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Jahresrückblick Großbritannien
Das Jahr der Katastrophen

Der Hochhausbrand, Schüsse in Westminster, der Terroranschlag auf ein Popkonzert in Manchester, ein rassistischer Attentäter, Neuwahlen und nicht zuletzt der fortschreitende Brexit: 2017 war ein aufreibendes Jahr für Großbritannien.

Von Friedbert Meurer | 29.12.2017

    Touristen stehen mit einem Regenschirm in den Farben der Flagge des Vereinigten Königreich vor dem Buckingham Palace in London.
    Touristen in London (dpa / Wolfram Kastl)
    "Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll", sangen Künstler für die 71 Toten der Hochhaus-Katastrophe. Wo soll man anfangen bei diesem bewegten Jahr 2017 in Großbritannien? Am besten Im reichen Londoner Stadtbezirk Kensington und Chelsea, in dem aber nicht alle reich sind.
    "When you are weary and feeling small". Erschöpft, klein und missachtet fühlten sich diejenigen, die das Inferno überlebt haben. War es Behördenschlamperei? Wurde Geld an den Außenplatten gespart? Die Opfer fordern Gerechtigkeit. "Justice for Grenfell!" Grenfell war nicht die einzige Tragödie auf der Insel im Jahr 2017, aber diejenige, die Großbritannien am meisten erschüttert hat, weil sich zeigte: auch beim Brandschutz gibt es reich und arm.
    Londoner hatten sich zuvor sicher gefühlt
    Schüsse in Westminster, noch eine Katastrophe. Der islamistische Attentäter Khalid Masood wird von der Polizei erschossen, nachdem er zuvor einen Wachbeamten erstochen und vier Menschen mit seinem Hyundai auf der Brücke absichtlich niedergemäht hatte. "Ich war auf der Brücke unterwegs. Da lagen zwei Leichen auf dem Boden und in der Themse trieb noch eine."
    Viele Londoner hatten sich zuvor sicher gefühlt, jetzt schaut man sich verstohlen nach der nächsten Fluchtmöglichkeit um. Noch schlimmer war der Terroranschlag von Manchester. Hier hatte der Angreifer es auf Teenager abgesehen. 22 Kinder starben, nur weil sie ein Konzert der Popsängerin Ariana Grande sehen wollten.
    Auch Muslime werden zu Opfern
    Fast alle Attentäter waren der britischen Polizei vorher bekannt, aber ihr fehlen die Mittel, alle Gefährder Tag und Nacht zu observieren. Aber auch Muslime werden zu Opfern. Vor einer Moschee in Finsbury rast ein weißer Rassist in die Menge von Gläubigen. Einer stirbt, andere werden verletzt. Ein Imam beschützt den Mörder vor der aufgebrachten Menge.
    Die Politik rückte mit all den Katastrophen für Wochen in den Hintergrund. Theresa May rief Neuwahlen aus und verlor ihre Mehrheit statt sie ausbauen. Ein Desaster für die Regierungschefin. "Theresa May ist auf dem letzten Gang vor ihrer Hinrichtung", so drastisch beurteilte ihr Parteifreund George Osborne ihre Lage.
    Grünes Licht für Brexit-Phase 2
    "Die letzten zwei Jahre britischer Politik waren so turbulent. Wir dachten, das hört jetzt auf", hatte Ed Balls von Labour wie viele gehofft. Welch ein Irrglaube! May hält sich im Amt, nachdem sie versprochen hatte, dass Großbritannien künftig keine großen finanziellen Beiträge mehr an die EU zahlen wird. Monate später im Dezember meldete die BBC, dass Theresa May bereit ist, bis zu 40 Milliarden Pfund als Schlussrechnung an die EU zu überweisen, also über 45 Milliarden Euro. Aber die EU gibt daraufhin grünes Licht für Phase 2 der Brexit-Verhandlungen. Es ist der größte politische Erfolg Theresa Mays im Jahr 2017.
    Es geht auf und ab in der britischen Politik. Der Kampf um den Brexit tobt weiter, denn das Land bleibt tief gespalten beim großen Thema Europa. Die Hymne des Jahres 2017 stammt vom Gedächtniskonzert in Manchester und lautet: "Don't Look Back in Anger", schaut nicht zurück im Zorn. Nicht wenigen in Großbritannien dürfte das eher schwer fallen .