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StartseiteBüchermarktDer amerikanische Schriftsteller auf naturkundlicher Exkursion20.06.2018

John Steinbeck: "Logbuch des Lebens"Der amerikanische Schriftsteller auf naturkundlicher Exkursion

Zusammen mit dem Meeresbiologen Ed Ricketts hat John Steinbeck im Frühjahr 1940 die küstennahe Fauna und Flora Nordmexikos erkundet. Das Reisetagebuch zeugt vom kritischen ökologischen Blick der beiden kalifornischen Freunde. Der Mare Verlag hat das Logbuch neu übersetzen lassen.

Von Paul Stoop

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Buchcover: John Steinbeck: "Logbuch des Lebens" (Buchcover: mare Verlag, Foto: imago / United Archives International)
Buchcover: John Steinbeck: "Logbuch des Lebens" (Buchcover: mare Verlag, Foto: imago / United Archives International)
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Die Reise, die John Steinbeck und Ed Ricketts in einem gemieteten Fischerboot im Frühjahr 1940 unternahmen, war eine Mischung aus wissenschaftlicher Expedition und abenteuerlichem Ausflug zweier Kumpels. Mit ihnen an Bord waren der Skipper Tony und seine Crew: Tex, Skip und Sparky - eine forschende Männer-WG auf Zeit.

Dass sie mit ihrem Anliegen etwas fremd auf die Mexikaner wirkten, wurde dem amerikanischen Sextett schon bald klar. Misstrauischen Fragen und schrägen Blicken wussten sie dann aber entspannt zu begegnen:

"Wir behaupteten, Kuriositäten zu sammeln. Die hübschen kleinen Tiere und Muscheln gebe es hier so zahlreich, dass sie wertlos seien, aber in den Staaten seien sie selten und hätten deshalb einen gewissen Wert. Sie würden uns nicht zu Millionären machen,  doch es lohne sich, sie aufzusammeln. Außerdem gefalle uns das Sammeln. Nachdem wir uns diese Geschichte ausgedacht hatten, gab es nie wieder Probleme. "

In der Art eines Logbuches werden die Tagesereignisse beschrieben. Vom ersten Moment an begeistert die Vielfalt der maritimen Fauna und Flora die Reisenden. Der Rankenfußkrebs, die Glasgarnele, der Rote Hochsee-Scheinhummer und der vielarmige Seestern werden aufgespürt, beobachtet und präpariert. Die sechs Männer, die sich weitgehend von Fisch und Meeresfrüchten ernähren, müssen dabei ihre eigene Rolle noch finden. Eine echte Karettschildkröte wird erst kaltherzig harpuniert, untersucht und ausgenommen, schließlich aber mit schlechtem Gewissen und freudlos verspeist. Schildkröten sind von dem Moment an Tabu. Einen mächtigen Feind erkennen die Sammler dagegen im Vielborster aus der Familie der Ringelwürmer. Vor dessen scharfen und entzündlich wirkenden Borsten müssen sie immer auf der Hut sein.

Seitenhiebe auf eine lebensferne Wissenschaft

Ein reines Forschungstraktat würde den Leser wohl langweilen, aber Steinbeck erweist sich als genauer Beobachter und als scharfzüngiger Journalist. Er streut immer wieder allgemeine Betrachtungen ein, darunter Seitenhiebe auf eine Wissenschaft, die blind ist für den Gesamtzusammenhang der Natur. Biologen, die "Tenöre der wissenschaftlichen Welt", stichelt er, seien ja eigentlich richtig gute Typen,

"... temperamentvoll, launisch, liebestoll, kerngesund, mit schallendem Lachen. Manchmal begegnet man auch dem Gegenteil - an der Universität "Eierlose" genannt -, aber das sind keine echten Biologen, sondern die Balsamierer ihrer Zunft, Einpökeler, die Lebewesen nur in konserviertem Zustand zu Gesicht bekommen und ihr Verhalten nicht erleben. Ihre verkrusteten Geister erschaffen eine formaldehydzerfurchte Welt. "

Solche Boshaftigkeiten sind ebenso amüsant wie die lebensprallen Charakterisierungen der Crew-Mitglieder, die auf der Reise alle eine persönliche Neben-Agenda haben, wie Fischen, Feiern oder Frauen. Substanzieller sind eingestreute Kurzessays über historische, kulturelle und wirtschaftliche Themen. Der Kontext der Kolonialisierung ist Steinbeck bei jeder Begegnung bewusst. Als drei ärmlich wirkende indigene Mexikaner den Männern einen Besuch abstatten, passiert nichts. Die Indianer sitzen einfach stundenlang auf dem Deck. Ein Dialog findet mit Blicken statt, nicht feindselig, sondern fremdelnd und fragend.

