Montag, 27.01.2020
 
StartseiteEuropa heuteEin Land, das es so nicht gegeben hat16.09.2016

Jugo-NostalgieEin Land, das es so nicht gegeben hat

Belgrad ist zur Hauptstadt der Jugo-Nostalgie geworden. Die vier Jugoslawien-Kriege sind dabei nicht vergessen, wohl aber die Tausenden Regimegegner, die unter Titos Herrschaft ihr Leben ließen. Viele junge Leute vermissen die soziale Sicherheit und den Lebensstandard, den ihre Eltern zu jugoslawischen Zeiten vermeintlich genossen.

Von Leila Knüppel und Manfred Götzke

Liebespärchen auf Bänken vor der Stadtkulisse von Belgrad. (imago / Hoch Zwei Stock)
Viele aus der jungen Generation beklagen sich darüber, dass sie sich trotz Job keinen Urlaub leisten können. (imago / Hoch Zwei Stock)
Mehr zum Thema

Blumen für Tito Serbien und die Sehnsucht nach Jugoslawien

Bizarre Freundschaft Die Beziehung zwischen zwei Präsidenten in Kroatien und Serbien

Geigerin Kopatchinskaja "Heimat ist fast wie ein Klangraum"

Kroatische Hafenstadt Rijeka Titos Jacht soll Museum werden

Asteroiden-Namen Belgrad, Tito und Yugoslavia am Himmel

Jugoslawische Flaggen, alte Möbelstücke, Büsten des ehemaligen Staatspräsidenten Tito: Das Café Pavle Korcagin in Belgrad ist voll davon. Alles Originale aus der Zeit, als das kommunistische Jugoslawien noch existierte.

"Soziale Gerechtigkeit, Frieden gab es. Den Menschen ging es besser. Jeder konnte sich Strandurlaub leisten. Und: Es gab mehr soziale Gerechtigkeit. Die Krankenversorgung war kostenlos. Schule und Uni: kostenlos. Und der Pass. Wir brauchten nur für sehr wenige Länder Visa. Darum geht es beim Thema Jugo-Nostalgie."

Ducan Golubovic sitzt an seinem Stammplatz, direkt unter einem Tito Porträt in Öl. Der Gitarrist kommt zwei Mal die Woche ins Korcagin, spielt dort gemeinsam mit seiner Band nostalgische Lieder; lässt alte Erinnerungen aufleben - an die Zeit, als Tito regierte, lange vor dem Zusammenbruch Jugoslawiens in den 90er-Jahren.

"Wir arbeiten, aber wir können kaum Urlaub machen"

"Wenn es heute nach den einfachen Leuten ginge, dann würde Jugoslawien sicher noch existieren. Vielleicht sogar wachsen. Bulgarien, Albanien, Rumänien würden vielleicht dazukommen."

Beim Erzählen wird der 57-Jährige selbst ganz nostalgisch. Die Musiker haben ihr Bier ausgetrunken. Ducan Golubovic nimmt seine Gitarre, die anderen greifen sich Bass und Akkordeon – und stellen sich vor einen der Tische, an dem einige Studenten sitzen.

Das Korcagin ist nicht nur bei Rentnern beliebt, sondern auch bei jungen Leuten, die keine Erinnerungen an das kommunistische Jugoslawien mehr haben, wie der 28-jährige Vuc Vucoradovic.

"Unsere Generation hat einfach nicht die Möglichkeiten, unserer Eltern damals. Wir arbeiten, aber wir können kaum Urlaub machen oder so. Sie konnten das. Deswegen vermissen wir Jugoslawien sogar noch viel mehr als unsere Eltern.

Vor 25 Jahren erklärten Slowenien und Kroatien ihre Unabhängigkeit, genau genommen war der Zerfallsprozess Jugoslawiens schon längst in Gang gekommen. Es folgten vier Kriege, mit Zehntausenden Todesopfern, mehr als 600.000 Menschen mussten ihre Heimat verlassen.

Hier im Korcagin wollen sie diese dunklen Zeiten vergessen - einige Bier, einige Lieder, einen Abend lang.

Titos Mausoleum: Pilgerstätte für Jugo-Nostalgiker

Ein paar Kilometer entfernt, am Rande Belgrads, steht eine weitere Pilgerstätte für Jugo-Nostalgiker. Das Haus der Blumen. Der ehemalige Palast des jugoslawischen Diktators Tito – und jetzt sein Mausoleum.

"Meine Mutter hat geweint als er gestorben ist – die ganze Nation hat geweint. Es war eine schöne Zeit, wir haben gut gelebt." Die Belgraderin Anka Lubitza steht vor der Marmorplatte, unter der Tito begraben liegt.

Der Ort gilt als meistbesuchte Sehenswürdigkeit auf dem Balkan. Heute defilieren allerdings nur wenige Touristen in kurzen Hosen und Flipflops an der Grabplatte vorbei, schießen Fotos. An jedem 4. Mai, dem Todestag Titos, sei das aber ganz anders, versichert Kuratorin Marija Djorgovic.

Der Sarg mit den sterblichen Überresten von Josip Broz Tito steht am 08.05.1980 während der Trauerfeier im Garten der Residenz in Belgrad. Im Hintergrund stehen auf einer Tribüne Trauergäste aus aller Welt. Der jugoslawischen Staatspräsident Josip Broz Tito war am 04.05.1980 nach langer Krankheit gestorben. (dpa / picture alliance / UPI)Nach dem Begräbnis des jugoslawischen Staatspräsidenten Tito 1980 schaute man einer post-jugoslawischen Zukunft noch optimistisch entgegen. (dpa / picture alliance / UPI)

"Es gibt hier dann lange Schlangen und eine regelrechte Prozession der Menschen, die hier eine Art Ritual praktizieren."

Die junge Historikerin beschäftigt sich mit dem Phänomen der Jugo-Nostalgie und mit dem Tito-Kult. Am Ausgang des Blumenhauses liegt Marija Djorgovic’ Hauptforschungsobjekt. Das dicke Kondolenzbuch.

Auf der letzten Seite steht der Eintrag eines Touristen aus Chile: "Good job, Tito." Auch Tito-Herzen und lange Dankesschreiben sind in dem Buch zu finden.

Ab 2000 werden die Einträge nostalgisch

"Seit dem Jahr 2000 sind die Einträge meist nostalgisch: Viele sehnen sich nach einem besseren Leben – und beschreiben Jugoslawien als ein Land, das es so nicht gegeben hat. Andere heben sozialistische Werte hervor, wie soziale Sicherheit, Arbeitsrechte, Anti-Faschismus."

1980, direkt nach dem Tod Titos waren die Einträge noch viel optimistischer als heute, sagt Djorgovic, während sie durch das Buch blättert. Damals hofften viele, dass Jugoslawien auch ohne Tito eine Zukunft haben werde.

25 Jahre nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens ist der Diktator zu einer Ikone geworden

"Anfang der 90er dann, als der Krieg ausbrach, wurden die Beiträge sehr reflektiert. So bezeichnen wir das. Damals hatten wir auch nur sehr wenige Besucher."

Im Souvenirladen am Ausgang des Museums kaufen Touristen kommunistische Abzeichen, Tito-Tassen und Tito-Poster. 25 Jahre nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens ist der Diktator zu einer Ikone geworden, die sich offenbar gut verkaufen lässt. Dass die Herrschaft des kommunistischen Staatspräsidenten Tausenden Regimegegnern das Leben kostete, wird hier im Haus der Blumen mit keinem Wort erwähnt.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk