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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturWarum der Markt kein Blumenbeet ist13.11.2017

KapitalismusWarum der Markt kein Blumenbeet ist

Wer sich anstrengt und arbeitet, kommt zu Wohlstand. Das ist das immer wieder formulierte Versprechen der Marktwirtschaft. Nur: Es stimmt nicht. Wer unten ist, bleibt auch unten – das beschreibt zumindest der britische Soziologe Andrew Sayer in seinem Buch "Warum wir uns die Reichen nicht leisten können".

Von Thomas Fromm

Hande, die Geld in eine Welt schütten, die einen Sparschlitz hat. (imago / stock&people)
Wohlstand und üppige Investitionen in die Wirtschaft gelangen nicht in die untersten sozialen Schichten. (imago / stock&people)
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Es gab Zeiten, da stellte man sich die Verteilung von Wohlstand in etwa so vor wie ein Gemüsebeet: Man gießt von oben regelmäßig Wasser nach, und alles, was drin ist, wächst. Eben weil das Wasser ja bis hinunter zu den Wurzeln sickert, entwickelt sich das gesamte Beet gleichmäßig gut.

Es war unter dem damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan, als die Wirtschaft zum Beet deklariert wurde: "Trickle-down-Effekt" nannte dessen Wirtschaftsberater David Stockman damals seine Variante einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik: Steuersenkungen und andere Wohltätigkeiten für die Reichen, am Ende würde sich ihr Wohlstand - verbunden mit üppigen Investitionen in die Wirtschaft und einem daraus resultierenden Turbo-Wachstum - bis tief hinein in die untersten sozialen Schichten ausbreiten.

Schon damals war diese Sicker-Theorie nicht unumstritten. 30 Jahre später ist sie ziemlich widerlegt. Eine Volkswirtschaft funktioniert doch nicht so einfach wie ein Gemüsebeet.

Unverdienter Reichtum

Der britische Soziologe Andrew Sayer von der Universität Lancaster ist nicht der erste, der aufschreibt, wohin Wirtschaftsrezepte wie Reaganomics geführt haben. Aber er tut dies auf eine sehr plakative und sehr verständliche Art und Weise:

"Die Reichen mögen behaupten, ihr Reichtum sickere nach unten durch, wenn sie ihn ausgeben und dadurch Arbeitsplätze schaffen - es muss schließlich jemand nach all den Villen und Yachten sehen. Aber da sie mehr haben, als sie ausgeben können, verwenden sie einen geringeren Teil ihres Einkommens auf Güter und Dienstleistungen."

Die Mittelmeer-Spritztour einer Milliardärsgruppe mit einer Superyacht an einem Nachmittag kann die Umwelt mitunter mehr belasten als dies ein Bewohner Afrikas in seinem ganzen Leben schafft. Oder: Tatort Bishops Avenue in London, in der jedes dritte Haus die meiste Zeit leer steht, weil diese Immobilien Teil der Steuersparmodelle reicher Ausländer sind.

Reichtum ist oft die eher unverdiente Folge von Erbschaften, von Zinsen, hohen Dividenden und Mieteinnahmen. Wenn das Gesamtvermögen der 1.000 reichsten Briten 1987 laut "Sunday Times Rich List" noch bei 98 Milliarden Pfund lag und im Jahre 2015 schon 547 Milliarden Pfund betrug, dann sollte man sich fragen, was genau in der Zwischenzeit passiert ist.

Das Wirtschaftswachstum war - verglichen mit dem Boom der Nachkriegsjahre - in jenen Jahren eher durchschnittlich gewesen. Auch fallen in jene Jahre große Krisen, die größte von ihnen die schwere Finanzkrise der Jahre 2007 und 2008, die die Wohlhabenden - Sayer weist das nach - nicht zufällig weitaus besser überstanden haben als die weniger Wohlhabenden. Warum? Weil sie schon vorher viel hatten.

