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Jhumpa Lahiri
"In ständiger Flucht vor mir selbst"

Die große Freiheit des Schreibens sei für sie, dass sie die ganze Zeit über sich selbst nachdenken könne, sagt die amerikanische Schriftstellerin Jhumpa Lahiri. Auch in ihrem neuen Romans "Tiefland" geht es wieder um die Probleme indischer Einwanderer - mit ihrer und der Kultur Amerikas.

Von Johannes Kaiser | 15.07.2015

    Die indisch-amerikanische Schriftstellerin Jhumpa Lahiri am 2. März 2015 bei der Vorstellung ihres Buchs "The Lowland" in Athen.
    Die indisch-amerikanische Schriftstellerin Jhumpa Lahiri bei der Vorstellung ihres Buchs "The Lowland". (Imago / ZUMA Press)
    Die Erzählungen und Romane der 47-jährigen Schriftstellerin drehen sich vor allem um die Probleme von Einwanderern aus Indien, insbesondere Bengalen. Dass sie für ihren ersten Band mit Erzählungen "Melancholie der Ankunft", der 2000 erschien, ein halbes Dutzend Auszeichnungen und den Pulitzer-Preis gewann, hat sie, wie sie erzählt, so verwirrt, das sie sich überhaupt nicht freuen konnte. Inzwischen genießt sie es, dass ihr die Anerkennung viele Türen geöffnet hat, die ihr sonst verschlossen geblieben wären. Doch der Erwartungsdruck beunruhigt sie. Und die vielen Preise helfen ihr überhaupt nicht, wenn sie morgens ihren Laptop aufklappt und beginnt, eine neue Geschichte zu schreiben.
    "Schreiben bedeutet für mich lebendig sein. Wenn ich nicht schreibe, dann fühle ich mich nicht lebendig. Ich habe das Gefühl, ich kann gar nicht atmen, als wäre irgendetwas ganz schrecklich falsch. Aber ich habe lange gebraucht, Schriftstellerin sein zu wollen. Mich selbst Schriftstellerin zu nennen, schien mir dreist. Ich bin keine sehr mutige Person, eher das Gegenteil. Ich war 30 Jahre alt, als ich zum ersten Mal das Gefühl hatte, sagen zu können, ich bin eine Schriftstellerin oder ich würde gerne Schriftstellerin sein."
    Dem eigenen Gefühl der Heimatlosigkeit Ausdruck geben
    Die schmale, schlanke amerikanische Schriftstellerin Jhumpa Lahiri ist im Interview ein schüchterner, sehr zurückhaltenden Mensch. Sie überlegt lange, was sie antwortet, zögert, macht große Pausen. Es ist deutlich zu spüren, dass ihr die mediale Aufmerksamkeit eher unangenehm ist. Sie ist trotz des enormen Erfolges ihrer Kurzgeschichten und ihrer Romane, der überschwänglichen Kritiken, ihrer selbst unsicher, scheut den öffentlichen Auftritt, auch wenn sie ihn pflichtbewusst absolviert. Nur am Schreibtisch ist sie sich ihrer selbst sicher. Das Schreiben ist für sie eine Flucht vor einer verwirrenden Realität und der Versuch, ihren eigenen Gefühlen der Heimatlosigkeit Ausdruck zu geben. In ihren Figuren spiegelt sich das wieder, so auch in ihrem jüngsten Roman "Tiefland".
