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Johannes Fried: "Dies irae"Vom Untergang und Weltenende

Für Menschen früherer Jahrhunderte verband sich mit dem Gedanken an die Apokalypse ebenso wie heute Angst, aber auch Hoffnung. Sie glaubten, dass ihnen nach dem Ende der alten eine neue Welt verheißen war. Der Historiker Johannes Fried hat mit seinem Buch "Dies irae" ein Geschichte der Vorstellungen vom Weltuntergang seit Christi Geburt bis in die jüngste Gegenwart vorgelegt.

Von Winfried Dolderer | 18.04.2016

Auf der Website eines E-Mail-Providers wird am 20.12.2012 in Frankfurt am Main (Hessen) auf den "Weltuntergang im Live-Ticker" hingewiesen, der mit einem Klick zu erreichen ist.
Nur im christlich geprägten Kulturkreis gibt es die Vorstellung vom Weltuntergang. (dpa / picture alliance / Frank Rumpenhorst)
Es war ein irritierendes Naturphänomen, das im Frühsommer des Jahres 1022 den französischen König Robert den Frommen veranlasste, wissenschaftlichen Rat einzuholen. Im Südwesten Frankreichs war ein rötlich gefärbter Regen niedergegangen – Blut, wie man meinte. Und die Frage, die der König den Gelehrten vorlegte, lautete: War das vielleicht ein Zeichen des bevorstehenden Weltuntergangs?
Wir leben heute wieder in Zeiten, in denen sich bange Blicke auf die Signale der Natur richten. Einschlägige Politikberatung liefert der "Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen", dessen Vorsitzender Hans-Joachim Schellnhuber gelegentlich über die Evakuierung europäischer Großstädte nach der Schmelze des Grönland-Eises räsoniert. Dass bei der Wiederkunft Christi am Jüngsten Tag die Welt in einem Feuersturm vergeht, glauben die allermeisten von uns nicht mehr. Indes, so schreibt der Autor Johannes Fried:
"Dem Untergang sind wir nicht entronnen. Seine Erwartung ist nicht erledigt. Das Weltende bleibt präsent, jedenfalls im Westen. Es droht und wühlt im kulturellen Gedächtnis, scheint zum Handeln zu zwingen."
Erklärt die in 2000 Jahren Kirchengeschichte tief ins westliche Unterbewusstsein gesickerte religiöse Erwartung einer Apokalypse womöglich, warum säkulare Debatten über sauren Regen, schmelzende Gletscher, Klimakatastrophen so heftig ausfallen?
"Ich bin durchaus der Meinung, dass hier durch diese christliche Perspektive überhaupt eine generelle Perspektive aufgewiesen worden ist, was denn mit dieser Welt geschieht. Natürlich, wenn Klima sich verschlechtert, wenn es pausenlos regnet, wenn es trocken wird, wenn es kalt wird, wenn Vulkane ausbrechen und solche Dinge, das sind alles Signale, die in der Bibel schon stehen, die angekündigt sind.
Bemerkenswert ist ja, dass solche Fragen trotz weltweiter Kooperation der Wissenschaft doch vornehmlich erst einmal im Westen, das heißt, in der christlichen Welt, aufgeworfen worden sind."
Der Historiker Fried ist Experte für die Geschichte des Mittelalters, Emeritus der Universität Frankfurt. Vor eineinhalb Jahrzehnten bereits hat er eine Studie über den Zusammenhang zwischen Endzeiterwartung und Anfängen einer wissenschaftlichen Naturbetrachtung im Mittelalter vorgelegt. In seinem neuen Buch entwirft er eine ideengeschichtliche Gesamtschau, die in fünf Kapiteln die früh- und außerchristliche Apokalyptik der Antike, die Endzeittheologie des Mittelalters, Reformationsepoche und Aufklärung, schließlich apokalyptische Elemente in der Popkultur und kosmologische Theorien der Moderne umfasst.
