Donnerstag, 09. Dezember 2021

Jahresbericht des Presserats"Bild", Seehofer - und Corona

Noch nie hat es so viele Beschwerden beim Deutschen Presserat gegeben - vor allem wegen der Corona-Berichterstattung. Das Gremium kontrolliert die Berichterstattung in Printmedien und ihren Online-Auftritten - auch mithilfe aufmerksamer Mediennutzer*innen.

Von Michael Borgers | 23.02.2021

Zeitungen liegen in einer Auslage in einem Zeitschriftenladen.
Der Presserat kontrolliert die Zeitungsberichterstattung und ihre Online-Auftritte in Deutschland (dpa/ Jens Kalaene)
Corona war 2020 das Thema, das den Presserat am meisten beschäftigt hat: fast 600 Beschwerden zur Berichterstattung über die Pandemie hat der Verein laut Jahresbericht erhalten. Mehr als 4000 Beschwerden insgesamt seien es gewesen - ein neuer Rekord.
Zwar seien die meisten als unbegründet abgewiesen worden, doch auch bei der schärfsten Sanktionsmöglichkeit, der Rüge, vermeldete Sonja Volkmann-Schluck, beim Presserat verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit, einen Höchststand: "53-mal hat der Presserat im vergangenen Jahr eine öffentliche Rüge ausgesprochen, 19-mal mehr als 2019."

Umstrittene taz-Kolumne

Unter den Themen, die die Gemüter bewegten, war neben Corona die Berichterstattung über den rechtsextremen Terroranschlag von Hanau, die über fünf in Solingen von ihrer Mutter ermordeten Kinder und eine Kolumne der taz über die Polizei - über keinen Einzelartikel zuvor haben sich laut Presserat so viele Personen beschwert.
Die Tageszeitung taz steckt in einem Briefkasten. 
"taz"-Chefredakteurin - "Bezeichnend, dass der Innenminister vier Tage gebraucht hat"
Für "taz"-Chefredakteurin Barbara Junge kam der Rückzieher von Bundesinnenminister Horst Seehofer nicht überraschend. Die angekündigte Gesprächseinladung habe sie aber noch nicht erhalten.
"Die Autorin konnte sich als Arbeitsplatz für arbeitslose Polizisten nur die Müllhalde vorstellen, und wir haben diesen Beitrag damals ganz klar als Satire erkannt, haben ihn als reines Gedankenspiel bewertet und haben diese Beschwerden damals als unbegründet abgelehnt." Eine Entscheidung, die Innenminister Horst Seehofer kritisiert hatte.

Weniger Kritik wegen Herkunftsnennung

Immer weniger Beschwerden erhält der Presserat hingegen zur Herkunftsnennung von Straftätern. 2017 hatte der Verein hierzu seine Richtlinien verändert. Medien stellen seitdem deutlich häufiger die Nationalität von Verdächtigen heraus, wie Studien belegen.
Eine vor zwei Wochen veröffentlichte Datenanalyse des BR und NDR von Hunderttausenden Polizeimeldungen zeigt außerdem: Menschen, die aus ihrer Heimat geflohen sind, darunter Syrer, Algerier und Afghaninnen, tauchen in doppelt so vielen Polizeimeldungen auf wie Deutsche. In der polizeilichen Kriminalstatistik ist das Verhältnis umgekehrt.
Diese Entwicklung bei der Polizei habe auch Folgen für die Redaktionen, betont Presseratssprecher Sascha Borowski: "Weil die Verantwortung letztlich, was berichte ich, was erachte ich für relevant in der Berichterstattung? Diese Verantwortung liegt in den Redaktionen. Und diese Verantwortung müssen die Kolleginnen und Kollegen auch tatsächlich wahrnehmen."

"Bild" führt die Statistik wieder an

Die mit Abstand meisten Rügen erhielt, wie schon in den Vorjahren, die "Bild"-Zeitung. Auf einige Rügen sei die Redaktion sogar stolz, erklärte Chefredakteur Julian Reichelt Anfang 2020 auf einer Diskussionsveranstaltung des Hamburger Margaretha-Rothe-Gymnasiums: "Wir sind durchaus schon für Punkte gerügt worden, die wir für journalistisch gegeben, geboten halten."
So habe "Bild" etwa bereits die Herkunft von Straftätern genannt, als der Pressekodex das noch kritisch gesehen habe. Der Presserat bestätigte nun, dass "Bild" seit 2018, wie eigentlich vorgesehen, keine Rüge mehr in ihrer Print-Ausgabe und auch online noch nicht alle Rügen für 2020 veröffentlicht hat.
Auf der Veranstaltung vor einem Jahr warf Reichelt dem Presserat vor, er entwickle sich in eine falsche Richtung: Die Organisation nehme sich zu wichtig und handle dabei ideologisch.

"Nicht besonders objektiv"

O-Ton Reichelt: "Es gibt natürlich beim Presserat mehr Menschen, die 'Bild' nicht mögen, als sie die 'Zeit' nicht mögen, die da nicht besonders objektiv vorgehen. Das ist auch alles okay, nur als Selbstkontrollorgan funktioniert es dann einfach nicht mehr."
Ein Banner mit Werbung für die Bildzeitung spiegelt sich in einer Pfütze.
Doku über "Bild"-Zeitung - Männerwelt ohne Selbstzweifel
Einen authentischen Einblick in den Redaktionsalltag von "Bild" verspricht die Doku-Serie "Bild.Macht.Deutschland?". Sie bietet tatsächlich viele Einsichten in ein Medium voll journalistischer Hybris - aber nur wenig kritische Einordnung, findet Michael Borgers.
Als Beispiel nannte Reichelt, dass der Presserat Beschwerden an Medien weiterreiche, ohne dabei bestimmte Kriterien zu beachten. So habe er auch ein Schreiben erhalten, in dem seiner Redaktion Gewalt angedroht worden sei. Deshalb werde er auf Beschwerden bis auf Weiteres grundsätzlich nicht mehr reagieren, so Reichelt.

Mitglieder weisen Vorwürfe zurück

Der Presserat habe in dem an "Bild" weitergeleiteten Schreiben damals keine Bedrohung erkannt, sagte Geschäftsführer Roman Portack nun. Man habe dem "Bild"-Chefredakteur in der Folge mehrfach angeboten, über diese Frage zu sprechen, bisher darauf aber keine Reaktion erhalten. Grundsätzlich gehe er aber davon aus, dass "Bild" am Verfahren des Presserats weiterhin teilnimmt, so Portack: "Es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich Herr Reichelt da für seine Redaktion ausklinkt. Insofern glaube ich, dass das vielleicht im Eifer des Gefechts gefallen ist, die Äußerung, und es heute anders gesehen wird."
Den Vorwurf, "ideologisch" zu handeln, wies Portack zurück. Im Presserat würden sich mehrere Verbände engagieren. Getragen wird das Organ der freiwilligen Selbstkontrolle auch vom Zeitungsverlegerverband BDZV. BDZV-Präsident ist Mathias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende von Axel Springer, also dem Verlag, der "Bild" herausgibt.