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StartseiteInterview"Je besser wir Diktatur begreifen, umso besser können wir Demokratie gestalten"27.12.2012

"Je besser wir Diktatur begreifen, umso besser können wir Demokratie gestalten"

Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde rechtfertigt geplante Rekonstruktion geschredderter Akten

Mehrere Millionen Papierschnipsel aus geschredderten Stasiakten lagern noch in den Depots. Im Frühjahr nun soll ihre digitale Rekonstruktion beginnen. Der Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde, Roland Jahn, verspricht sich von dem Mammutprojekt neue Erkenntnisse über das Wirken der DDR-Geheimpolizei.

Roland Jahn im Gespräch mit Gerd Breker

"Beim Blick in die Unfreiheit die Sinne schärfen  für die Freiheit": Roland Jahn, hier bei einem Besuch im ehemaligen Stasi-Gefängnis in Chemnitz. (picture alliance / dpa / Jan Woitas)
"Beim Blick in die Unfreiheit die Sinne schärfen für die Freiheit": Roland Jahn, hier bei einem Besuch im ehemaligen Stasi-Gefängnis in Chemnitz. (picture alliance / dpa / Jan Woitas)

Gerd Breker: Nach dem Mauerfall hatte die Stasi massenhaft Unterlagen vernichten wollen. Offiziere zerrissen zum Schluss Akten mit der Hand, weil die Reißwölfe heiß liefen. In Stasibefehlen hieß es, dass belastendes Material zu vernichten sei und inoffizielle Mitarbeiter zu schützen seien. Bürgerrechtler aber retteten zahlreiche Dokumente: 15.000 Säcke mit Millionen Schnipseln lagern in Depots. Bislang wurden per Hand anderthalb Millionen Blätter wieder hergestellt. Laut Fraunhofer Institut bräuchten 30 Menschen für das manuelle Zusammenfügen aller Schnipsel 600 bis 800 Jahre. Mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall soll nun voraussichtlich im nächsten Jahr die groß angelegte Rekonstruktion zerrissener Stasiunterlagen per Computer beginnen. Am Telefon sind wir nun verbunden mit dem Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde, mit dem ehemaligen Jenaer Bürgerrechtler Roland Jahn. Guten Tag, Herr Jahn!

Roland Jahn: Schönen guten Tag!

Breker: Herr Jahn, wie groß sind die Chancen, dass bald die Testphase der elektronischen Zusammensetzung beginnen kann? Wie groß ist Ihre Zuversicht?

Jahn: Ja, wie es so ist, Hoffnung prägt den Gedanken, und in dem Sinne hoffen wir, dass wir im Frühjahr mit der Testphase beginnen können, hier die Schnipsel zusammenzusetzen.

Breker: 600 bis 800 Jahre, so das Fraunhofer Institut, wenn man das manuell erledigen wollte. Wer hat eigentlich die Geduld?

Jahn: Ich denke, es geht hier darum, dass ein Ziel da ist, dass wir eine technische Entwicklung haben, die nicht nur bezogen auf die Zusammensetzung von Schnipseln aus den Stasiakten zielt, sondern eine technische Entwicklung, die auch für Deutschland und auch weltweit eine Innovation ist.

Breker: Kann man sagen, dass sich dieses Zusammensetzen – selbst von Hand –, dass sich das lohnt, dass neue Erkenntnisse da zutage gefördert werden?

Jahn: Wir haben Erfahrungen, wir haben anderthalb Millionen Blatt schon zusammengesetzt, manuell, und dort haben wir natürlich Erkenntnisse, wo wir sehen: Es lohnt sich. Es lohnt sich für den einzelnen Bürger, der ja auch immer die Hoffnung hat, durch die Akteneinsicht etwas zu erfahren, wie da die Staatssicherheit in sein Leben eingegriffen hat, vielleicht auch Dokumente finden kann, wo er nachweisen kann, dass seine politische Verfolgung – im Beruf zum Beispiel –, ja, dokumentiert ist. Und das sind ganz konkrete Hilfen für die Menschen. Viele Menschen, die Akteneinsichtantrag gestellt haben, denen müssen wir oft sagen: Es liegt nichts vor. Dabei gibt es noch so viel Möglichkeiten, dass doch etwas vorliegt, und hier auch durch die Zusammensetzung von Schnipseln.

Breker: Ist anhand dieser Schnipsel, Herr Jahn, eigentlich erkennbar, dass die Stasi da irgendwie systematisch vorgegangen ist? Sind es spezielle Akten, die schnipselartig vernichtet werden sollten?

Jahn: Es gibt bis jetzt keine Erkenntnisse und keine ganz konkreten Maßnahmepläne über die Vernichtungsaktion. Was aber natürlich in der Logik der Menschen liegt: Dass die Stasi nicht das Unwichtigste versucht hat, zu vernichten. Und deswegen ist auch die Hoffnung groß, dass wir mit den zusammengesetzten Akten dann Erkenntnisse haben über das Wirken der Staatssicherheit, über das Wirken der Staatssicherheit ganz gezielt auch im Westen und auch in den letzten Monaten der friedlichen Revolution.

Breker: Werden denn auch neue inoffizielle Mitarbeiter, die anhin noch nicht bekannt waren, entdeckt?

Jahn: Da gibt es natürlich immer die Möglichkeit, dass auch darunter dann Akten sind, wo, ja, noch nicht bekannte inoffizielle Mitarbeiter enttarnt werden. Diese Möglichkeit ist immer da. Aber das ist nicht das Hauptziel der Zusammensetzung der Akten. Es gibt solche Fälle, es gab auch solche Fälle bei der manuellen Zusammensetzung, gerade im letzten Jahr gab es wieder einen Stasiagenten, der im Westen unterwegs war, der bis zuletzt noch als Professor in Jena an der Friedrich-Schiller-Universität lehrte. Dieser Mann ist durch diese Zusammensetzung der Schnipsel enttarnt worden.

