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StartseiteEine WeltTeheran ringt um seinen Einfluss in der Region06.12.2014

Kampf gegen ISTeheran ringt um seinen Einfluss in der Region

Der Aufstieg der Terrormiliz Islamischer Staat in Syrien und im Irak wird im Iran mit großer Sorge gesehen. International ist die Regierung in Teheran zwar isoliert, durch eine Koordination des Kampfes gegen die IS-Dschihadisten mit dem Westen könnte der Iran aber zur regionalen Ordnungsmacht aufsteigen.

Von Reinhard Baumgarten

Eine Explosion in Kobane nach einem US-geführten Luftangriff. (picture alliance / EPA / Erdem Sahin)
Eine Explosion in Kobane nach einem US-geführten Luftangriff. Im Irak haben auch iranische Kampfflugzeuge den IS angegriffen. (picture alliance / EPA / Erdem Sahin)
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Teheran versucht massiv, seinen Einfluss in der Region zu vergrößern. Teheran liefert Waffen an die libanesische Armee, schickt Ausrüstung zu den Houthi-Rebellen im Jemen, sichert Baschar al Assad das Überleben und rüstet schiitische Milizen im Irak auf. Und nun benutzt Teheran offenbar seine veralteten F4-Phantom-Kampfbomber, um im Osten Iraks die Terrormiliz anzugreifen, die sich Islamischer Staat nennt.

"Ich habe die Berichte gesehen", versichert Pentagon-Sprecher Konteradmiral John Kirby.

"Wir haben keine Hinweise darauf, dass sie nicht wahr sind, wonach iranische Flugzeuge Luftangriffe gegen Ziele der IS-Terrormiliz im Osten Iraks durchgeführt haben."

Erstmals hätte die Islamische Republik damit seit dem Ende des 1. Golfkriegs vor über 36 Jahren wieder Kampfflugzeuge außerhalb Irans eingesetzt. Teheran wäre damit ein gutes Stück tiefer in den Konflikt mit der IS-Terrormiliz hineingezogen worden.

Es kursieren viele Spekulationen darüber, ob der Iran und die USA beim Kampf gegen die IS-Dschihadisten militärisch zusammenarbeiten. Ausgeschlossen, sagt dazu Teheran. Ausgeschlossen, sagt auch Washington.

An der US-Politik der Nichtkoordination militärischer Aktivitäten mit den Iranern habe sich nichts geändert, beteuert US-Außenminister John Kerry. "Wir tun das nicht. Wir koordinieren nichts militärisch. Dafür gibt es auch keine Pläne. Es spricht doch für sich, dass es eine positive Auswirkung hat, wenn der Iran gegen die IS-Terrormiliz vorgeht. Aber das ist nichts, was wir koordinieren. "

Die Zeit dafür ist offenbar noch nicht reif. Und die Grundvoraussetzungen sind nicht geschaffen. Zwischen beiden Ländern herrscht nach wie vor ein abgrundtiefes Miss-trauen.

"Wo ist das eigentliche Nest für Verschwörungen gegen die Islamische Republik", fragte unlängst Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamenei.

"Seit über 30 Jahren, wenn wir vom Feind sprechen, denken alle Iraner an die USA. Die US-Politiker sollten dieser Tatsache ins Auge schauen und begreifen."

Ob dieser hochoffizielle Standpunkt durch eine offen durchgeführte, unzensierte und repräsentative Umfrage gedeckt würde, ist sehr fraglich. Misstrauen herrscht aber auch auf amerikanischer Seite.

"Eine militärische Koordinierung mit einem Land wie dem Iran, das aktiv Terrororganisationen unterstütze, könne nicht im Interesse der USA sein", stellt Josh Earnest fest. Niemand, so versichert der Sprecher des Weißen Hauses, habe die Absicht, militärische oder geheimdienstliche Erkenntnisse mit dem Iran zu teilen.

Doch die Versuchung ist groß. Auf beiden Seiten. Die IS-Terrormiliz droht die gescheiterte Irak-Politik Washingtons vollends in ein Fiasko zu verwandeln. Und die Islamische Republik Iran befürchtet, um den mühsam erarbeiteten Einfluss im Nachbarland Irak gebracht zu werden. Deshalb streckt Teheran auch vorsichtig die Hand gen Westen aus.

Außenminister Mohammad Javad Zarif sieht gemeinsame Herausforderungen in Afghanistan, im Irak und in Syrien.

"Der Aufstieg von Extremismus und Terrorismus in der Region, der über einzelne Staaten hinausgeht, wird die gesamte Region erfassen und könnte Auswirkungen auf die ganze Welt haben. Das ruft uns zur Zusammenarbeit bei der Suche nach gemeinsamen Lösungen für gemeinsame Herausforderungen auf."

Nicht alle einflussreichen Machtzirkel im Iran sind damit einverstanden. Der Aufstieg der im Iran Da'esh genannten IS-Terrormiliz gehe auf das Konto Washingtons und diene einzig dem Zweck, den Nahen Osten zu destabilisieren und den Hegemon USA im Spiel zu halten. Teherans Außenminister Zarif nimmt die Befürchtungen der Hardliner auf, wenn er sagt:

"Es ist unmöglich kurzzeitigen Nutzen oder Vorteile aus der Bedrohung zu ziehen. Ich denke, in der Region ist das begriffen worden. Das ist ein guter Anfang für eine Zusammenarbeit."

Der als moderat geltende Präsident Rohani sucht eigenen Bekundungen zufolge die Versöhnung mit der Welt und einen Ausgleich auf Augenhöhe mit den USA. Aber "die Amerikaner müssen deutlich machen, dass sie sich nicht in die inneren Angelegenheiten Irans einmischen werden. Und sie müssen ihre Politik der Drohungen beenden".

Gedroht wird aus Washington in Richtung Iran schon länger nicht mehr. Ein Regime-wechsel im Iran sei nicht das Ziel der USA, hat Präsident Obama vor gut einem Jahr versichert. Doch ob der Iran, wie von Teheran angestrebt, tatsächlich zu einer regionalen Ordnungsmacht wird aufsteigen können, ist sehr unsicher. Ein erster Schritt dazu könnte eine militärische Koordination im Kampf gegen die IS-Dschihadisten sein, von der beide Seiten aber eigene Beteuerungen nach gegenwärtig nichts wissen wollen.

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