    "Ich habe immer das Gefühl gehabt, gespalten zu sein, ein tief verwirrter Mensch. Ich begriff nicht, wer ich war, wo mein Platz auf der Welt war, weil mir bestimmte Orientierungspunkte fehlten, kulturell, linguistisch und so weiter, und ich stets das Gefühl hatte, frei zwischen verschiedenen Bezugspunkten zu schweben. Als ich mit dem Schreiben von Kurzgeschichten begann, war der erste Impuls, auf dem Tisch die verschiedenen merkwürdigen Teile auszubreiten, aus denen ich bestand und die nicht gut zusammenpassten. Aber sie sind nun mal da. Ich wollte sie voneinander trennen. Meine Eltern stammen aus Indien aus Kalkutta. Das ist zweifelsohne ein Teil von mir. Ich bin vor allem in den USA aufgewachsen. Das gehört auch mit zu mir. Das Problem für mich als Kind bestand darin, dass die eine Seite immer versuchte, die Existenz der anderen Seite zu leugnen, weil diese beiden Seiten nichts miteinander zu tun hatten und sich gegenseitig ausgeschlossen. Ich hatte immer das Gefühl, irgendetwas war falsch. Als Kind sprach ich zwei Sprachen, lebte in zwei Kulturen und wechselte jeden Tag zwischen den beiden Welten hin und her. Auch wenn ich weiß, dass ich diese beiden Welten nicht miteinander versöhnen kann, so trieb mich zum Schreiben, diese Welten, diese beiden Seiten von mir zu akzeptieren, zu konfrontieren, zu erkunden, um gewissermaßen einen Dialog herzustellen, sodass die eine Welt mit der anderen spricht."
    Geschichte zweier Brüder
    Jhumpa Lahiri fällt denn auch in keiner ihrer Geschichten - und das gilt auch für ihrem neuen Roman -, ein Urteil über ihre Figuren, die sich oftmals nicht behaust in die Welt fühlen, nach sich selbst suchen, Mühe haben, sich zwischen den Kulturen einzurichten. Diesmal allerdings hat sie vor allem die Situation ihrer Eltern als Vorbild oder Blaupause benutzt. Die stammen aus Kalkutta und zogen in die USA, weil ihr Vater einen Job an einer kleinen Universität in der Provinz bekam.
    Auch Subhash, die Hauptfigur des neuen Romans "Tiefland", ein junger Bengale aus Kalkutta findet nach seinem Studium in einen kleinen Provinznest im US-Bundesstaat Rhode Island eine Anstellung als Dozent. Im Prinzip flieht er vor der Familie und den Verhältnissen zuhause, auch vor der Radikalisierung seines Bruders Udayan. Die beiden waren bis zum Besuch der Universität unzertrennlich, charakterlich aber sehr verschieden. Der ein Jahr jüngere Udayan ist ein Rebell, der sich auch gegen die elterliche Autorität auflehnt. Als beide Anfang der Siebzigerjahre die Hochschule in Kalkutta besuchen, beginnt Udayan sich politisch zu engagieren, wird immer radikaler, schließt sich schließlich der marxistischen Splittergruppe der Naxaliten an, taucht in den Untergrund ab, bereitet Bombenanschläge mit vor, führt fortan ein Doppelleben. Subhash versteht ihn nicht mehr. Die Brüder werden sich fremd. Als sich ihm dann die Gelegenheit eines US-Stipendiums bietet, greift er sofort zu, zieht in die USA.
    "Ich teile einige Charaktereigenschaften mit ihm. Er ist schüchtern, trifft aber auch einige mutige Entscheidungen in seinem Leben, rebelliert auf seine eigene Art und Weise, nicht so offensichtlich wie sein Bruder. Aber auch er rebelliert. Er versucht, sich in Abgrenzung zu seinem Bruder zu definieren. Sein jüngerer Bruder bringt ihn zur Verzweiflung. Er liebt ihn, möchte aber von ihm wegkommen. Nur weiß er nicht, was er aus sich selbst machen soll."
    Konsequenzen einer Exekution
    Während Subhash in den USA studiert, verliebt sich sein Bruder in die junge Studentin Gauri. Die beiden beschließen, hinter dem Rücken und gegen den Willen seiner Eltern zu heiraten. Gauri weiß nur wenig über Udayans terroristische Aktivitäten. Er will sie raushalten. Doch eines Tages taucht die Polizei auf, will ihn festnehmen. Er flieht, wird gestellt und einfach erschossen. Gauri ist verzweifelt, zumal sie bemerkt, dass sie ungewollt schwanger geworden ist. Ihre Schwiegereltern lehnen sie ab, wollen ihr das Kind wegnehmen, sie aus dem Haus vertreiben.