Dass das Ziel der Geschichte der endgültige und unwiderrufliche Untergang der ganzen diesseitigen Welt sei, ist eine Vorstellung, die nach dem Befund des Autors außerhalb des christlich geprägten Kulturkreises nirgendwo anzutreffen ist. Der Westen verdanke ihr, so die Kernthese Frieds, vieles, was seine Besonderheit ausmacht. Die Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens – schließlich sind es Naturphänomene, die in der Bibel als Vorzeichen des Weltendes genannt werden. Zeitrechnung, Kalender, Geschichtsschreibung – den Menschen lag daran, auf der Zeitschiene zwischen Schöpfung und Untergang die eigene Position zu bestimmen. Von Endzeiterwartungen getrieben war nicht zuletzt Europas Expansion in die Welt, die Gründung überseeischer Kolonialreiche.
"Bei Augustinus, dem Kirchenvater, in seinen großen Schriften, wird erwartet und verlangt, dass die ganze Erde bis zur letzten Insel erkundet sein muss, bevor das Ende kommen wird, und das ist ein Auftrag, den man auf Christus selbst zurückführt."
Die damalige Zeitrechnung gründete sich auf zwei Hinweise im Alten Testament – dass Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen habe, um am siebten Tag zu ruhen, und dass vor Gott 1000 Jahre wie ein Tag seien. Daraus ergab sich eine Zeitspanne von sechs, maximal sieben Jahrtausenden zwischen Schöpfung und Untergang. Indes, wann war es soweit? Zeitgenossen Karls des Großen erwarteten das Weltende für das Jahr 800. Kaiser Karl ließ nachrechnen.
"Er ist in Sorge. Und er befragt seine Gelehrten: Was müssen wir denn bedenken? In welchem Jahr nach Christi Geburt leben wir? In welchem Jahr nach Christi Tod? In welchem Jahr nach der Erschaffung der Erde? Und sie schreiben, und sie rechnen, und sie kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Dazu kommt die hebräische Bibel, die eine andere Zählung aufweist als die byzantinische Bibel, und so kommen verschiedene Weltalterdaten zustande. Da möchte Karl der Große Sicherheit gewinnen: Wann leben wir denn gerade? Welche Konsequenz hat diese Zeitbestimmung? Er entscheidet sich dann für die jüdische Rechnung. Danach befindet man sich noch nicht kurz vor dem Jahr 6000, sondern erst im Jahr etwa 3500 nach Erschaffung der Erde. Da hat man also noch ein bisschen Zeit."
Die Reformation bescherte dem Untergangsdenken einen neuen Aufschwung. Nach Ansicht Martin Luthers stand das Weltende unmittelbar bevor. Als Papst Gregor XIII. 1582 einen neuen, bis heute gültigen Kalender einführte, war im protestantischen Lager die Empörung groß: Eine Kalenderreform sei überflüssig, weil demnächst ohnehin alles vorbei sein werde.
"Man möchte schier Ursach nehmen, den Autoren samt dem Papst zu verdenken, dass sie allesamt vom Jüngsten Tag gar nichts halten und also weder nach Christo noch nach der Welt Ende fragen."
Im letzen Kapitel dieses ebenso gelehrten wie lehrreichen Buches geht es um moderne kosmologische Theorien, von denen eine lautet, in fünf bis sieben Milliarden Jahren werde unsere Sonne in einer "Supernova" explodieren und das Sonnensystem verglühen.
"Alles wird brennen, und das Meer wird zu Feuer werden und die Sterne werden zerfließen durch Feuersflammen."
So heißt es in der apokryphen Petrus-Apokalypse aus dem zweiten Jahrhundert.
"Diese Supernova ist tatsächlich ein Feuerszenarium. Nur, es ist ein atomares Feuer und von daher mit ganz anderen Energien aufgeladen als ein normales Feuer, wie es sich die Zeitgenossen vorgestellt haben."
Johannes Fried: "Dies Irae. Eine Geschichte des Weltuntergangs"
C.H. Beck Verlag