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StartseiteEuropa heuteYoutube-Blogger Abdurachmanov droht Abschiebung11.03.2019

Kadyrow-Kritiker in PolenYoutube-Blogger Abdurachmanov droht Abschiebung

Der Krieg in Tschetschenien ist vorbei, aber das autoritäre Regime treibt weiter Menschen in die Flucht. Wer es in die EU schafft, fühlt sich nicht sicher. In Polen droht dem Youtube-Blogger Tumsu Abdurachmanow die Abschiebung. Er ist einer der populärsten Kritiker von Präsident Kadyrow.

Von Gesine Dornblüth

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Der Blogger Tumsu Abdurachmanov während eines Videoanrufs (Deutschlandradio / Gesine Dornblüth)
Der Blogger Tumsu Abdurachmanov in Polen (Deutschlandradio / Gesine Dornblüth)
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Auf dem Computerbildschirm sieht er schmal und ein wenig blass aus. Sein Bart reicht weit über das Kinn, die Haare auf der Oberlippe sind kurz, wie bei strenggläubigen sunnitischen Muslimen üblich.

Tumsu Abdurachmanow ist in Polen untergetaucht, nachdem sein Asylantrag von den dortigen Behörden abgelehnt wurde. Der Videoblogger fürchtet, nach Russland abgeschoben zu werden, wenn ihn die polnische Polizei findet. Deshalb ist er zurzeit nur per Internet erreichbar.

"Die polnischen Behörden haben mich in eine Liste von Ausländern eingetragen, deren Aufenthalt in Polen als unerwünscht gilt."

Kritiker der Willkürherrschaft von Kadyrow

Abdurachmanow, 33 Jahre, stammt aus Tschetscheniens Hauptstadt Grosny. Auf seinem Youtube-Kanal kritisiert er die Willkürherrschaft des Republikchefs Ramsan Kadyrow.

Mit dem folgenden Video erreichte er mehr als anderthalb Millionen User:

"In diesem Video geht es darum, wie sich Ramsan Kadyrow für Verbrecher, für Mörder einsetzt."

Mit dem Bloggen hat Abdurachmanow erst im Ausland begonnen. In Grosny arbeitete er in einem Telefonunternehmen, hatte ein gutes Auskommen. Politik interessierte ihn nicht sonderlich. Doch dann begegnete er vor gut drei Jahren der Autokolonne eines Verwandten Ramsan Kadyrows. Und wurde festgenommen.

"Es war eine komplett zufällige Begegnung auf den Straßen Grosnys. Kadyrow hat gesehen, dass ich einen Bart trage. Damit hat alles angefangen."

Langer Bart schürt Verdacht auf islamistischen Terror 

Die Tschetschenen gehören traditionell dem Sufismus an, einer gemäßigten Strömung im Islam, die auch der Republikchef und sein Clan propagieren. Doch seit den 1990er-Jahren wird auch in Tschetschenien der sunnitische Islam populärer. Wer einen langen Bart trägt, gerät schnell in Verdacht, islamistischer Terrorist zu sein.

Dieser Beitrag gehört zur Reportagereihe "Abgeschieden in Europa – Tschetschenen unter sich" in der Sendung "Gesichter Europas".

Und wen die tschetschenischen Behörden einmal auf dem Schirm haben, der hat angesichts der Willkürherrschaft kaum eine Chance, seine Unschuld zu beweisen.

Abdurachmanow nutzte deshalb die nächste Gelegenheit, um mit Frau und Kindern nach Georgien zu fliehen.

Blogger wandte sich mit Video an die Staatsanwaltschaft

Die russischen Behörden ließen ihn über Interpol weltweit zur Fahndung ausschreiben. Sie warfen ihm vor, er sei nach Syrien gereist und habe sich dort dem sogenannten "Islamischen Staat" angeschlossen.

"Aber ich war nie in Syrien. Nicht vor dem arabischen Frühling, nicht danach. Ich kenne nicht einen einzigen Syrer."