    "Ich war interessiert, welche Konsequenzen die Exekution nach sich zieht. Eine echte Exekution, die in der Nachbarschaft meines Vaters in den Siebzigerjahren stattgefunden hat, hat mich dazu angeregt. Das Buch wurde aus diesem Wissen heraus geboren und mich interessierte das Ergebnis eines solchen Ereignisses, was mit der Familie geschieht, die zurückbleibt. Die meiste Zeit bin ich dieser Frage gefolgt und wollte sie beantworten, denn es gibt dieses Ereignis und dann all die Ereignisse, die sich daraus ergeben.“
    Als Subhash vom Mord an seinem Bruder erfährt, kehrt er schockiert nach Indien zurück, empört sich allerdings rasch über die Lieblosigkeit seiner Eltern gegenüber Gauri. Er schlägt ihr vor, sie zu heiraten, um dem Kind einen Vater zu geben, und sie mit in die USA zu nehmen. Sie willigt ein, kommt mit nach Amerika, lebt fortan mit Subhash zusammen. Doch sie kann ihren ermordeten Mann nicht vergessen. Als sie ihr Kind bekommt, kümmert sich Subhash weitaus intensiver um die Tochter als die Mutter.
    Die empfindet weder für ihren zweiten Mann, auch wenn sie mit ihm schläft, noch für ihre Tochter Bela Liebe, widmet sich lieber einem wiederaufgenommenen Philosophiestudium, promoviert sogar. Sie entfremdet sich beiden immer mehr, bis sie eines Tages einfach wortlos verschwindet. Eine Rabenmutter? Jhumpa Lahiri verurteilt sie nicht:
    Alle Rollen infrage gestellt
    "Sie leidet, sie ist traumatisiert. Sie sieht, wie ihr Ehemann exekutiert wird. Sie trägt sein Kind aus, obwohl sie kein Kind bekommen wollte. So ist sie in doppeltem Sinne traumatisiert. Sie fühlt sich bedroht an dem Ort, an dem sie lebt. Sie hat Angst. Sie ist eine Intellektuelle, eine Philosophin, dem Verstand verpflichtet. Sie ist zu einer Zeit in einer Kultur und einer Gesellschaft aufgewachsen, in der von einer Frau vor allem erwartet wurde, dass sie sich um die Familie kümmert. Sie wird aber in einer Zeit erwachsen, in der diese Rollen infrage gestellt werden, insbesondere im Westen. Sie kommt in den frühen Siebzigerjahren in die USA, als dort alles infrage gestellt und angegriffen wird. Sie steht plötzlich ganz vielen neuen Möglichkeiten gegenüber. Ich habe stets ihre Beweggründe verstanden. Sie trifft einige sehr harte Entscheidungen im Verlaufe des Buches. Ich halte sie für die Figur, die am meisten leidet, weil sie in gewisser Weise die Intelligenteste ist. Auch wenn sie sehr egoistisch ist und sich sehr töricht verhält, so ist sie sich zugleich dessen sehr bewusst."
    Nachdem Gauri verschwunden ist, auch keinerlei Lebenszeichen mehr von sich gibt, muss Subhash fortan allein für Bela sorgen und tut dies auch mit großer Hingabe. Die Tochter allerdings verkraftet die unverhoffte Flucht der Mutter weit weniger gut. Sie steigt aus allem aus, verschwindet ebenso wie die Mutter.
    Jhumpa Lahiris Geschichte einer Ehe als Zweckgemeinschaft auf Zeit, einer ungewöhnlichen Vaterschaft, einer unwilligen Mutter und einer rebellischen Tochter umfasst eine ganze Lebensspanne, beginnt kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und endet im neuen Jahrtausend. Sie erzählt die Geschichten aller Protagonisten in jeweils einzelnen Kapiteln aus der Sicht der Betroffenen, schildert ausführlich deren Gemütsbewegungen, Ängste und Hoffnungen, ohne jemals larmoyant zu werden oder moralisch.
