Montag, 20. Mai 2024

Meinung
Joko, Klaas und das 24-Stunden-Lagerfeuer

Joko und Klaas durften 24 Stunden das Programm von ProSieben gestalten. Und haben unserer Kolumnistin mal wieder den Zauber von gutem Live-TV vor Augen geführt: Unvorhersehbarkeit und eine Alles-ist-möglich-Spannung.

Von Samira El Ouassil | 24.04.2024
    Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf in der ZDF-Unterhaltungsshow "Wetten, dass..?" in Nürnberg am 06.11.2021.
    Haben das Live-TV-Lagerfeuer 24 Stunden auf ProSieben brennen lassen - Joko und Klaas. (imago images / Future Image / Frederic Kern)
    Wenn Joko und Klaas ProSieben kapern dürfen, dann ist das inhaltlich immer entweder sehr unterhaltsam oder sehr relevant, oft sogar beides zusammen.
    Es gibt aber noch einen anderen Mehrwert, wenn die beiden die gewohnten Programmabläufe ihres Haussenders durcheinander bringen: das Medium lässt sich grundsätzlich hinterfragen. 24 Stunden Programmgestaltungsfreiheit hatten die beiden in der letzten Ausgabe "Joko und Klaas gegen ProSieben" gewonnen und lösten diesen Gutschein nun in der Nacht von Samstag auf Sonntag ein.

    Die Magie von linearem Live-Fernsehen

    Wir als Publikum hatten dank der Programmübernahme die Möglichkeit, einen ganzen Tag lang beim linearen Live-Fernsehen über das lineare Live-Fernsehen nachdenken zu können.
    Wenn wir TV-nostalgisch werden, sehnen wir uns oft nach dem kollektiven Moment des gemeinsamen Schauens zurück - das immer wieder zitierte Lagerfeuer. Vielleicht war das der Grund, warum wir doch noch die letzte Folge "Wetten dass..?" geschaut haben, warum "Schlag den Star", "Dschungelcamp" und der Eurovision Song Contest nach wie vor so gut funktionieren?

    Seherfahrung hat sich medial verlagert

    Unsere heutige Seherfahrung hat sich in Teilen medial verlagert: Viele von uns sehen jetzt mit Social Media kollektiv und kritisch fern. Während wir uns gegenseitig dabei zuschauen, wie wir schauen, versichern wir uns, wie gut oder schlecht das Programm ist. Nicht, um uns unterhalten zu lassen, sondern um uns durch die gemeinsame Unterhaltung darüber unterhalten zu lassen.
    Bewerten trägt zum Gemeinschaftsgefühl bei, weshalb Fernsehen, das mit Social-Media-Nutzung ergänzt wird,  eine neue Form von Lagerfeuer ermöglicht: nicht das behagliche, um das sich alle versammeln, sondern das gemeinsame Etwas-brennen-Sehen.

    Programmübernahme als "kindlich-neugieriges Zündeln"

    Da passte es, dass Joko und Klaas nun ihre Programmübernahme mit einem Feuerwerk starteten, mit welchem sie das Innere eines Senderkellers abfackelten. Dennoch war ihr Lagerfeuer nicht destruktiv, aber auch nicht behaglich. Es war eher ein kindlich-neugieriges Zündeln.
    Der Live-Charakter dieser 24 Stunden, die Unvorhersehbarkeit, aber auch die schiere Länge, erzeugten einen wohligen Sog der Verheißung, dem man sich gerne auslieferte, staunend und spekulierend, was da noch kommen möge.

    Quatschige Regression und organisierte Anarchie

    Joko und Klaas dekonstruierten das typische Frühstücksfernsehen, spielten UNO mit Sido, ließen eine Folge "Mein bester Freund" rückwärtslaufen, zeigten Antilopen in Namibia, die Simpsons, Steven Gätjen, als er in den Neunzigern "taff" moderierte und verquizzten 100.000 Euro.

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    Irgendwo zwischen "Durch die Nacht mit" auf Arte, obskurem Offenen Kanal und Schlingensiefs Fernsehdadaismus entstand da ein eintägiges Fernsehfeuerwerk aus quatschiger Regression und organisierter Anarchie.

    Fernseherfahrung ähnelt TikTok-Rezepetion

    Das demonstrierte, dass Erwartungsaufbau mal Unvorhersehbarkeit die diebischste Art der Spannung erzeugt: die Alles-ist-möglich-Spannung.
    Und plötzlich merkt man, was sich daran neu anfühlt: die Fernseherfahrung erinnert an die TikTok-Rezeptionssituation. Die Mischung aus Dadaismus, den Retroclips, den Livestreams, der Unterhaltsamkeit, gepaart mit der Hoffnung, dass nach jedem Format das nächste noch lustigere Format kommen könnte.
    Mit Erfolg: In der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen erreichte ProSieben einen Marktanteil von 17,4 Prozent.
    Samira El Ouassil, 1984 geboren, ist Kommunikationswissenschaftlerin, Autorin und Podcasterin. Sie schreibt Kolumnen für Spiegel und Übermedien. Zu ihren Themen gehören Feminismus, Medien und Rassismus.