"Sie scheinen ein Volk von Träumern zu sein. Will man ihrem Blick endlich ausweichen, dem Blick dieser zeitlosen, träumenden Augen, dann muss man nur sagen: "Adiós, Señor", und sie scheinen schlagartig zu erwachen. "Adiós", sagen sie leise. "Que vaya con Dios." Und sie paddeln davon. Sie bringen eine Stille mit, und wenn sie verschwunden sind, klingt die eigene Stimme laut und roh. "

Schon 1940 zerstörte industrieller Fischfang die Natur

Roh im allergrößten Maßstab erscheint Steinbeck die Ausbeutung der Natur, deren Schönheit er bei der peniblen Sammelarbeit besingt. Die Expedition trifft auf eine japanische Fangflotte, die bei der Garnelen-Jagd den gesamten Meeresboden abrasiert und den Beifang vernichtet:

"Die Schiffe zogen langsam und  gestaffelt dahin, ihre Schleppnetze überlappten sich und kratzten den Meeresgrund regelrecht ab. Tiere, die entwischen wollten, mussten blitzschnell entkommen, aber nicht einmal Haie kamen davon. Warum die mexikanische Regierung die vollständige Vernichtung  einer wichtigen Nahrungsquelle zugelassen hat, ist eines der Rätsel, deren Ursprünge wahrscheinlich in Taschen zu finden sind, die man sich besser nicht so genau anschaut. "  

Ein Plädoyer für ganzheitliche Wissenschaft

Die Folgen dieser 1940 beobachteten Naturausbeutung kennen wir heute: Garnelen werden auch in Mexiko überwiegend in Becken gezüchtet –  ökologisch verheerend und gesundheitlich fragwürdig.

Steinbecks Sichtweise auf die Natur ist stark geprägt vom Denken seines langjährigen Freundes Ed Ricketts, dessen Philosophie wir heute ganzheitlich oder nachhaltig nennen würden. Ricketts plädiert für ein "nicht teleologisches" Denken, das jede Erkenntnis als vorläufig betrachtet und immer offen ist für neue Perspektiven. Der Hang zu monokausalen Erklärungen war ihm ein Gräuel. Ein langes Kapitel im Logbuch dürfte aus Ricketts Feder stammen, der diese Denkweise erläutert:

"Das nicht teleologische Denken beschäftigt sich nicht in erster Linie damit, wie etwas sein sollte oder könnte,  sondern damit,  wie es "ist" – es versucht in erster Linie, die schon ausreichend schwierigen Fragen nach dem Was und dem Wie zu beantworten, nicht die nach dem Warum. "

Großzügig und manchmal skurril: Ed Ricketts

Steinbeck hat dem eigensinnigen Ricketts in seinen Romanen Straße der Ölsardinen und Wonniger Donnerstag mit der Figur des Doc ein Denkmal gesetzt. Ricketts umfangreicher Forschungsanhang zum gemeinsamen Logbuch ist in den späteren Ausgaben – auch in dieser – nicht mehr aufgenommen, so dass Steinbeck als alleiniger Autor auftritt. Dafür ist in diesem Band ein großartiges, gut 60 Seiten zählendes Ricketts-Porträt von Steinbeck aufgenommen. Der Freund erscheint hier als unorthodoxer und im Dialog großzügiger Naturforscher, und als charismatischer, zuweilen skurriler Mann, der unter der Dusche einen Südwester trug, weil er es hasste, einen nassen Kopf zu haben. Ricketts, belegt Steinbeck mit vielen Anekdoten, liebte die Menschen im Allgemeinen, die Frauen aber im Besonderen.

Die gemeinsame Expedition nach Niederkalifornien war ein großer Erfolg. Die Crew konnte Dutzende bisher nicht bekannter Kleinlebewesen dokumentieren. Eine Fortsetzung war geplant, kam aber nicht mehr zustande. Ricketts starb 1948. Von der Sonne geblendet, fuhr er in seinem alten Auto an einem Bahnübergang in einen Zug hinein. Er ist durch Steinbecks  lesenswerten Expeditionsbericht auch im 21. Jahrhundert eindrucksvoll präsent, mit seiner nach wie vor richtungweisenden Perspektive auf Natur und Umwelt.

John Steinbeck: "Logbuch des Lebens"
Aus dem Amerikanischen neu übersetzt und mit einem Vorwort versehen von Henning Ahrens
Mare Verlag Hamburg, 363 Seiten, 32 Euro.

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