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StartseiteCampus & KarriereProgrammieren schon in der Grundschule06.03.2019

IT-Unterricht in EstlandProgrammieren schon in der Grundschule

Vier Firmen mit einem Wert von über einer Milliarde US-Dollar hat Estland schon hervorgebracht, sogenannte Web Unicorns. Ein wichtiger Baustein dieses Erfolgs: das Bildungssystem. Estland hat früher als andere europäische Länder auf IT-Unterricht gesetzt - und das beginnt schon in der Grundschule.

Von Florian Kellermann

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Roboter-Unterrichtsraum in der 21. Schule in Tallinn/Estland (Florian Kellermann / Deutschlandradio)
Edgar (zweiter von rechts) im Wettkampf mit seinen Klassenkameraden (Florian Kellermann / Deutschlandradio)
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Edgar hält eine Fernbedienung in der Hand. Er steuert ein Fahrzeug aus Metall mit einem Hebearm, vor ihm auf einem großen Tisch - und liefert sich einen kleinen Kampf mit seinem Klassenkameraden. Wer kann die orangenen Plastik-Zylinder schneller in die richtige Reihenfolge bringen?

Aber das ist nicht der eigentliche Zweck des Roboter-Unterrichtsraums. Das Besondere ist nämlich, dass Edgar und die anderen Schüler diese Roboter programmiert haben. Sie erledigen ihre Aufgabe auch ohne Fernbedienung:

"Wir haben dafür ein spezielles Programm, das uns anzeigt, wie sich der Roboter verhalten wird. Diesen hier haben wir mit unserem Team programmiert. Er kann einen gelben Zylinder aufnehmen, dort hinüber fahren und ihn dort ablegen. Dann startet ein zweites Programm, dass drei orangefarbene auflädt. Dafür müssen wir den Roboter nur richtig ausrichten und den Startknopf drücken."

Im Lieblingsfach sind viele Lösungswege möglich

Edgar ist zwölf Jahre alt, Programmieren lernt er seit etwas über zwei Jahren. Es ist sein Lieblingsfach, denn:

"In Mathematik zum Beispiel gibt es immer nur eine richtige Lösung. Aber gibt es sehr viele Möglichkeiten, wie man sein Ziel erreichen kann."

Edgar geht auf die 21. Schule in der estnischen Hauptstadt Tallinn. Eines ihrer Teams ist vor wenigen Monaten Europameister im Roboter-Programmieren geworden.

Auch Schuldirektor Meelis Kond ist stolz:

"Normalerweise beginnen Schulen erst später mit Ingenieurwissenschaften und Programmieren, aber wir lehren das von der ersten Klasse an. Der Lehrplan in Estland ist nicht so starr, er wird nicht zu 100 Prozent vom Ministerium vorgegeben."

Der Tigersprung Estlands

Doch für viele Kinder beginnt die IT-Ausbildung in Estland sogar noch früher, sagt Kristel Rillo. Sie leitet die entsprechende Abteilung im Bildungsministerium:

"Fast 90 Prozent der Schulen und auch 60 Prozent der Kindergärten unterrichten IT. Die Esten denken sehr technologieorientiert. Viele Eltern verlangen das heute, sie schicken ihre Kinder nur dorthin, wo sie in diesem Bereich ausgebildet werden. Deshalb bilden Schulen und Kindergärten, die in Estland den Unterricht sehr frei gestalten können, das an."

Estland begann schon 1997, IT-Unterricht massiv zu fördern. Damals wurden alle Schulen an das Internet angeschlossen. Tiger-Leap hieß das Programm, Tigersprung. Die Lehrer erhielten kostenlos Fortbildungen, fast die Hälfte von ihnen nahm teil.

Spielerische Zugang hilft

Kristel Rillo drückt auf einen handgroßen Plastik-Käfer auf dem Tisch. Über die Knöpfe an seiner Oberseite lassen sich seine Bewegungen im Voraus festlegen. Ein Schritt vor, dann nach links drehen, dann zwei Schritte weiter, am Drachen vorbei: Mit solchen Geräten lernen die Kleinen im Kindergarten das Prinzip des Programmierens.

Diese Methode sei besonders wertvoll, meint Kristel Rillo:

"Es ist eine falsche Vorstellung, dass es bei IT nur ums trockene Programmieren geht. Das haben wir den Menschen erst erklären müssen, um sie zu überzeugen. So ein kleiner Roboter setzt Kreativität frei. Dieser Käfer hilft auch dabei, Geschichten zu erfinden, weil er den Kindern einfach Spaß macht."

Zurück zur 21. Tallinner Schule. Edgar und die anderen bereiten sich auf die Weltmeisterschaft im Roboter-Programmieren im Mai vor - in Louisville in den USA. Für Edgar ist es schon die zweite Weltmeisterschaft. Diesmal will das Team nicht mehr nur im Mittelfeld landen. Aber die Konkurrenz sei hart, vor allem aus den USA und aus China, sagt Edgar.

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