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StartseiteForschung aktuell"Man braucht eine Impfquote von 95 Prozent"15.02.2019

Kampf gegen Masern"Man braucht eine Impfquote von 95 Prozent"

Masern seien sehr ansteckend, doch es gebe eine gut wirkende Impfung dagegen, sagte Ole Wichmann vom Robert Koch Institut im Dlf. Jüngste Masern-Ausbrüche in Madagaskar oder auf den Philippinen beunruhigten deshalb auch die Weltgesundheitsorganisation. Warnzeichen müssten auf globaler Ebene ernst genommen werden.

Ole Wichmann im Gespräch mit Christiane Knoll

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Kleiner Junge mit einer leeren Wasserflasche sitzt auf dem Boden (Imago)
Das Impfprogramm in Madagaskar dringt wie in vielen anderen Entwicklungsländern meist nicht in entlegene Regionen durch, sagt Impf-Experte Ole Wichmann (Imago)
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Christiane Knoll: Warum gibt es auf Madagaskar 15.000 Masernfälle?

Ole Wichmann: Man muss verstehen, dass Masern furchtbar ansteckend sind, und es steht eine Impfung zur Verfügung, die sehr gut wirkt. Das bedeutet, wenn Sie irgendwo große Ausbrüche sehen, das bedeutet eigentlich dann immer, dass die Impfquoten in der Bevölkerung nicht entsprechend sind. Gerade Madagaskar ist jetzt ein Land, wo schon seit vielen Jahren die Impfquoten längst nicht da liegen, wo sie liegen sollen. Um Masern zu verhindern, braucht man eine Impfquote von 95 Prozent oder höher, und in Madagaskar liegt es deutlich unter 70 Prozent.

Impfprogramme in Entwicklungsländern

Knoll: Fehlt das Geld oder der Wille?

Wichmann: Ich glaube, in Madagaskar ist es vor allem das Impfsystem. Sie müssen verstehen, in Madagaskar oder in vielen Entwicklungsländern sind das staatliche Impfprogramme, und gerade Madagaskar ist ein Land, wo das Impfprogramm des Staates nicht überall durchdringt in die peripheren Regionen, dort große Unterschiede zwischen reicheren und ärmeren Gegenden bestehen und dass dort einfach das Impfprogramm nicht so durchkommt.

Misstrauen gegenüber der Regierung

Knoll: Gerade erst hat die Weltgesundheitsorganisation die Impfskepsis zu einer der zehn größten Bedrohungen der Weltgesundheit erklärt. In Madagaskar ist das nicht die vorrangige Ursache, aber in den Philippinen. Könnten Sie kurz schildern, was sich auf den Philippinen gerade abspielt?

Wichmann: Also das vermutet, dass es hier einen Zusammenhang gibt mit einem neuen Impfstoff, der vor einigen Jahren dort eingeführt ist, und zwar gegen das sogenannte Dengue-Fieber. Das war oder ist ein sehr, sehr neuer Impfstoff und die Philippinen waren eins der ersten Länder oder das erste Land, das das breit eingeführt hat, und weil er relativ neu war, kannte man noch nicht alle Charakteristika dieses Impfstoffs. Da hat sich eigentlich erst in der letzten Zeit herausgestellt, dass da ein, ich würde sagen geringeres Problem war bezüglich einer Nebenwirkung, und daraufhin wurde das Programm dort, als dies sich herausstellte, aufgehört. Aber das führte dann in der Bevölkerung dazu, dass ein generelles Misstrauen gegenüber der Regierung oder gegen das nationale Impfprogramm bestand, sodass dann dort auch die Masernimpfquoten in der Folge fielen.

Anschläge auf Impfteams in Pakistan

Knoll: Warum schwindet das Vertrauen in Impfstoffe weltweit? Können Sie kurz erklären, was die tieferen Ursachen sind?

Wichmann: Also das hat sehr unterschiedliche Ursachen. Generell sind ja Impfstoffe eigentlich sehr, sehr wirksam und auch sehr sicher, und wenn natürlich die Erkrankungen dann schwinden, dann wird die Bevölkerung eigentlich nicht mehr dran erinnert, wie wichtig so eine Impfung ist. Da sind einfach die Impfungen ein Opfer ihres eigenen Erfolgs, muss man sagen, in vielen Regionen. Dann führt mit Sicherheit, denke ich, auch noch das Internet dazu, dass Fehlinformationen über Impfungen sich schneller verbreiten als jetzt noch vor 30 Jahren. Man muss einfach sagen, dass auch das Misstrauen der Bevölkerung viele Ursachen haben kann. Gerade auch in Entwicklungsländern, also dazu gehören teilweise zum Beispiel auch religiöse Gründe, dass es dort Glauben gibt, dass möglicherweise sogar Impfstoffe explizit aus dem Westen kommen, um die eigene Bevölkerung zu sterilisieren. Zum Beispiel ist eine der Behauptungen in einigen Regionen dann einmal zirkuliert. Also von daher kann es sehr viele Unterschiede geben. Oder zum Beispiel in den Regionen Pakistans, wo noch Kinderlähmung auftritt, das sind einfach sehr schwer erreichbare Regionen, Bergregionen, wo dann aber auch sogenannte Warlords leben oder wo es sehr schwierig und auch gefährlich ist, für die Regierung oder für das Impfprogramm vor Ort dann aufzutreten. Also gerade in diesen Regionen gab es auch Anschläge speziell auf Impfgruppen oder auf Impfteams, die dort gegen Polio impfen wollten. Das trägt natürlich dazu bei, dass vor Ort dann die Impfquoten oft niedrig sind, nicht unbedingt jetzt aus Glaubensgründen, sondern einfach der Erreichbarkeit wegen oder der Sicherheit vor Ort, der politischen Situation.

Ausbrüche auf Madagaskar und den Philippinen

Knoll: Wie ist Ihre Einschätzung, würden Sie das Ganze als Hotspots sehen, als kleine Warnschüsse, oder ist es ein Trend, der wirklich eindeutig nach unten geht?

Wichmann: Ich denke, es gibt viele Länder, wo eher die Impfquoten stabil sind. Also ich denke, auch in Deutschland haben wir unsere eigenen Probleme zwar, aber gerade die Kinderimpfquoten sind eigentlich sehr stabil und zufriedenstellend. Es gibt aber global gesehen einige Hotspots, wo es auch deutlich Trends nach unten gibt mit den Impfquoten und mit Sicherheit solche Ausbrüche, wie wir sie aktuell in Madagaskar oder Philippinen haben, das sind natürlich eigentlich Warnzeichen, die man dann auch auf globaler Ebene sehen muss, wo einfach der Bedarf dargestellt wird, zu handeln. Das Gute ist an den Impfungen, die sind sehr, sehr wirksam, und man kann dann eigentlich, wenn man dann vor Ort den Willen und die finanzielle Kraft hat, auch durch Impfkampagnen solche Impflücken relativ schnell wieder schließen, aber dafür muss natürlich die Situation dann vor Ort auch gegeben sein, aber mit Sicherheit sind das Warnzeichen, die man auf globaler Ebene ernstnehmen muss und auch von der Weltgesundheitsorganisation sehr ernst genommen wird.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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