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StartseiteMusikjournalMailänder Scala gibt umstrittenes Geld aus Saudi Arabien zurück01.04.2019

Italiens OpernhäuserMailänder Scala gibt umstrittenes Geld aus Saudi Arabien zurück

Nach viel Kritik wird die Mailänder Scala Geld von der Regierung Saudi Arabiens zurückgeben. Im Gespräch mit Riad wolle man trotzdem bleiben. Denn Italiens Musiktheater stehen aufgrund der Wirtschaftskrise des Landes zunehmend unter finanziellem Druck.

Von Thomas Migge

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Opernhaus Teatro alla Scala in Mailand,  (picture alliance/dpa/imageBROKER - Wilfried Wirth)
Geld aus Riad ist herzlich willkommen, aber ohne Mitspracherechte in Sachen Theaterleitung und künstlerischer Direktion (picture alliance/dpa/imageBROKER - Wilfried Wirth)
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"Die Entscheidung des Verwaltungsrats ist klipp und klar: die Geldsummen, die die Scala erhalten hat, ohne dass der Verwaltungsrat seine Genehmigung dazu gegeben hat, werden unverzüglich zurückgegeben."

Mailands Bürgermeister Giuseppe Sala verkündete am 18. März, dass rund drei Millionen Euro Sponsoring an die Scala durch die Regierung Saudi Arabiens nicht angenommen werden. Geld, das aber bereits in den Kassen der Scala war.

Sponsoring aus dem Ausland

Von einer "brutta figura" des Opernhauses war die Rede, von einer ganz schlechten Figur, die man international machte, aber, so der Bürgermeister, der dem Verwaltungsrat der Scala vorsteht, ohne einen Konsens mit dem Verwaltungsrat dürfen keine Finanzmittel angenommen werden - schon gar nicht von einem so umstrittenen Regime wie dem saudischen. Ein Regime, das gehofft hatte, mit regelmäßigem Sponsoring für die Scala auch ein Anrecht auf einen Sitz im Verwaltungsrat zu erhalten - und auf diese Weise seine politischen wie wirtschaftlichen Beziehungen in Italien zu vertiefen.

Giuseppe Sala: "Unsere Entscheidung bedeutet auch einen sofortigen Stopp bezüglich jeder Diskussion eines Sitzes der Saudis in unserem Verwaltungsrat."

Doch wolle man, so der Bürgermeister, auf Geld aus Riad nicht verzichten:

"Das bedeutet nicht, dass wir mit den Saudis nicht reden werden. Im Gegenteil. Wenn wir eine Liste aufstellen müssten, mit all den Ländern, mit denen man aufgrund politischer Divergenzen nicht mehr sprechen dürfte - nun, die wäre lang."

Will heißen: Geld aus Riad ist herzlich willkommen, aber eben ohne irgendwelche Mitspracherechte in Sachen Theaterleitung und künstlerischer Direktion. Das ist die Botschaft von Mailands Bürgermeister Sala – und sie wurde mit großer Aufmerksamkeit in ganz Italien aufgenommen.

Italiens Musiktheater schwimmen finanzpolitisch seit Jahren in sehr trüben Gewässern. Schulden in Höhe von bis zu zweistelligen Millionenbeträgen sind bei vielen Opernhäusern keine Seltenheit, und die amtierende rechtspopulistische Regierung in Rom scheint nicht gewillt, diese Schuldenberge mit staatlicher Hilfe abbauen zu wollen, wie das sozialdemokratische Vorgängerregierungen versuchten.

Oreste Bossini, Musikredakteur bei der öffentlich-rechtlichen RAI:

"Die finanzpolitische Situation der italienischen Theater-Stiftungen, denn das sind unsere staatlichen Opernhäuser inzwischen, ist katastrophal. Bis auf die Scala, die als einziges Opernhaus keine großen Probleme hat, wissen alle anderen Häuser nicht, wie sie finanziell über die Runden kommen sollen. Staatliche Gelder werden reduziert und private Geldgeber aus Italien sind rar. Das ganz reale Überleben der Opernhäuser steht auf dem Spiel."

