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StartseiteBüchermarktDie Leiche im Keller21.05.2019

Kai Wieland "Amerika"Die Leiche im Keller

Ohne das Internet würde es den Roman "Amerika" von Kai Wieland nicht geben. Nachdem der Autor sein Manuskript erfolglos an verschiedene Verlage geschickt hatte, nahm er an einem Wettbewerb für Literaturblogger teil - mit Erfolg. Nun liegt sein Debüt über die schwäbische Provinz auch als Buch vor.

Von Ralph Gerstenberg

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Der Autor Kai Wieland und sein Roman "Amerika" (Autorenfoto: Marijan Murat/ Cover: Klett-Cotta Verlag)
Kai Wielands Debüt über die Unzuverlässigkeit des Erinnerns (Autorenfoto: Marijan Murat/ Cover: Klett-Cotta Verlag)

Das ist nicht Amerika, auch wenn ein ausgeblichenes Stars-and-stripes-Banner über dem Tresen hängt. Das Gasthaus, in dem Kai Wielands Roman spielt, heißt der Schippen und befindet sich in einem fiktiven Kaff namens Rillingsbach in der schwäbischen Provinz. Der Fremde, der dort auftaucht und eintaucht in die Atmosphäre, ist ein Chronist auf der Suche nach Geschichten, von denen er gehört hat, die er aufschreiben will, um sie dem Vergessen zu entreißen. Oder wie es bei Wieland heißt: "Er vermisst, was vermessen werden muss". Ein Landvermesser also ist dieser junge Mann, wie K. im "Schloss" von Franz Kafka, der ein Romanfragment geschrieben hat, das ebenfalls unter dem Titel "Amerika" erschienen ist. Doch sind es keine abgezirkelten Gebiete, die es bei Kai Wieland im Schwabenland zu vermessen gilt, sondern innere Landschaften, die sein Protagonist erkunden und für die Nachwelt festhalten will. Und anders als K. im "Schloss" ist er zu dem Ort, den er sucht, bereits vorgedrungen - zum Schippen in Rillingsbach. 

"Der Schippen, so viel weiß der Chronist bereits, wurde in den Zwanzigerjahren von Marthas Großvater auf drei Stockwerken errichtet und verfügte anfangs über einen Schankraum und acht identisch ausgestattete Zimmer mit Toilettentisch und Aussicht auf das unstete Wetter. Im Erdgeschoss schloss sich an den Schankraum eine kleine Bücherei an, mit gemütlichen Sitzmöbeln und einem Schallplattenspieler inklusive einer Auswahl an orchestraler Musik. In den Dreißigern feierte das Hotel seine Glanzzeit und erwarb sich in ganz Süddeutschland einen formidablen Ruf."

Landvermessung im Schwäbischen

Doch diese Zeit ist längst vorbei. Martha, die Boizerin, also die Chefin im Schippen, bewirtet Tag für Tag die immergleichen Gäste – den kleinen Alfred mit den wässrigen Augen, der nach dem Verkauf seines Hofes ins Obergeschoss der Wirtschaft gezogen ist, den übellaunigen und streitfreudigen Frieder und Hilde, die in Städten und fremden Betten Freiheit und Abenteuer gesucht hat und noch immer hochhackig und freischultrig auf dem Barhocker an ihrem Glas Jacky Cola nippt, als säße sie in einer Bar.

"Jeder könnte hier etwas über den anderen sagen und tut es auch, an diesem Ort, an dem jeder jeden kennt, niemand kommt und keiner jemals geht. Und dann fragt der Chronist, wie es früher war. Misstrauen, Unverständnis, Spott. Sie erzählen schon, aber dieses und jenes, hier etwas dazu, da etwas weg. Die Alten sind vorsichtig geworden."

