Donnerstag, 18. August 2022

500. Todestag des Humanisten
Johannes Reuchlin - Vorkämpfer der religiösen Toleranz

Er trat ein für den Erhalt der von Verbrennung bedrohten hebräischen Schriften - und die Anerkennung der jüdischen Tradition als gleichwertiges Fundament der europäischen Kultur. Heute vor 500 Jahren starb der große Humanist Johannes Reuchlin.

Von Gunnar Lammert-Türk | 30.06.2022

Das Titelblatt des "Augenspiegel"- Johannes Reuchlins " Streitschrift gegen Johannes .Pfefferkorns Verurteilung des Talmuds und anderer jüdischer Schriften",  erschienen 1511 in Tübingen
Johannes Reuchlins "Augenspiegel " von 1511 - Aufruf zu religiöser Toleranz und Verteidigung hebräischer Bücher vor der Verbrennung. Gerichtet gegen Johannes .Pfefferkorn (picture alliance / akg-images)
„Die französischen Juristen waren führend in Europa. Und er hat sein Examen in Poitiers gemacht. Und dieses juristische Examen in Poitiers öffnete ihm die Möglichkeit, an den europäischen, das heißt in seinem Fall, an den deutschen Höfen eine Spitzenposition zu bekommen.“

So schildert der Philosophiehistoriker Wilhelm Schmidt-Biggemann die steile Karriere eines Gelehrten, der sein Leben lang um eines bemüht war: die Erforschung jüdischer Weisheit und den Schutz der Juden vor Verfolgung und Vertreibung. Johannes Reuchlin, 1455 in Pforzheim geboren, trat bereits mit 26 Jahren in den Dienst des Herzogs von Württemberg, als dessen politischer Berater und Diplomat.

Der erste christliche Kabbalist

Er war juristisch exzellent qualifiziert für diese hohen Ämter, war historisch gebildet und beherrschte Latein und Altgriechisch perfekt. So übersetzte er als deutscher Vertreter der Renaissancebewegung Schriften der römischen und griechischen Antike. Darüber hinaus - und das war eher ungewöhnlich - lernte er bei Juden Hebräisch, so Wilhelm Schmidt-Biggemann:

„Vor allen Dingen deshalb, weil die jüdische Kabbala um die Zeit sozusagen eine Modewissenschaft wurde. Das lag am Florentiner Hof, wo vor allen Dingen Pico della Mirandola eine Rolle gespielt hat. Und der hat zuerst in seiner Universalwissenschaft, die er konzipiert hat, ein langes Kabbala-Kapitel gehabt."

Wie Reuchlin die christliche Wahrheit kabbalistisch dekodieren wollte

Den italienischen Philosophen lernte Reuchlin während einer seiner diplomatischen Reisen in Florenz kennen. Della Mirandola studierte die mystischen Schriften der jüdischen Kabbala des Mittelalters, weil er meinte, in ihnen sei das Urwissen der Menschheit aufbewahrt: die Geheimnisse Gottes, der Welt und des Menschen. Auch das Geheimnis vom Kommen eines Erlösers, worin keimhaft die christliche Wahrheit aufscheine. Dieses Wissen sei Adam vor dem Sündenfall auf Hebräisch vermittelt worden. Und in dieser Sprache sei es im Talmud und in der Thora verborgen. Es könne aber mittels kabbalistischer Techniken wie dem Umtauschen von Buchstaben in einzelnen Worten und der Deutung ihres Zahlenwertes entschlüsselt werden. Dazu Wilhelm Schmidt-Biggemann.

„Das ist eine spekulativ-philosophisch-philologische Zielrichtung, mit der man die paradiesische Weisheit - das heißt also die Weisheit, die zugleich das Heil der Welt beschreiben kann - wiederherstellen soll.“

Johannes Reuchlin gegen Johannes Pfefferkorn

Genau das tat Reuchlin als erster christlicher Kabbalist mit seiner Schrift „Kunst der Kabbalistik“. Sie erschien 1517. Zu diesem Zeitpunkt war eine seit zehn Jahren andauernde Kampagne zur Vernichtung jüdischer Bücher auf ihrem Höhepunkt angelangt. Ausgelöst hatte sie ein zum Christentum übergetretener Jude namens Johannes Pfefferkorn, den Kölner Dominikaner unterstützten. Sein Ziel war die Zwangsbekehrung der Juden. Reuchlin wandte sich entschieden gegen dieses Vorgehen. In einem Gutachten schrieb er:
„Wohl aber können wir mit den Juden disputieren und uns mit ihnen unterreden, damit wir sie für unseren Glauben gewinnen. Wenn dann ihre Schriften verbrannt wären - worauf könnten wir uns gegen sie stützen?“

Mehr über Johannes Reuchlin

Auf Reuchlins Gutachten folgte ein jahrelanger Streitschriftenkrieg und Rechtsstreit, an dem sich der Kaiser, der Papst und europäische Universitäten beteiligten; mal zugunsten Reuchlins, mal gegen ihn gerichtet. Am Ende behielt seine Position die Oberhand. Zur Vernichtung der jüdischen Schriften kam es nicht. So sehr er als Humanist auch die römische und griechische Antike schätzte, die jüdische Weisheit bedeutete ihm mehr. Sie war für ihn so etwas wie die Quelle aller Erkenntnis. Deshalb behauptete er in seinem Werk „Kunst der Kabbalistik“:
„Daß in der Philosophie nichts unser Eigentum sei, was nicht zuvor schon die Juden besessen hätten.“

 An Reuchlins Einsatz für das jüdische Erbe nahm die humanistische Elite Europas regen Anteil. Müde von den ausgestandenen Kämpfen um die Bücher der Juden, unterrichtete Reuchlin die letzten zwei Jahre - geachtet und beliebt - an den Universitäten Ingolstadt und Tübingen Griechisch und Hebräisch. Am 30. Juni 1522 starb er in Stuttgart: der große Sprachwissenschaftler und Philosoph, Politiker, Jurist und Diplomat - der Begründer der Wissenschaft vom Judentum in Europa.