    Ein Buch ohne Helden
    "Ich wollte ein Buch schreiben, in dem keine der Figuren völlig unschuldig ist und in dem jede Figur in gewissem Sinne versagt und das trifft in diesem Buch tatsächlich auf alle zu. Es gibt keinen Helden."
    Jhumpa Lahiri nutzt auch diesmal die Gelegenheit, um zu zeigen, wie unterschiedlich die beiden Kulturen sind, die indische, besser gesagt die bengalische und die amerikanische. Das erlaubt es ihr zu schildern, wie ihre Protagonisten all diese kleinen und großen Veränderungen wahrnehmen, egal ob es nun der Umgang der Menschen miteinander oder die Natur ist, die sozialen und gesellschaftlichen Konventionen. Sie zeigt zudem, wie schwierig es ist, sich als Fremder einzuleben, als jemand, denn allein schon seine dunklere Hautfarbe von den anderen unterscheidet, was es bedeutet, sich einzufinden, sich neu zu erfinden, sodass eine Rückkehr unmöglich wird. Ihre Protagnisten fühlen sich überall fremd, sind nirgendwo richtig zuhause.
    "Viele meiner Figuren sind mit dem Verhalten der anderen konfrontiert, anders zu sein, sich selbst erklären zu müssen. Aber wenn man ständig gezwungen ist, sich selbst zu erklären, dann bedeutet das, dass man nicht akzeptiert ist. Wenn man jemanden einfach akzeptiert, dann fragt man ihn nicht, warum bist du hier, was machst du hier, erklär deine Tätigkeit. Ich erinnere mich an keinen Augenblick in meinem Leben, in dem ich nicht solche Fragen beantworten musste und zwar überall. Ich mache das hier in Deutschland; ich lebe derzeit in Rom, ich mache das da. Mein ganzes Leben lang bin ich daran gewöhnt, meine Präsenz auf der Erde erklären zu müssen und zwar fast überall, wohin ich komme."
    Ohne einen moralischen Zeigefinger
    Eben dieses Anderssein ist stets ein wichtiges Thema in Jhumpa Lahiris Romanen und Geschichten. Verblüffend ist dabei, mit welcher Selbstverständlichkeit die Schriftstellerin ihre Romanfiguren wie reale Personen behandelt, so als stände sie ihnen gegenüber und wären sie nicht ihre Geschöpfe.
    "Die große Freiheit des Schreibens und das, was mich am Schreiben anzieht, ist die Möglichkeit, den größten Teil meiner Zeit, meine Energie nicht über mich selbst nachzudenken, sondern über andere nachzudenken, keine wirklichen Menschen, sondern Menschen, die ich schaffe. Ich denke über sie und über ihre Probleme, über ihre Persönlichkeit nach. Das ist eine Art ständiger Flucht für mich, ständiger Flucht vor mir selbst in meinen Figuren und meine Figuren tendieren dazu, sich sehr stark von mir zu unterscheiden, jedenfalls bis heute."
    Jhumpa Lahiris Erzählstil ist traditionell und meidet sprachliche Experimente, präsentiert sich schlicht und einfach, trotz aller bisweilen dramatischer Gefühlsverwirrungen nüchtern und sachlich und ist doch in seiner epischen Breite faszinierend und mitreißend. Ihr gelingt es, die Dramatik dieser ungewöhnlichen Konstellation einer Zweckehe und einer Trennung verständlich zu machen, ohne einen moralischen Zeigefinger zu heben. Dass es kein großes Happy end geben kann, versteht sich angesichts dieser Verhältnisse fast von selbst.
    Jhumpa Lahiri: "Tiefland", Übersetzt von Gertraude Krüger, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2014, 522 Seiten, 22.95 Euro