Sehr viel Marx

"Wie groß der Anteil von Erbschaften am Privatvermögen ist, lässt sich nur schwer ermitteln, aber für das Vereinigte Königreich liegen die Schätzungen bei durchschnittlich 50 Prozent. Wir haben es hier fraglos mit einer der Hauptquellen von Ungleichheit zu tun. Seit den 1980er Jahren hat das Erben als Einkommensquelle erneut an Bedeutung gewonnen und in Frankreich sogar die Rekordmarken des 19. Jahrhunderts wieder erreicht - während die Erbschaftssteuern gegenüber den Höchstständen, auf die sie in der Mitte des 20. Jahrhunderts in Frankreich wie in Großbritannien und den Vereinigten Staaten gestiegen waren, massiv gesenkt wurden."

Also, fordert Sayer: hoch mit den Steuern. Anders als Thomas Piketty in seinem Bestseller "Das Kapital im 21. Jahrhundert" erspart der Autor seinen Lesern seitenlange Formeln zur Entstehung von Vermögenskonzentration.

Sayer wirft dafür sehr viel zusammen und rührt kräftig um: Wirtschaftswissenschaften, empirische Soziologie, etwas Philosophie und Geschichte - und vor allem: sehr viel Karl Marx. Klassenzugehörigkeit, so der Autor, sei auch heute noch "das größte unausgesprochene Problem". Viele Leser und Nicht-Leser würden sein Buch als "links" einordnen, schreibt der Autor. Und natürlich ist es das auch.

"Wie Sie es rubrizieren, ist mir ganz gleich. Mich interessiert, dass die Argumente stichhaltig sind – und, falls nicht, wie die Gegenargumente lauten."

Sayer hat seine Stärken, wenn er die Mechanismen des Finanzsektors und ihrer Spekulanten verhandelt. Sein Fazit: Das große Zocken auf Kosten von Gesellschaft und Natur geht auch in den Jahren nach der großen globalen Finanzkrise weiter, Profite sind wie ehedem privat, die Kosten der Tragödie werden auf alle umgelegt.

Die großen Geschäfte der Hedgefonds, die ganze Volkswirtschaften bedrohen, das Hebeln großer Summen mit geliehenem Kapital, die fatalen Folgen für das Ökosystem - all das wird vom Autor sauber analysiert.

Urkapitalistischer Sündenfall

Schwach wird Sayer allerdings, wenn er sich ideologisch verrennt, und das passiert ihm leider ab und zu. Dabei könnte ein Buch über soziale Ungleichheiten in diesen Zeiten auch ganz gut ohne das Sprachrepertoire des Marxismus auskommen.

"Was ist zum Beispiel mit einer Unternehmerin, die mit ihren Ersparnissen oder einem Kredit, vielleicht auch durch Aufstocken ihrer Hypothek eine kleine Firma aufbaut? [...] Sie stellt Leute ein, der Betrieb wächst und wird zu einem bedeutenden Unternehmen, das ihr ein hohes Einkommen beschert. [...] Wenn sie dann Erfolg hat und die Nachfrage nach ihrem Produkt steigt, wird sie mehr Arbeiter einstellen.

Damit wird sie allmählich zu einer arbeitenden Kapitalistin, also zu einer Besitzerin von Produktionsmitteln, die andere für sich arbeiten lässt. [...] Wenn es gut läuft, kann unsere Unternehmerin es sich leisten, gar nicht mehr arbeiten zu müssen und die Geschäftsführung einem leitenden Angestellten zu übertragen, um derart zur reinen, also nicht arbeitenden, aber gleichwohl Unternehmensgewinne erzielenden Kapitalistin zu werden."

Der Ungleichheitsforscher Sayer wittert hier also bereits den urkapitalistischen Sündenfall. Doch an dieser Stelle möchte man ihm zurufen: Lassen wir der Frau doch ihren Erfolg, wenn sie ihn sich erarbeitet hat. Milliardäre auf dem Mittelmeer brauchen wir nicht unbedingt - aber erfolgreiche Unternehmerinnen sollte man sich schon leisten können!

Andrew Sayer: "Warum wir uns die Reichen nicht leisten können"
C.H. Beck, 477 Seiten, 27,95 Euro.

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