Teure Produktionen und Wirtschaftskrise

Geld auch aus Riad ist deshalb herzlich willkommen. Das wird sich auch Intendant Alexander Pereira gedacht haben, denn die Produktionen der Mailänder Scala sind sehr teuer und Italiens Wirtschaftskrise sorgt dafür, dass auch im Fall von Italiens berühmtestem Opernhaus private Geldgeber aus dem Inland nicht mehr so großzügig sind wie in der Vergangenheit.

Der Fall Scala hat eine Diskussion ausgelöst: in Musiktheatern, unter Intendanten, bei Kulturschaffenden, Kulturpolitikern und Musikjournalisten wie Oreste Bossini:

"Einem Musiktheater sollte nicht vorgeschrieben werden, ob es Geld von bestimmten Staaten akzeptieren darf oder nicht. Der springende Punkt ist doch der: soll das Geld eines anderen Staates, ob demokratisch oder nicht, oder eines multinationalen Unternehmens oder auch von ausländischen Milliardären dem Geldgeber die Möglichkeit geben, eine wie auch immer geartete Möglichkeit eines Mitspracherechts in der künstlerischen Leitung zu erhalten? Ich denke, dass das nicht der Fall sein sollte. Ist das die Voraussetzung für ein Sponsoring, dann sollte das Geld nicht akzeptiert werden."

Bislang keine Regelung für dauerhafte Finanzierung öffentlicher Strukturen

Der Musikhistoriker und Dekan der italienischen Musikkritiker Angelo Foletto denkt ähnlich wie Oreste Bossini. Er verweist aber auf ein verwaltungstechnisches Hindernis, das, und Mailands Intendant Alexander Pereira hätte es eigentlich wissen müssen, a priori finanzielle Beteiligungen von Dauer für italienische Opernhäuser untersagt:

"Es gibt in Italien noch keine bürokratische Regelung, die eine dauerhafte Finanzierung einer öffentlichen Struktur, wie den Theaterstiftungen, durch eine ausländische Regierung ermöglicht. Die bisherigen Statuten unserer Theaterstiftungen sind nur auf private und öffentliche Geldgeber aus Italien ausgerichtet."

Und so wird, bisher nur hinter vorgehaltener Hand, in Mailand und Rom, in Venedig, Bologna und in anderen italienischen Städten mit öffentlich finanzierten Opernhäusern darüber diskutiert, ob es nicht sinnvoll wäre, die aktuellen Stiftungsstatuten zu verändern: Damit zukünftig auch Geldgeber aus dem Ausland ein Musiktheater dauerhaft mitfinanzieren dürfen. Und nicht, wie bisher nur mit einmaligen Finanzspritzen für bestimmte Veranstaltungen: So hat etwa das Regime im nicht gerade demokratischen Azerbaidschan bereits einzelne "spettacoli" an der römischen Staatsoper und der römischen Accademia di Santa Cecilia finanziert.

Veränderungen in der Finanzierungspolitik der italienischen Musiktheater?

Eine Idee, die im ständig klammen italienischen Kulturministerium auf offene Ohren stößt. Das dramatische Ansteigen der Staatsschulden wird bald schon zu weiteren finanzpolitischen Einschnitten in allen Bereichen des öffentlichen Lebens führen. Auch im Kulturbereich. Eben deshalb hat Scala-Intendant Pereira mit seiner Entscheidung, die dann widerrufen wurde, eine Tür aufgestoßen, die schon bald zu Veränderungen in der Finanzierungspolitik der italienischen Musiktheater führen wird, meint Angelo Foletto, der allerdings auf einen Punkt besteht:

"Wenn wir es mit Staaten und Unternehmen zu tun haben, die ganz offen und nachweislich kriminell handeln, dann sollten wir auf diese Finanzmittel verzichten."

Wenn Italiens Musiktheater mit öffentlichen und italienischen Sponsorengeldern allein nicht über die Runden kommen, fordert Foletto, sollten die das Recht haben, Finanzmittel, auch auf Dauer, von internationalen Geldgebern annehmen zu dürfen. Dafür müsse man das Stiftungsstatut des Staates für öffentliche Theater revidieren. Deshalb appelliert Foletto an die Regierung und an den Kulturminister, diesbezüglich aktiv zu werden.

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