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Startseite@mediasresSoziale Netzwerke noch mehr in der Pflicht?14.05.2020

Kampf gegen Corona-FakesSoziale Netzwerke noch mehr in der Pflicht?

Facebook, Twitter und Co. wollen verstärkt gegen Fehlinformationen in ihren Netzwerken vorgehen. Doch Experten zweifeln, dass die angekündigten Maßnahmen ausreichen. Ihre Forderung unter anderem: Nutzerinnen und Nutzer müssen auch informiert werden, wenn sie Falschnachrichten geteilt haben.

Von Christoph Sterz

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Illustration mit den Logos von Facebook, Whatsapp und Instagram (ZUMA Wire / Debarchan Chatterjee)
Corona-Fakes kursieren in verschiedenen Netzwerken - und die meisten Menschen kommen mit ihnen irgendwann in Kontakt (ZUMA Wire / Debarchan Chatterjee)
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Was stimmt und was nicht? Das ist eine Frage, die sich in der Corona-Krise oft schwer beantworten lässt. Weil sich selbst Virologinnen immer wieder selbst korrigieren müssen, weil auch noch heute viele Fragen zum Corona-Virus offen sind. Das sorgt für Verunsicherung – und ist der perfekte Nährboden für Falschnachrichten, meint Christoph Schott, Kampagnenmanager von der Organisation Avaaz, die sich unter anderem gegen Desinformation einsetzt.

"Das macht mir schon Sorge, auch jetzt gerade, wo wir das Thema auch in Deutschland ja langsam vom Lockdown wieder dahingehend öffnen. Gerade da ist es ja wichtig, dass wir die richtigen Informationen haben. Und wenn wir uns zum Beispiel krank fühlen, dann doch zu Hause bleiben und nicht denken, ah, ist doch gar nicht so schlimm, weil man eben vielleicht bestimmte Fehlinformationen glaubt und dann eben andere Menschen auch ansteckt, weil man eigentlich doch selber infektiös ist."

Bußgelder für Fakes?

Dass Menschen mit Falschnachrichten in Berührung kommen, ist relativ wahrscheinlich. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der nordrhein-westfälischen Landesmedienanstalt hat vor kurzem gezeigt: 81 Prozent der befragten InternetnutzerInnen hatten schon mal mit Corona-Fakes zu tun; Jugendliche und junge Erwachsene sogar zu 93 Prozent.

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Weite Teile der Gesellschaft sind zufrieden mit der Arbeit der Politik in der Coronakrise. Nur ein kleiner Teil demonstriert gegen die beschlossenen Maßnahmen. Die Berichterstattung über diese Gruppe nimmt gerade dennoch einen großen Raum ein. Einen zu großen?

Auch deshalb meldete sich in den vergangenen Wochen zum Beispiel Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius zu Wort. Der SPD-Politiker forderte, Corona-Fakes zu  bestrafen, zum Beispiel mit Bußgeldern.

Experten wie der Politikwissenschaftler Wolf Schünemann von der Uni Hildesheim halten das aber für eine sehr schlechte Idee – weil so ein Vorgehen der Meinungsfreiheit und damit der Demokratie massiv schaden könne.

 "Ein ehemaliger Justizminister hat mal das in der aktuellen Lage vielleicht ganz passende Bild verwendet, die Informationsfreiheit sei die Schutzimpfung gegen die Diktatur. Ich finde das eigentlich ein schönes Bild, weil es eben auch ausdrückt, dass in der Tat die Informationsfreiheit uns eben auch dazu bringt, Antikörper zu entwickeln, dass wir lernen, mit diesem Gesamt von Informationen umzugehen."

Mehr Transparenz

Staatliche Strafen sollten also keine Lehre sein aus den Falschmeldungen, findet Schünemann. Denn sonst könnten auch Informationen zurückgehalten werden, die sich später als faktisch richtig herausstellen. Trotzdem sieht auch der Politikwissenschaftler Handlungsbedarf – auf einem anderen Gebiet.

"Was man natürlich regulieren könnte, wäre, dass man diese Plattformen dazu bringt, stärker Transparenz walten zu lassen. Also sie zwingt, ihre Filter und Verbreitungsalgorithmen offenzulegen und damit wiederum die Menschen zu ertüchtigen, einzuschätzen: Na, wo kommt das her? Was verbreitet sich hier gerade viral? Weil es eben irgendwie skandalös ist, aber womöglich nur auf Basis irgendeines auf WhatsApp verbreiteten Gerüchts."

  (dpa / Fotomontage: DLF) (dpa / Fotomontage: DLF)Mediziner schreiben offenen Brief an Facebook & Co.
Über 100 Ärztinnen, Krankenpfleger und Gesundheitsexpertinnen haben sich in einem gemeinsamen Schreiben an Facebook, Twitter und Google gerichtet. Sie wollen, dass die US-Unternehmen besser gegen Desinformation vorgehen. Menschen, die Corona-Falschnachrichten teilen, sollen in Zukunft nachträglich einen Hinweis angezeigt bekommen.

Immerhin hat sich bei Facebook oder YouTube im Laufe der Corona-Wochen zumindest ein bisschen was getan: WhatsApp hat die Weiterleitung von Nachrichten beschränkt; und wenn externe Faktenchecker eine Falschnachricht als solche entlarven, dann zeigt Facebook jetzt einen allgemeinen Warnhinweis an, zum Beispiel mit Links auf eine Seite der Weltgesundheitsorganisation. Ähnliches will jetzt auch Twitter unternehmen. Und YouTube hat bei bestimmten Suchbegriffen jetzt ebenfalls Warnhinweise im Angebot. Die Social-Media-Riesen scheinen also gelernt zu haben, dass Fakes nicht einfach so stehen bleiben sollten – weil sie sich sonst in den Köpfen festsetzen, wie sich gerade ganz aktuell bei einigen Anti-Corona-Protestlern in Deutschland zeigt.

"Menschen brauchen Fakten"

Christoph Schott von der Organisation Avaaz reichen die Maßnahmen von Facebook & Co. trotzdem noch nicht. Er will, dass Nutzer ganz konkret Bescheid bekommen, wenn sie eine Falschnachricht geteilt haben – mit der Info, was daran genau falsch war.

"Es ist nicht möglich, allen Menschen da zu helfen. Aber wenn man es schafft, die Hälfte der Menschen zu erreichen, die die Fehlinformationen glauben und danach nicht mehr. Das ist ja ein unfassbarer Schritt vorwärts. Und da glaube ich gerade bei so faktischen Sachen, also bei Gesundheitsthemen – wie viel hilft es jetzt eben, ein bestimmtes Mittel einzunehmen gegen den Coronavirus oder auch nicht? – da, glaube ich, sind die Menschen auch sehr offen für Richtigstellungen. Bei anderen Themen kann es schwieriger sein. Aber da glauben wir gerade, bei diesen Gesundheitsthemen, dass es eigentlich, dass es wirklich Fakten sind, die die Menschen brauchen."

Das wird auch so bleiben, wenn denn die Corona-Krise irgendwann mal vorbei sein sollte. Und vielleicht haben bis dahin ja alle auch ein bisschen etwas dazu gelernt, zumindest was Falschnachrichten angeht.

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