
Am 29. August sollen die Isländerinnen und Isländer entscheiden, ob die jahrelang unterbrochenen Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union wieder aufgenommen werden. So plant es die sozialliberale Regierung, die seit Dezember 2024 im Amt ist.
Der erste Antrag war 2013 vor allem am Streit über Fischereirechte gescheitert. Doch die geopolitische Lage hat sich seither verändert: In einer Zeit großer Machtblöcke könnte das kleine Island mit seinen knapp 400.000 Einwohnern eine Art Vernunftehe mit der EU eingehen.
Befürworter sehen im europäischen Staatenbund mehr Stabilität und Sicherheit, Gegner warnen weiter vor dem Verlust von Souveränität.
Die erste Annäherung an die EU endete 2015
Das von der Finanzkrise schwer getroffene Island beantragte im Juli 2009 den Beitritt zur Europäischen Union. Ein Jahr später wurden die Beitrittsverhandlungen aufgenommen. Auf Antrag der damaligen EU-kritischen Regierung Islands wurden sie jedoch 2013 wieder ausgesetzt und 2015 schließlich aufgekündigt.
Dabei waren die Gespräche weit fortgeschritten: Von den 33 wesentlichen Verhandlungskapiteln erfüllte Reykjavík bereits 21 ganz oder teilweise. Kaum verwunderlich: Island war schon damals Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) und damit Teil des Binnenmarktes. Außerdem ist es Vollmitglied des Schengen-Raums und Gründungsmitglied der NATO.
Fisch und Anti-EU-Kampagnen
Wesentlicher Streitpunkt zwischen der EU und Island waren damals die Fischereirechte, die neben der Landwirtschaft nicht Teil des EWR-Regelwerks sind. Befürchtet wurde – und wird teils bis heute - , dass andere Staaten die isländischen Fischgründe ausbeuten könnten, während die EU gleichzeitig Fangquoten vorschreibt.
Die jahrelangen Anti-EU-Kampagnen gingen nach Angaben des Politologen Audunn Arnórsson vor allem auf das Konto jener Parteien, die der Fischerei-Industrie nahestehen. Die Fischereikonzerne profitieren insbesondere von der isländischen Krone – der „kleinsten selbstständigen Währung der Welt“, so Arnórsson:
„Die Krone – so sehen sie es jedenfalls – verteidigt ihre Kapitalinteressen. Man weiß, dass die Krone auch Auslandsinvestitionen fernhält. Was schlecht ist für Konsumenten, weil wir kaum Konkurrenz, kaum Wettbewerb haben in vielen Bereichen der Wirtschaft.“
Über allem steht die Warnung davor, souveräne nationale Rechte aufzugeben. Das einzige Interesse der EU sei es, das Land auszunehmen – das war stets das Hauptargument derjenigen, die gegen einen EU-Beitritt Islands waren und es noch immer sind, sagt der Politikwissenschaftler Maximilian Conrad.
Darüber sollen die Isländerinnen und Isländer abstimmen
Am 29. August soll es zunächst nur um die Frage gehen, ob Island überhaupt wieder in Beitrittsverhandlungen mit der EU treten soll. Ein solches Referendum hatte sich die von den Sozialdemokraten angeführte Regierungskoalition bis spätestens 2027 vorgenommen. Nun drückt sie aufs Tempo. Allerdings muss das Parlament dem Terminvorschlag noch zustimmen.
Sollte es wieder zu Verhandlungen mit Brüssel kommen und sollten diese abgeschlossen werden, verspricht die Regierung eine zweite Volksabstimmung darüber, ob Island tatsächlich der EU beitreten soll.
Trump und Grönland-Konflikt befeuern EU-Debatte in Island
Die zunehmende Abkehr der USA von Europa, der Zollstreit und die Spannungen im Nordatlantik: Die weltpolitische Lage spielt bei der möglichen Wiederannäherung an die EU eine große Rolle.
Besonders aufgeschreckt wurden die Isländer durch Donald Trumps Annexionspläne für Grönland. Zumal er die überwiegend eisbedeckte Insel beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2026 fälschlicherweise als „Iceland“ bezeichnete.
Die Frage drängte sich auf: Was, wenn der US-Präsident irgendwann auch Island ins Auge fassen würde? Die Insel besitzt aufgrund ihrer Lage im Nordatlantik und der Nähe zur Arktis strategische Bedeutung. Island ist zwar NATO-Mitglied, hat aber kein eigenes Militär und verlässt sich seit 1951 insbesondere auf ein Sicherheitsabkommen mit den USA. Das sei ein Grund für viele Isländer, „sofort nervös“ zu werden, sagt der Politologe Maximilian Conrad.
In diesem Umfeld habe auch die „EU-Frage“ wieder an Bedeutung gewonnen. Diese Entwicklung nehme die Regierung mit dem geplanten Referendum nun auf. Zumal mit den Sozialdemokraten von Regierungschefin Kristrún Frostadóttir und der liberalen Reformpartei zwei der drei Koalitionspartner traditionell europafreundlich seien, so Conrad.
Für zusätzliche Irritation sorgte eine angeblich als Scherz gemeinte Bemerkung des von Trump nominierten US-Botschafters Billy Long. Er hatte Island im Januar 2026 als „52. US-Bundesstaat“ bezeichnet – mit ihm als künftigem Gouverneur. Der 51. sollte demnach Grönland sein.
EU-Verhandlungen könnten hohes Tempo haben
Noch gibt es in Island keine Mehrheit für einen EU-Beitritt. Nach Umfragen befürworten immerhin 45 Prozent eine Mitgliedschaft, 35 Prozent lehnen sie ab. Deutlicher ist die Zustimmung zu einem Referendum über die Reaktivierung der Beitrittsverhandlungen: 58 Prozent sprechen sich dafür aus.
Die isländische Regierung sieht das Land unterdessen „bestens gerüstet“ für neue Verhandlungen: Island sei eine lebendige Demokratie und ein enger Partner, teile die Werte der EU und habe seine Außenpolitik sowie große Teile der Finanzregulierung bereits an EU-Standards angepasst. Zudem kenne Island den Umgang mit EU-Regeln seit Jahren – durch den Europäischen Wirtschaftsraum und das Schengen-Abkommen.
Auch die EU sendet positive Signale: EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos nannte Island gegenüber der Nachrichtenagentur AFP einen "starken und strategischen Partner". In einer Welt konkurrierender Einflussbereiche biete die EU-Mitgliedschaft „einen Anker in einem Block, der auf Werten, Wohlstand und Sicherheit basiert“.
Ein EU-Beamter äußerte gegenüber dem US-Magazin Politico die Einschätzung, dass die Verhandlungen schnell vorangehen und im besten Fall nur ein Jahr dauern könnten.
Am Ende könnte es jedoch wieder um den für Island so wichtigen Fisch gehen. Er machte 2024 gut 34 Prozent der isländischen Warenexporte aus. Als Mitgliedsstaat müsste sich Island an die gültigen Fangmengen der EU halten.
Onlinetext: Beate Thomsen, mit Material von DLF und Agenturen











