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StartseiteTag für TagDer Märtyrer, dein Role Model 01.08.2017

Islam-ErklärerDer Märtyrer, dein Role Model

Kerim Pamuk hat ein satirisches Islam-Lexikon geschrieben, von A wie "Abfall vom Glauben" über "Fatwa" bis Zuckerfest. Nicht alle Einträge sind witzig gemeint. Beim Thema "liberaler Islam" wird der Autor ernst.

Von Mechthild Klein

Ein Durchblicker: Kabarettist Kerim Pamuk fragt in seinem Lexikon: Der Islam, das Islam, was Islam? (picture-alliance / dpa / Maurizio Gambarini)
Ein Durchblicker: Kabarettist Kerim Pamuk fragt in seinem Lexikon: Der Islam, das Islam, was Islam? (picture-alliance / dpa / Maurizio Gambarini)
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Auf dem Cover des Islam-Lexikons ist ein im Comic-Stil gezeichneter Frauenkopf zu sehen. Bis auf einen Sehschlitz ist die Frau verschleiert und zwinkert dem Betrachter aufmunternd zu. Keine Frage, hier spielt einer mit den Klischees. Widersprüche gehören zu Religionen dazu, und das, obwohl es die Wahrheit doch nur im Singular gibt. Der Autor Kerim Pamuk breitet die Ungereimtheiten genüsslich aus. Von A wie "Abfall vom Glauben" über "Döner" oder "Koran" bis Z wie Zuckerfest oder M wie Märtyrer. Kerim Pamuk: 

"Das arabische Wort hierfür lautet 'Schahid' und hat die gleiche Bedeutung wie das aus dem Griechischen entlehnte 'Märtyrer': Zeuge. Der Märtyrer ist gerade ein schwer angesagtes 'Role Model' für junge muslimische und viele europäische Männer, die auf dem Sexualmarkt zu den Ladenhütern gehören, weil sie keine besonders gute Partie sind oder ihnen die eigene sexuelle Orientierung Schwierigkeiten macht. Am besten lassen sich potentielle Märtyrer von islamistischen Rattenfängern rekrutieren, wenn sie um die Zwanzig sind. Ab Dreißig lässt der Drang, im Dschihad für 72 Jungfrauen zu sterben, spürbar nach. Vermutlich weil mit Dreißig der akute Hormonstau langsam dem Verstand weichen muss - im Idealfall." 

Nichts für Fundis

In diesem Ton definiert Pamuk mehrere Dutzend Begriffe aus der orientalischen und islamischen Kultur. Kerim Pamuks Islam-Lexikon ist nichts für Fundis, die wären dauerbeleidigt. Es macht Spaß zu verfolgen, wie der Satiriker Übersetzungsprobleme zuspitzt, ob im Jenseits wirklich 72 Jungfrauen auf die Märtyrer warten - oder nicht eine 72-jährige Jungfrau. Er fragt sich, ob im Zuge der Gleichberechtigung konsequenterweise auf die Märtyrerin 72 Jungmänner warten und ob man das als Frau überhaupt möchte.         

"Sehr viele Begriffe sind natürlich humoristisch, satirisch erklärt. Aber manche Begriffe wie zum Beispiel der 'Liberale Islam' sind nicht lustig erklärt, weil es eben Themen sind, die mir auch wichtig sind. Weil eben alle Dinge, die Religionen, auch der Islam, eine sehr lustige, satirische, absurde Seite hat und eine sehr ernste bittere. Und das ist für mich kein Widerspruch, dann den entsprechenden Ton anzuschlagen."

Kerim Pamuk holt weit aus. Für das Lexikon hat er lange recherchiert, liefert theologisch durchaus fundierte Fakten, die er humoristisch verpackt. Bei dem Begriff "Fatwa" - das ist ein islamrechliches Gutachten von Muftis - hat er Fragen recherchiert, die Gläubige tatsächlich gestellt haben und die Antwort der Rechtsgelehrten gleich dazu.

"Bei unserer letzten Weihnachtsfeier gab es Raki - all you can drink. Und nach der dritten Flasche und dem Verzehr der Teigröllchen meiner Mutter ist der Arbeitskollege Klaus spontan zum Islam übergetreten. Frage: 'Ist Klaus jetzt ein richtiger Moslem, obwohl er im Suff konvertiert ist?' Mufti-Antwort: 'Jupp, is er.'"

Einst sei die Fatwa eine Königsdisziplin gewesen, heute sei sie zur Quacksalberei verkommen, beklagt Pamuk. Weil jeder Hinterhof-Mufti glaube, dass er eine Fatwa schreiben müsse. Früher mussten die Theologen bis zur ersten Fatwa 10 Jahre studieren, sagt der Satiriker.

Differenzierung ist nur was für "überintegriert Weicheier"

Weiter im Lexikon - zum Begriff "halal & haram". Halal heißt "erlaubt" und haram "verboten". Das gehöre zum täglichen Rüstzeug jedes Muslims, der sich nicht mit 1300 Jahren islamischer Theologie und Rechtsgeschichte rumschlagen möchte.