Von Georgien aus wandte sich Abdurachmanow in einem Video an die Staatsanwaltschaft Tschetscheniens. Es ist immer noch online.

"Vot eto passport RF, moj pasport, Abdurachmanow Tumsu."

Er sitzt vor einer grün gemusterten Tapete und hält seinen russischen Reisepass mitsamt den Stempeln in die Kamera.

"Vidite, samolet..."

Die Stempel beweisen, dass er an dem Tag, an dem er angeblich in Syrien gewesen sein soll, in Wirklichkeit in einem Flugzeug saß, unterwegs von Kasachstan nach Georgien. Die georgischen Behörden haben später bestätigt, dass Abdurachmanow Georgien bis auf Weiteres nicht verlassen hat.

"Die Anklage ist absurd."

Ruf der Tschetschenen in Europa ist schlecht

Abdurachmanow beschloss, mit dem Bloggen weiterzumachen, und wurde so zu einem der bekanntesten Kritiker Kadyrows aus dem Nordkaukasus.

Hintergrund zum Thema Tschetschenien:

Ramsan Kadyrow, Chef der russischen Teilrepublik Tschetschenien. (picture alliance / Ria Novosti / Said Tcarnaev) (picture alliance / Ria Novosti / Said Tcarnaev)Gefährder und Gefährdete
Sie flohen vor Krieg oder Diktator Kadyrow: Zehntausende Tschetschenen leben in Europa. Der deutsche Verfassungsschutz warnt vor Islamisten unter ihnen. Zugleich beantragt Russland immer häufiger die Auslieferung angeblicher tschetschenischer Terroristen. Menschenrechtler und Juristen sehen das kritisch.

Interpol löschte seinen Namen aus den Fahndungslisten. Trotz allem lehnte Georgien seinen Asylantrag ab. Die Familie floh weiter nach Polen. Doch dort urteilten die Behörden, er stelle eine Gefahr für die polnische Sicherheit dar.

Der Ruf der Tschetschenen in Europa ist schlecht. Auch deutsche Verfassungsschützer warnen vor mutmaßlichen tschetschenischen Islamisten. In Paris erstach ein Tschetschene im vergangenen Jahr einen Passanten und verletzte fünf weitere. Tschetschenische Terroristen kämpften in Syrien.

"Natürlich sind auch unter uns Tschetschenen abstoßende, gefährliche Verbrecher, wie unter allen anderen Menschen, auch unter den Deutschen. Aber dafür darf man nicht unser gesamtes Volk zur Verantwortung ziehen. Die Geheimdienste tun das. Sie scheren alle über einen Kamm, und wenn du nur ein bisschen anders aussiehst, einen Bart trägst, giltst du bereits als potenziell gefährlich."

Kadyrows langer Arm reicht bis nach Deutschland

Abdurachmanow ist überzeugt, dass Kadyrow und seine Leute seine Videos anschauen. Er fühlt sich vor ihnen auch in Polen nicht sicher. Zumal er auf seinem Youtubekanal auch ein Gespräch mit Kadyrows Vertreter in Europa veröffentlicht hat. Kadyrows Mann lebt in Hamburg und ist Box-Promoter.

"Diese Leute haben enorm viel Geld und alle Möglichkeiten, einen Killer zu finden, wenn sie mich entfernen wollen, und das wollen sie mit Sicherheit. Ich bekomme immer wieder Drohungen."

Amnesty International und diverse andere Menschenrechtsorganisationen haben die polnische Regierung aufgefordert, den Blogger nicht nach Russland abzuschieben. Was ihm dort drohe, beschreibt er selbst mit nüchternen Worten.

"Es kann ein schneller, es kann ein langsamer Tod sein. Am Ende würden sie es so hindrehen, dass es aussieht, als hätte ich mich in einer Zelle erhängt oder mich auf andere Weise selbst getötet. So in etwa."

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