Juden in der DDR
Warum es 1953 zur Massenflucht aus der DDR kam

Im Winter 1952/1953 flohen etliche hochrangige jüdische Funktionäre aus der DDR. In Ostdeutschland totgeschwiegen, geriet der Exodus auch im Westen bald in Vergessenheit. Zum 70. Jahrestag erinnern neue Forschungen an die Ereignisse.

16.03.2023
    Rabbi oder Mitglied der jüdischen Gemeinde bei einer Ansprache im Gebetssaal der Erfurter Synagoge, im Hintergrund der Thoraschrein, Schwarz-Weiß-Foto, Juni 1988
    Juden waren in der neu gegründeten DDR zunächst willkommen, doch infolge einer antisemitischen Kampagne ausgehend von Stalins Sowjetunion kam es auch bald in der DDR zu Verhaftungen. (imago / epd)
    Fünf von acht jüdischen Gemeindevorsitzenden flüchteten im Winter 1952/53 aus der DDR, zusammen mit mehreren Hundert anderen Juden. Darunter befanden sich auch hochrangige SED-Funktionäre. Genaue Zahlen haben Historiker bis heute nicht ermittelt: Es geht um ein Viertel oder gar ein Drittel aller Juden in der DDR, so wird geschätzt.

    Wie war die Situation der Juden in der DDR nach dem 2. Weltkrieg?

    Jüdische Kommunisten waren in dem neu entstehenden, sozialistischen Staat zunächst willkommen. Zwar gingen die meisten Juden, die den Holocaust überlebt hatten und in Deutschland blieben oder dorthin zurückkehrten, nach Westdeutschland. Doch einige Hundert, vor allem nicht-religiöse Juden zog es in den Osten, weil sie als Opfer des Faschismus dort das bessere Deutschland wähnten.
    Obwohl Privateigentum im Sozialismus überwunden werden sollte, wurde für Juden über Ausnahmen nachgedacht, weil sie ihr Eigentum als Opfer der Nationalsozialisten verloren hatten. Die Gruppe um Walter Ulbricht, die in den späten 40er-Jahren die Grundzüge der Politik der SED diktierte, war offen für solche Vorschläge. Sie hoffte, dass die Kommunisten in einem vereinten Deutschland künftig eine führende Rolle spielen würden.
    Historisches Schwarz-Weiß-Foto von Wilhelm Pieck, der vor den Ruinen Frankfurt am Mains eine Rede hält.
    Wilhelm Pieck, einer der beiden Parteiführer der SED, am 9. März 1947 bei einer Großkundgebung der KPD. Mit der Flucht seines Staatssekretärs Leo Zuckermann begann der Exodus von Juden aus der DDR. (picture-alliance / dpa / dpa)
    Aus dem Grund sollte auch die Forderung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), NS-Unrecht wenigstens teilweise zu korrigieren, schnell praktisch umgesetzt werden. Das sah ein Gesetzentwurf vor, der auch die Rückerstattung geraubten Eigentums klären sollte. Der Entwurf wurde in den Landtagen der fünf ostdeutschen Länder diskutiert, die sich schon 1946 konstituiert hatten.

    Welche Aufarbeitung fand in den Gründungsjahren der DDR statt?

    Das Unrecht der Arisierung sollte zurückgenommen werden. Das sah ein entsprechender Gesetzentwurf vor, den der Jurist Leo Zuckermann zusammen mit anderen SED-Juristen 1948 ausgearbeitet hatte. Wie der Historiker Philipp Graf erläutert, sollte dieser zum einen die Versorgung von Opfern des Faschismus regeln, das heißt: Rentenansprüche, Fürsorge auch für die Folgeerscheinungen und Krankheiten, die man sich in der KZ-Haft geholt hatte. Der zweite Teil sah die Rückerstattung geraubten Eigentums und Vermögens vor. Diese Regelungen zur Sozialfürsorge traten wenige Tag vor Gründung der DDR im Oktober 1949 in Kraft. Der zweite Teil wurde allerdings kassiert.
    Grund für die Kehrtwende waren die Bemühungen der Staatspartei der DDR, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), die Ostdeutschen als ihr Staatsvolk zu gewinnen. Geschichten aus der Vergangenheit oder Entschädigungsforderungen für Juden angesichts des Hungers, den jetzt auch Deutsche litten, waren da hinderlich. Entsprechend wurde die Entnazifizierung schon 1949 für abgeschlossen erklärt.
    Trotzdem fanden Wiedergutmachungsbemühungen statt, heißt es in einem von der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichten Artikel. Er verweist unter anderem auf "bevorzugte und meist unbürokratische Zuweisung von solidem und bezahlbarem Wohnraum, extra Lebensmittelkarten und Lebensmittel, spezielle ärztliche Versorgungen und Kuren" für die jüdischen Überlebenden des Holocaust.

    Warum blieben viele Juden aus Überzeugung in der DDR?