"Besonders mit dem Begriffsdoppelpack 'halal & haram' ködern islamische Rattenfänger schlichte und konversionswillige Deutsche und radikalisieren muslimische Jugendliche. Sie verkaufen den Islam als simplen Regelbaukasten, mit dem sich das Leben des Menschen im Diesseits und im Jenseits bis in die hinterste Ritze managen lässt und man sich ergo nicht mit Zweifeln oder gar eigenen Gedanken rumschlagen muss. Für alle Fragen gibt es ein klares Ja oder Nein. Der Mitmuslim ist automatisch 'Bruder' und die  verschleierte Mitmuslimin ist 'Schwester'. Alle anderen sind mehr oder weniger schlimme 'Kuffar' Ungläubige - ob sie nun an Jesus oder Buddha glauben oder noch schlimmer, sich als Muslimin westlich kleiden und auf die Scharia pfeifen. Allah ist der einzige Gott, Muhammad war sein Pophet und der Rest ist halal oder haram. Schon ist der Lego-Islam fertig."

Differenzierung, sagt Pamuk, sei natürlich etwas für "überintegrierte Weicheier" oder nur interessant, wenn "der strebsame Gläubige das Zinsverbot kreativ umgehen" wolle. Oder wenn er "die tägliche Verteufelung des Westens mit dem begeisterten Gebrauch westlicher Technik in Einklang bringen" müsse. 

An erster Stelle steht für diese Leute Regelkunde. Wenn man sich korrekt verhält, den Regeln entsprechend ist man automatisch ein guter Moslem. Es geht weniger um die innere Haltung, die innere Einstellung, dass man ein guter Mensch ist. Hält man die Regel ein, hat man schon gute Karten fürs Paradies. Und das kritisiere ich eben.

Ein Beispiel für die vielen Automatismen sieht Pamuk in der ausgeprägten Neigung der Orientalen zu Gebetsformeln. Einfach unter B wie Basmallah nachschlagen:

"Basmala ist die Kurzform von bismi llahi r-rahmani r-rahim. 'Im Namen des barmherzigen und gütigen Gottes.'"

Basmala oder Bismilla steht im Koran am Anfang fast jeder Sure. Ähnliche Formeln benutzten schon die vorislamischen Araber, wenn sie ihre Götter anriefen. Die Formel wird auch heute noch fast inflationär verwendet.

"Basmala benutzt der Muslim als Intro für etliche alltägliche Handlungen. Beim Betreten des Hauses, vor jeder Mahlzeit, vorm ehelichen Sex (was bei handfesten und pragmatischen Ehefrauen regelmäßig Kircheranfälle auslöst), beim Schlachten eines Tieres, vor jedem Reiseantritt und beim Betten des Verstorbenen ins Grab. Streng verboten ist das Aufsagen der Basmala vor dem Gang zur Toilette. Beim Verlassen derselben ist aber ein Allaha sükür 'Gott sei Dank' erlaubt. Anhänger des Bonuscard-Islam, die gerne durch quantitative Frömmelei Punkte für das Ticket ins Paradies sammeln, beten täglich mehrere Rosenkränze mit der Basmala, um Allah zu beeindrucken. Das halbe Ticket ins Paradies ist dann schon mal sicher, egal was für ein Halunke du sonst bist."

Traditionsgemäß humoristisch

Was motiviert einen Satiriker solche Praktiken in seiner Religion durch den Kakao zu ziehen? Pamuk hat schon in seinen Kabarettauftritten die demonstrative Frömmigkeit von Muslimen in Frage gestellt. Er meint, dass Glauben Privatsache sei und ...

"...dass man nur gegenüber Gott verantwortlich ist. Das heißt, alles, was man tut und macht, muss man nur ihm gegenüber verantworten, wenn man glaubt. Aber all das, was der zeitgemäße praktizierte Islam ist, ist eben das Gegenteil davon."

Auch wenn Pamuk zeitgemäß formuliert, er nähert sich einer alten Tradition in der Türkei und im Orient.

"Es gibt Tausende von Witzen, das ist Teil der Volkskultur. Und darüber hat sich bisher auch niemand aufgeregt. Und diesen Rückstoß ins Fundamentalistische, ins vermeintlich Sakrosankte, das ist ein Phänomen der Neuzeit, der letzten 20, 30 Jahre. In der Türkei erzählen sich Tausende sehr viele religiöse, Witze, die 'ne religiöse Konnotation haben. Nur ist die Wahrnehmung eine ganz andere, weil man nur die Schreihälse wahrnimmt, die Fundamentalisten wahrnimmt. Die dann für sich beanspruchen für den Islam zu sprechen. Was sie aber nicht tun."

Kerim Pamuk: Der Islam, das Islam, was Islam? Ein Lexikon für Durchblicker. Erschienen mit Gütersloher Verlagshaus, 237 Seiten, 17,99 Euro.

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