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StartseiteKultur heuteWarum Netflix besser erzählt als das Kino27.12.2019

Jahresrückblick 2019Warum Netflix besser erzählt als das Kino

Streamingdienste haben sich in diesem Jahr endgültig etabliert, sagt Filmkritiker Rüdiger Suchsland. Wenn das Kino darunter leidet, ist es nicht ganz unschuldig daran. Ansonsten brachte 2019 endlich junge Regisseurinnen nach vorn. Und für die Berlinale ging die Kosslik-Ära zuende.

Rüdiger Suchsland im Gespräch mit Anna Kohn

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Es war ein Filmjahr ohne viele besondere Höhepunkte, aber: "Im deutschen Film tut sich Neues!", meint Filmkritiker Rüdiger Suchsland.

Aufgefallen seien vor allem junge Frauen, zum Beispiel Nora Fingscheid mit "Systemsprenger". Sein persönlicher Favorit sei aber der Sieger des Max Ophüls-Festivals, "Das melancholische Mädchen" von Susanne Heinrich - ein ebenso witziger wie intelligenter Film.

Marie Rathscheck sitzt auf einem altmodischen Sofa im Biedermeier-Stil und blickt den Betrachter an. Auf der Sofalehne befinden sich Mädchenpuppen im Barbie-Stil. Auf dem Tisch vor ihr steht ein einzelner Damenschuh, ein Glas mit Wasser und eine geöffnete Zigarettenschachtel. (Salzgeber & Co. Medien GmbH )Die Schauspielerin Marie Rathscheck (Salzgeber & Co. Medien GmbH )Im Kino: "Das melancholische Mädchen" Die Liebe in Hipster-Zeiten: Hochintelligent und witzig blickt Regisseurin Susanne Heinrich in ihrer Komödie "Das melancholische Mädchen" auf eine neurotische Gesellschaft und die Suche nach Liebe darin. Damit gewann sie den diesjährigen Max-Ophüls-Preis.


Sonnenuntergang mit Endzeitstimmung

International hervorgetreten sei auch wieder eine junge Frau, nämlich Mati Diope mit "Atlantique", einem Film, der in Dakar spielt. Aber hier geht es einmal nicht um die Lage flüchtender Menschen, sondern um die der Daheimgebliebenen. Eine historische Perspektive, aber mit deutlichen Parallelen zur Gegenwart, nimmt der ungarische Oscar-Preisträger Lászlo Nemes mit seinem Film "Sunset" ein, der die Geschichte einer Frau im Budapest von 1913, also kurz dem Ersten Weltkrieg, erzählt.

Weniger könnte mehr sein

2019 war das letzte Jahr mit Dieter Kosslik an der Spitze der Berlinale. Dieser hinterlasse ein stark von ihm persönlich geprägtes Festival, so Rüdiger Suchsland in "Kultur heute". In einem nicht ganz reibungslosen Übergang haben die neuen Leiter, Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek, schon einiges geändert: Für die nächste Berlinale wurden die Reihen "Kulinarisches Kino" und  "NATIVe" gestrichen. Überhaupt glaubt Rüdiger Suchsland, dass sich an der  Menge des Festival-Angebots noch mehr ändern könnte, denn Berlin habe mit rund 400 Filmen immer viel mehr gezeigt als Cannes und Venedig, was die Frage von Profil- und Qualitätsverlust aufgeworfen habe.

Sägt das Kino am eigenen Ast?

Ein großes Thema des Jahres 2019: die Rolle der Streamingdienste. Sie seien Teil der Branche geworden, so Suchsland, auch wenn es noch Unsicherheiten aus ökonomischer Sicht gebe. Im Gegensatz zu Amazon, das nur unter anderem Filme anbietet, gehe Netflix frontal gegen das Kino vor und lasse deshalb so gut wie keine öffentlichen Vorführungen zu. Eine Ausnahme sei Martin Scorseses "Irishman", der nur auf die große Leinwand passe.

Suchsland erinnert aber auch daran, dass das Geld von Netflix Scorseses Film erst möglich machte. Nur mit Hilfe des Streamingdienstes könnten Regisseure noch so erzählen, wie es im Kino nicht mehr geht. Dort würden Filme immer mehr nach bestimmten Strickmustern produziert. Da entstehe wenig Neues, schon gar nicht Grenzüberschreitendes.

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