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StartseiteBüchermarktDas blutige Königsdrama als Krimi 11.09.2018

Jo Nesbø: "Macbeth"Das blutige Königsdrama als Krimi

Der norwegische Krimiautor Jo Nesbø erzählt Shakespeares Macbeth neu. Das blutrünstige Stück um einen Königsmord wird bei ihm ein Gangster- und Polizeidrama in einer düsteren, von Korruption, Arbeitslosigkeit und Drogen geschüttelten Stadt, die irgendwo weit oben im Norden liegt.

Von Johannes Kaiser

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Buchcover: Jo Nesbø: "Macbeth. Blut wird mit Blut bezahlt" (Buchcover: Penguin Verlag, Foto: picture alliance / dpa - EPA / Alberto Estevez)
Der Krimiautor Jo Nesbø hat Shakespeares Macbeth neu erzählt (Buchcover: Penguin Verlag, Foto: picture alliance / dpa - EPA / Alberto Estevez)
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Bisweilen sagt allein schon die Länge eines Werkes etwas über den Inhalt aus. In der Schlegel-Tieckschen Übersetzung der Königstragödie "Macbeth" umfasst das Stück 55 engbedruckte Seiten. Die von dem norwegischen Schriftsteller Jo Nesbø erdachte Neuinterpretation weitet sich zum Romanepos von über 600 Seiten. Das bedeutet, dass der Autor aus Shakespeares Stück ein großes Sittengemälde mit prägnanten Charakteren geschaffen hat. Was der Engländer nur skizzierte, malt der Norweger mit breitem Pinsel und großem Ideenreichtum aus:

"Im Unterschied zu einem Stück, bei dem man ganz viel den Schauspielern und dem Regisseur des Stücks überlässt, gibt es in einem Buch keinerlei Schauspielerei. Man hat nur Worte. Ich musste also für den Roman die Figuren detailliert beschreiben. Es gibt eben nur die Seite und die Wörter. Man kann einfach nicht so viel offen lassen wie in einem Stück oder einem Filmdrehbuch."

Während ein Schauspieler dem Publikum alle Emotionen seiner Figur hautnah vorspielen kann, muss Jo Nesbø die Charaktere seiner Protagonisten und ihr Verhalten, ihre Mimik, ihre Körpersprache in Worte fassen. Nur so werden sie für uns Leser lebendig, real und glaubwürdig. Und eben das gelingt dem Schriftsteller vorzüglich. Das liegt natürlich auch an der Wahl des Handlungsortes und der Transformation der Figuren in Zeitgenossen.

Zur Erinnerung: in Shakespeares "Macbeth" schlägt Macbeth eine Rebellion gegen den schottischen König Duncan nieder und wird dafür belohnt. Doch aufgestachelt von seiner Frau giert er selbst nach dem Königsthron, ermordet den König, schiebt aber die Schuld auf andere. Aus Furcht davor, die Tat könne aufgedeckt werden, veranlasst er, alle Mitwisser, selbst engste Freunde, umzubringen. Einige aber können sich retten. Als seine Frau unter Schuldgefühlen zusammenbricht, wahnsinnig wird und Selbstmord begeht, steht er völlig allein da. Die Gegner formieren sich, stürzen und töten Macbeth.

Das Setting ist eine triste nordische Stadt

Jo Nesbø nun verlegt die Handlung aus dem schottischen Schloss Newcastle in eine triste nordische Industriestadt. Er hat dabei auch die Stadt Newcastle aus Roman Polanskis Film 'Get Carter' vor Augen gehabt:

"Ich wollte als Setting eine Kombination aus der Stadt Newcastle, wie sie in dem Film ‚Get Carter‘ gezeigt wird, aus New York während der dunklen siebziger Jahre und aus Bergen, der norwegischen Stadt an der Westküste. In dem Schauspiel und in Polanskis Film herrscht ständig schlechtes Wetter. Newcastle und Bergen haben diese Art von schlechtem Wetter. Es ist zudem ein Schauplatz mit sozialen Problemen, Verbrechen, Arbeitslosigkeit, Umweltverschmutzung. Das war notwendig, um eine Situation zu schaffen, in die die Stadt einer Rettung bedarf und nach jemanden sucht, der sie rettet. Am Anfang der Geschichte scheint es diesen Retter, diesen Messias in Form von König Duncan, dem Chef der Polizei, zu geben."

Korruption, Betrug, Prostitution und Drogenhandel, politische Ränkespiele hatten bislang die Stadt beherrscht. Als Chief Commissioner Kenneth, der all dies zu verantworten hatte, überraschend stirbt, wird Duncan, ein ehrlicher und gradliniger Polizist, sein Nachfolger. Der wiederum schätzt den Polizeiinspektor Macbeth. Der unbestechliche Leiter einer Spezialeinheit hat gerade eine brutale Rockerbande, die Norse Riders, zerschlagen und wird befördert. Seiner Freundin Lady allerdings reicht das nicht. Wie er hat sie sich aus ärmlichsten Verhältnissen hochgearbeitet, leitet jetzt ein gediegenes Casino und Bordell für die besseren Kreise der Stadt. Sie stachelt ihn an, Duncans Posten zu übernehmen und damit die Macht über die Stadt. Das geht aber nur, wenn man den Polizeichef beseitigt.

