Westen des Iran, befindet sich das Grab der Schwester Imam Rezas: Fatima Masoumeh. Der Überlieferung nach war die junge Frau aufgrund ihrer Hilfsbereitschaft beim Volk sehr beliebt. Doch auf einer Reise zu ihrem Bruder fiel sie einem politisch motivierten Attentat zum Opfer. Seither wird Fatimah Masoumeh als Beispiel der Liebe und Barmherzigkeit verehrt.

Schnitzerei im Mausoleums von Mevlana Celaleddin Rumi, Türkei (imago images / blickwinkel)"Wurde ich denn durch Sterben je weniger?" - Schnitzereien am Mausoleum des Dichter Rumi in Konya, Türkei (imago images / blickwinkel)

Im Heiligtum, das um ihr Grab entstand, sieht man viele Frauen. Alle tragen - wie in iranischen Moscheen üblich - einen Tschador. Am Grab Fatimas ist für Frauen ein separater Gebetsraum reserviert. Manche meditieren dort still, andere rezitieren Verse aus dem Koran. Wieder andere fassen sich in langen Reihen an den Händen, umrunden das Grab und berühren es ehrfürchtig.

Die Versuchungen des Extremismus

Körper und Geist seien in der persischen Mystik gleichermaßen wichtig, erläutert Mohammed Shomali. Er leitet in Qom ein internationales Institut für Islamische Studien:

"Wahre Mystik muss beides umfassen: Herz und Verstand. Denn die Mystik ist mehr als eine abstrakte wissenschaftliche Einsicht, zu ihr gehört tiefe Spiritualität. Und diese sollte man nicht nur in der Moschee leben, sondern auch im Alltag. Gottes Liebe an alle weiter zu geben, ist die entscheidende Haltung, die uns große spirituelle Gestalten vorgelebt haben und die wir heute 24 Stunden am Tag selbst praktizieren sollten."

Diese Haltung sei zugleich ein Prüfstein, an dem sich echte Mystik bewähren müsse, ergänzt Shomali. Denn ein Mystiker dürfe nie der Versuchung erliegen, seine spirituellen Erfahrungen für egoistische Ziele zu missbrauchen. Andernfalls laufe er Gefahr, in Extremismus abzugleiten.  

Mohammed Shomali:

"Der beste Schutz vor den Versuchungen des Extremismus ist Demut. Wir sind in der Mystik aufgefordert, Achtsamkeit und Liebe, Selbsterkenntnis und Rücksicht zu üben, sonst ist unsere Spiritualität nicht echt. All dies zu lernen, ist ein lebenslanger Prozess. Hier liegt für jeden Mystiker eine der größten Herausforderungen!"

Jelalladin Rumi hat es einst so ausgedrückt:

Handelst du ichsüchtig, wirst du blind und ein Sklave…
Stirb deinem Ich und komm zum Leben aus Gott…
Wer sich mit ihm vereinigt, muss sich ganz loslassen.
Doch sobald er´s tut, erkennt er die Welt ganz deutlich,
die er vorher nur verschwommen wahrnahm.

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