Breker: Herr Jahn, mehr als 20 Jahre nach dem Mauerfall – Ihre Behörde, wird die eigentlich noch nachgefragt, also haben Sie viel zu tun?

Jahn: Also der Bedarf an Akteneinsicht ist ungebrochen. Wir haben jetzt schon mehr Akteneinsichtsanträge dieses Jahr als letztes Jahr, und bis Ende Dezember werden wir sehen, wie die Zahl dann ist. Aber das Entscheidende ist ja, dass es um mehr geht als nur um die einzelne Akteneinsicht: Es geht insgesamt um die Aufklärung und das Wirken der Staatssicherheit. Sowohl bei den betroffenen Menschen ist der Bedarf da, aber auch bei der nächsten Generation ist der Bedarf da, zu erfahren: Wie hat die Staatssicherheit gewirkt?

Breker: Sind es vornehmlich Bürger, die sich bei Ihnen melden und Akteneinsichten möchten, oder sind es doch eher die Historiker oder neugierige Journalisten?

Jahn: Ja, beides. Wir haben über 80.000 Anträge der Bürger auf persönliche Akteneinsicht, und wir haben natürlich auch einige Anträge von Journalisten und Wissenschaftlern, von Künstlern, all diejenigen, die mit dem Wissen aus den Akten dann etwas fertigen, was dann uns erzählt, wie hat die Staatssicherheit gewirkt, bis hin halt zum Spielfilm. Und natürlich dürfen wir nicht vergessen, dass die Akteneinsicht etwas ist, was Zeit braucht, was Aufwand ist, weil es hier um eine ganz besondere Art von Akten geht, es geht um die Akten einer Geheimpolizei. Das ist erstmalig in der Welt, und deswegen ist es auch wichtig, dass wir hier eins immer machen: Wir müssen einerseits Transparenz herstellen über, ja, das staatliche Handeln, über das Wirken der Geheimpolizei Staatssicherheit, aber auch Datenschutz – es geht da um hochsensible Akten, um abgehörte Telefongespräche, um Spitzelberichte, wo auch ein Datenschutz da sein muss, wenn es um die Betroffenen geht.

Breker: Herr Jahn, anders als Ihre Vorgänger haben Sie sich immer vehement gegen die Weiterbeschäftigung von ehemaligen Stasimitarbeitern in Ihrer Behörde gewandt, auf dass bei Besuchen es nicht zu Opfer-Täter-Begegnungen kommt. Waren Sie da erfolgreich? Kann man sagen, das ist beendet, das wird nicht mehr vorkommen?

Jahn: Wir sind weiter auf dem Weg, hier eine Lösung zu finden. Es werden Umsetzungen stattfinden, das ist gerade im Gange, und wichtig ist, dass das Anliegen bleibt, der Rechtsstaat braucht seine Zeit. Mir ist es wichtig, dass es rechtsstaatlich korrekt und menschlich respektvoll geschieht, weil am Ende zählt immer eins: Es ist im Interesse der Opfer, die zur Akteneinsicht kommen, dass keine ehemaligen Stasi-Offiziere in dieser Behörde arbeiten.

Breker: Doch noch kann es geschehen?

Jahn: Das kann noch geschehen, aber das Anliegen ist wichtig, dass das hochgehalten wird, dass das Anliegen auch weiter verfolgt wird, und es braucht seine Zeit.

Breker: Immer wieder, wenn auch vereinzelt, tauchen Forderungen auf, Herr Jahn, die DDR sei nun Vergangenheit und nun sei es doch einmal genug, Schwamm drüber. Wie sehen Sie eigentlich die Zukunft der Vergangenheitsbewältigung, was die Stasi anbelangt?

Jahn: Also das Wichtige ist ja, dass wir den Opfern gerecht werden auf der einen Seite, aber gleichzeitig auch für die nächste Generation etwas anbieten, wo sie sich informieren können über das Wirken der Geheimpolizei Staatssicherheit, über das Funktionieren der Diktatur. Je besser wir Diktatur begreifen, umso besser können wir Demokratie gestalten. Das ist der Leitsatz, mit dem ich arbeite, der mir auch immer wieder Antrieb gibt, gerade im Gespräch mit der nächsten Generation zu vermitteln, was es bedeutet hatte, in der DDR zu leben.

Breker: Der zu DDR-Zeiten in Jena von der Stasi verfolgte Roland Jahn, heute Chef der Aufarbeitungsbehörde – gibt das so was wie ein Gefühl der Genugtuung, Herr Jahn?

Jahn: Ach, wissen Sie, das Wort Genugtuung ist nicht meines, aber mich freut es schon, wenn ich sehe, wie man Menschen helfen kann, die durch ihre Akteneinsicht einen Gewinn haben, einen Erkenntnisprozess haben und auch oft eine konkrete Hilfe, mit einem Dokument den Nachweis bringen können, dass sie politisch verfolgt worden sind und das vielleicht sogar sich bei der Rente positiv auswirkt. Das ist eine wichtige Sache, und auch die Gespräche mit der nächsten Generation, die hier ihre Sinne schärfen können, bei dem Blick in die Unfreiheit die Sinne schärfen können für die Freiheit, die sie dann besser schätzen und schützen können.

Breker: Im Deutschlandfunk war das der Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde Roland Jahn, Herr Jahn, ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch!

Jahn: Ich danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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