Eine Einladung zu einem Fest im Casino, zu dem auch Duncan erscheint, wird zur Todesfalle. Macbeth ersticht seinen Vorgesetzten und arrangiert alles so, als wenn dessen Leibwächter ihn ermordet hätten. Und damit beginnt eine ganze Mordserie, denn fortan misstraut Macbeth allen um ihn herum, selbst seinem engsten Freund Banquo, und lässt einen nach dem anderem umbringen. Jo Nesbø folgt hier bis in die Nebenrollen genau der Dramatik des Shakespeare Stücks.

Kommissar Macbeth ist eine ehrliche Haut - zunächst

In Jo Nesbøs Vision ist Macbeth anfangs eine ehrliche Haut, ein überzeugter Gesetzeshüter, der dem Verbrechen und der Korruption den Kampf angesagt hat. Dass er dann zum brutalen, blutigen und skrupellosen Mörder mutiert, sich von Lady dazu anstiften lässt, das erklärt der Schriftsteller mit dessen früherer und erneut aufkommender Drogensucht.

"Es gibt im Roman natürlich die Drogensucht, aber sie hängt eng zusammen mit der Sucht nach Macht. Das merkt man sofort. Ich wollte aber auch ein Motiv für Macbeths Halluzinationen. In einem Stück hat man Monolog und Dialoge. Es gehört zur Natur des Stücks, dass es traumähnliche Passagen gibt, in denen sich der Schauspieler an das Publikum wendet. Ich brauchte in meinem Roman ein Grund für diese Visionen. Der musste zur Zeit der siebziger Jahre passen, und das waren schwere Drogen."

Aus  Hexen werden Drogenköchinnen

Die Droge lässt den eigentlich vernünftigen Macbeth zum blutrünstigen, machtbesessenen Despoten werden, der alle um ihn herum des Verrats bezichtigt, verstößt, verjagt und beseitigt. Genau das hat sein mächtigster Gegenspieler Hecate, unsichtbarer Herrscher über die Stadt und die Drogenszene, so beabsichtigt. Über die sofort süchtig machende Droge, die ihm drei Schwestern zusammenmixen, hat er Macbeth in der Hand. Bei Shakespeare schickt Hecate, die griechische Göttin der Zauberei und der Magie, drei Hexen, um Macbeth sein Schicksal wahrzusagen. Hier sind es Drogenköchinnen, die ihm wahrsagen. Dass er sie nicht versteht, falsch auslegt, wird ihm später zum Verhängnis werden.

"Die drei Hexen sind für Shakespeares Schüler und Interpreten stets ein Problem gewesen. Er hat die drei Hexen als übernatürliches Element eingesetzt, weil seine Welt vom Übernatürlichen besessen war. Mir erschien das immer ganz fremd. Anstelle der Hexen als übernatürliches Element wollte ich etwas Reales. Ich machte sie zu Herstellerinnen einer Droge, einer Art Mischung aus Meth und Koks. Im Stück wird Hecate nur kurz erwähnt als die Göttin, die die Hexen führt. In meinem Roman ist Hecate der König, der verborgene Drogenlord.

Jo Nesbø folgt der Namensgebung Shakespeares

Das Erstaunlichste an Jo Nesbøs Version ist ihre Glaubwürdigkeit, ihr harter Realismus und die überzeugende Figurenführung. Er bedient sich überraschenderweise aller Originalnamen aus Shakespeares Stück, ohne das das aufgesetzt wirkt. Wer den Schriftsteller nur als Autor von Thrillern kennt, den wird außerdem seine Sprache überraschen, denn die unterscheidet sich durchaus von seinen bisherigen Arbeiten:

"Die Chemikalien benötigten nur eine überraschend kurze Zeit, um durch die Schleimhäute in sein Blut zu gelangen. Sein letzter Gedanke, bevor das drogenversetzte Blut sein Gehirn erreichte, war, dass es sich anfühlte, als erneuerte man die Bekanntschaft mit einer Geliebten. Mit einer viel zu schönen, viel zu gefährlichen Geliebten, die in all den Jahren überhaupt nicht gealtert war.
‚Was habe ich dir gesagt?‘ Hecate stieß die Spitze seines Stocks auf den Boden neben den Überwachungsmonitoren. ‚Sie sagten, es gäbe nicht Vorhersehbares als einen liebeskranken Ex-Junkie, der sich moralisch überlegen fühlt.‘

Die Sprache bleibt glaubwürdig

Jo Nesbø beschreibt seinen neuen Sprachduktus so: "Es war keine bewusste Entscheidung von mir, eine andere Sprache zu verwenden. Es gibt so viele dramatische Szenen und so viele dramatische Veränderungen in den Monologen und Dialogen, dass man beim Versuch, diese dramatischen Ereignisse plausibel zu machen, eine quasi überhöhte Sprache benutzen muss, so wie sie Shakespeare in seiner wunderschönen Prosa nutzt. Es ist eine Fantasiewelt, die ich geschaffen habe. Und ich habe für diese Geisterwelt auch eine Fantasiesprache geschaffen. Ich bin froh, dass es so gut funktioniert hat. Das war für mich neues Terrain."

Der Autor hat es tatsächlich geschafft, eine Sprache zu finden, die sowohl der Dramatik der Shakespeare Stückes entspricht als auch unserem Sprachempfinden. Sie ist glaubwürdig, so wie die ganze Interpretation und Verwandlung von "Macbeth" in ein Gangster- und Polizeidrama um Macht und Mord erschreckend aktuell wirkt. Kurzum: eine gelungene Version von Shakespeares wohl blutigstem Köngsdrama.

Jo Nesbø: "Macbeth"
Aus dem Englischen übersetzt von André Mumot
Penguin Verlag, München. 621 Seiten, 24 Euro.

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