Die Geister der Vergangenheit

Nach und nach, Glas für Glas, verlieren sie jedoch ihre Scheu vor dem Fremden und reden - über die Geister der Vergangenheit, offene Geheimnisse und manche Leiche im Keller. Da wäre zum Beispiel die Sache mit Erwin, dem jähzornigen Kopfschlächter,  der eines Morgens mit zerschossenem Schädel im Holzschuppen gefunden wurde. "Suizid. Mit Fragezeichen?", notiert der Chronist. Schließlich hatte der Tote sich tags zuvor an der Tochter des Schippenwirts vergangen, an eben jener Martha, die jetzt dort hinter dem Tresen steht und die Geschichte erzählt, während sich Hilde, die Tochter des Toten, auf die Lippen beißt. Und der Chronist? Wie bewertet er die Geschichte?

"Wer ist er denn, dass er sie bewerten dürfte? Er mag der Maler sein, aber er ist auch die kritische Distanz dieser Erinnerung. Er ist das Sicherheitsnetz, das Sündenschaf und das Opferlamm, der nachlässige Chronist, aber ganz bestimmt ist er nicht hier, um zu bewerten ... "Erinnerungsverfälschung", so liest der Chronist auf Wikipedia, "bedeutet unabsichtliches Verfälschen bestehender eigener Gedächtnisinhalte. Sie unterscheidet sich von der bewussten Falschaussage (Lüge) dadurch, dass die sich erinnernde Person selbst ihre Aussage für richtig hält."

Fragwürdige Erinnerungen

Der Chronist misstraut gelegentlich den Erinnerungen der sich warm redenden Tresenrunde. Erinnerungen sind oft fehlerhaft, besonders wenn lange zurückliegende Ereignisse abgerufen werden. Oder man will das Geschehene nach all den Jahren ein bisschen zu seinen Gunsten zurechtrücken, will seine Vorfahren in einem etwas besseren Licht dastehen lassen. Solche Unschärfen müssen in die Chronik eingepreist werden. Ums Erinnern geht es also in Kai Wielands Roman ebenso wie um Erinnerungsverfälschungen, um das, worüber man zu reden bereit ist, woran man sich erinnern mag, und um das, woran man nicht so gerne erinnert wird, an "die Zeit der Entnazifizierung" zum Beispiel.

""Ach, der alte Käse", winkt Frieder ab. "Ich hab mal eine Frage. Wo waren sie denn eigentlich, deine Nazis? In Rillingsbach habe ich nämlich keinen gesehen, wenn wir mal Mangelhard, den alten Dackel, beiseitelassen. Entdeutschung hätte das heißen sollen. Es ist doch wahr, sieh dir nur an, was aus den Leuten geworden ist." Ohne den Chronisten aus den Augen zu lassen, nickt er zu Alfred hinüber, dessen Gedanken irgendwo auf dem Grund seines Glases ruhen, und grunzt verächtlich."

Damit ist der Ball bei Alfred mit seinem Traum von Amerika, den die Besatzer der US-Army bei ihm ausgelöst haben. Oder war es eher ein Gedicht, das seine Sehnsucht geweckt hat - ein lächerlicher Vierzeiler, in der die Micky Maus vorkommt, geschrieben von einem Blut-und-Boden Dichter, der mit dem Lehrer Mangelhardt befreundet war, dem angeblich einzigen Nazi von Rillingsbach? So vermisst Kai Wieland wie sein Chronist den Erzählraum seines Romans. Jeder seiner Protagonisten hat seinen Auftritt als Erzähler. Die andern stellen richtig, zweifeln an, nehmen den Faden auf. Und der Chronist hakt immer wieder nach. Am Ende wird sogar ein Geheimnis gelüftet, ein schwerer Verdacht entkräftet. Mit dieser übersichtlichen wie effektiven Anordnung im Schippen von Rillingsbach schafft Kai Wieland einen klaren, atmosphärischen Erzählrahmen für die teils miteinander verschachtelten Geschichten seiner Protagonisten. Das liest sich vor allem deshalb so gut, weil Wieland plausible Figuren schafft, denen man ihr gelebtes Leben abnimmt. Zudem gelingt ihm ein sehr eigener Ton, der die wörtliche Rede bindet und in einen Erzählfluss bringt. So wird "Amerika" auch sprachlich zu einem überzeugenden Debüt eines vielversprechenden jungen Autors.

Kai Wieland: "Amerika"
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2018, 208 Seiten, 20 Euro.

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