    Der neue sozialistische deutsche Staat besaß für viele Juden nach dem Krieg eine höhere Anziehungskraft als die Bundesrepublik Deutschland. Sie wollten am Aufbau eines besseren, antifaschistischen Deutschlands mitwirken. So schildert es auch Wolfgang Herzberg, dessen jüdische Eltern sich bewusst für ein Leben in der DDR entschieden, in einem von der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichten Artikel. Darin hebt er die besondere Bedeutung der Juden "als Vorbilder, als neue moralische Instanzen für eine antifaschistische und soziale Neuorientierung der Ostdeutschen" hervor.
    Laut dem Politologen Jan Gerber versprach die sowjetische Besatzungszone den vehementesten Bruch mit der Vergangenheit, auch weil die Sowjetunion mit der Befreiung von Auschwitz gleichgesetzt wurde.
    Bis 1948 wurde außerdem Israel von den entstehenden Ostblockstaaten unterstützt, die Sowjetunion hatte sich stark für die Gründung eingesetzt, die Tschechoslowakei Waffen geliefert. Auch die Kibbuze sind eine sozialistische Idee.
    1948/49 kam es aber zu einem Richtungswechsel, ausgehend von der Sowjetunion. Sie verkündete den Kampf gegen den imperialistischen Zionismus. Der Holocaust galt künftig nur als ein NS-Verbrechen unter vielen. Im Vordergrund stand das Leiden der kommunistischen Widerstandskämpfer. Die Begeisterung für den sozialistischen Staat wich bei manchen Juden in der DDR der Ernüchterung.

    Wieso kam es 1953 zur Massenflucht aus der DDR?

    Ab Anfang der 1950er-Jahre fanden in der Sowjetunion und anderen sozialistischen Ländern antisemitische Kampagnen statt. Im Zuge der sogenannten Ärzteverschwörung, einem angeblichen Komplott jüdischer Mediziner gegen Stalin, beschimpfte der sowjetische Diktator Juden pauschal als „zionistische Verschwörer“ und „wurzellose Kosmopoliten“. Es folgten antisemitische Schauprozesse in Bulgarien und Ungarn.
    Die Kampagne erreichte 1952 mit dem Schauprozess gegen Rudolf Slánský in Prag ihren Höhepunkt. Der altgediente Generealsekretär der KPC war angeklagt, im Auftrag amerikanischer Imperialisten einen Agentenring gebildet zu haben – zusammen mit 13 anderen angeblichen Mitverschwörern, von denen zehn Juden waren, so wie er.
    Historisches Schwarz-Weiß-Foto mehrerer Männer, die Pakete aus einem Flugzeug räumen und per Menschenkette weiterreichen.
    Vorstände der jüdischen Gemeinde Berlins empfangen Pakete mit Pessach-Spenden des Joint Distribution Committee. (Bettmann Archive / Bettmann)
    In der DDR verlangten SED-Funktionäre nun von jüdischen Gemeinden, Empfängerlisten mit den Namen derer herauszugeben, die Zuwendungen durch die Hilfsorganisation Joint erhielten. Sie gerieten unter Verdacht, feindliche Agenten zu sein, denn Joint, finanziert durch Spenden aus den USA, galt als imperialistische Tarnorganisation. Dieses Vorgehen erinnerte an die Nationalsozialisten, die nur wenige Jahre zuvor jüdische Gemeinden gezwungen hatten, Listen ihrer Mitglieder aufzustellen. Bei den Juden in der DDR löste das Angst davor aus, "dass es wieder losgeht", wie Politologe Jan Gerber vom Simon-Dubnow-Institut Leipzig erläutert.
    Die antisemitische Propagandawelle der DDR erlebte ihren Höhepunkt mit der Anklage gegen den nicht-jüdischen Kommunisten Paul Merker, bis 1950 Mitglied im Politbüro und Zentralkomitee der SED, im November 1952. Der Vorwurf lautete, er und andere hochrangige Funktionäre seien „zionistische Agenten“, die an der „Verschiebung von deutschem Volksvermögen“ zugunsten amerikanischer und „jüdischer Monopolkapitalisten“ gearbeitet hätten. Hintergrund war, dass Merker sich als einziges ZK-Mitglied für die Wiedergutmachung „arisierten“ Eigentums eingesetzt hatte.
    Leo Zuckermann, Jurist und Staatssekretär von Wilhelm Pieck, dem damaligen Staatsoberhaupt, fürchtete nach der Verhaftung Merkers, dass es nun auch in der DDR zu Schauprozessen kommen könnte. Zwei Tage nach Merkers Verhaftung ergriff er, gemeinsam mit seiner Familie, die Flucht. Viele Juden folgten seinem Beispiel.
    Betroffen von Verfolgungen waren auch jüdische Spitzenfunktionäre wie Julius Meyer, Vorsitzender des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der DDR. Meyer, seit 1930 in der KPD und Auschwitz-Überlebender, floh im Januar 1953 in den Westen.
    Vermutlich bis zu einem Drittel aller Juden in der DDR, vor allem deren Führungsschicht, verließ das Land. Genaue Zahlen haben Historiker bis heute nicht ermittelt.
    Quellen: Andreas Beckmann, Michael Hollenbach, Thomas Klatt, BPB, tha