Donnerstag, 21.03.2019
 
Seit 19:15 Uhr Dlf-Magazin
StartseiteMarkt und MedienGeköpfte Hunde für kritische Journalisten18.07.2015

KasachstanGeköpfte Hunde für kritische Journalisten

Nursultan Nazarbajew regiert Kasachstan wie ein Sonnengott. Und damit das so bleibt, wird jeder Anflug von Kritik unterdrückt. Das bekommen vor allem Journalisten zu spüren, die sich mit den Einflussreichen im Land anlegen.

Von Elisabeth Lehmann

Kasachstans Präsident Nurzultan Nazarbajew, älterer Mann im Anzug sitzt an einem Tisch auf einem goldenen Stuhl, vor einem Mikro, im Hintergrund bunte Flaggen (imago/stock&people/ITAR-TASS)
Kasachstans Präsident Nursultan Nazarbajew geht hart mit kritischen Medien ins Gericht. (imago/stock&people/ITAR-TASS)
Weiterführende Information

Kasachstan-Lobbyismus "Dementi von Schröder ist relativ schwach"

Kasachstan-Lobbyismus Altkanzler Schröder will "Spiegel" verklagen

Kasachstans Präsident Nazarbajew Alternativloser Führer der Nation

Präsidentschaftswahl in Kasachstan Nasarbajew und kein Ende

Oksana Makushina führt durch die kleinen Redaktionsräume ihrer Online-Zeitung "Nakanune.kz". Die Wände sind tapeziert mit Zeitungsausschnitten, Anklageschriften und Porträts.

"Hier, das ist der Minister für das Staatsbudget, der Chef der Nationalbank, der Vorsitzende des Verfassungsrats, der Premierminister, das ist ein einflussreicher Geschäftsmann. Das sind unsere Helden."

Alle Herren an der Wand sind im Laufe der vergangenen Jahre gegen die kleine Zeitung vorgegangen. Galgenhumor ist der einzige Weg für die Mitarbeiter, den Druck zu ertragen. Denn zum Lachen ist ihnen eigentlich schon lange nicht mehr zumute. Vor allem nicht, seit die Gegner mächtiger geworden sind, wie Redakteurin Nazira Darimbet erzählt.

"Die KasKommerzBank hat uns verklagt für einen Leserbrief, in dem stand, dass die Bank Billighäuser von niedriger Qualität baut. Der Brief wurde auf unserer Seite im Oktober 2014 veröffentlicht, ein halbes Jahr verging und dann ist die Bank vor Gericht gezogen. Und vor Kurzem hat das Regionalgericht in Almaty entschieden, dass unsere Mitarbeiterin 20 Millionen Tenge zahlen muss."

Umgerechnet knapp 100.000 Euro Strafe, weil der Leserbrief dem Image der Bank geschadet habe. So die Entscheidung des Richters. Es ist nicht der erste Prozess gegen "Nakanune.kz" und die kleine Online-Zeitung ist nicht das einzige Medium, das mit diesem Phänomen kämpft, sagt Tamara Kapejeva.

"Die Klage-Summen sind nicht nach dem entstandenen Schaden ausgerichtet, sondern auf die Vernichtung des Mediums und des Journalisten. Und das ist gängige Praxis bei uns in letzter Zeit."

Angezündete Redaktionsräume und geköpfte Hunde

Kapejeva leitet die Organisation Adil Soz. Das ist kasachisch und heißt übersetzt ehrlich, gerecht. Sie dokumentiert Verstöße gegen die Pressefreiheit in dem zentralasiatischen Land.

"Kasachstan ist jetzt seit 24 Jahren unabhängig. Und nach unserer Beobachtung verschlechtert sich die Situation seit 15 Jahren stetig. In den Anfangsjahren, bis 1997, gab es so ein romantisches Aufblühen. Da gab es sehr viele unterschiedliche Medien."

Mittlerweile listet Reporter ohne Grenzen das Land auf Platz 160 von 180 möglichen. Die Medienlandschaft ist eintönig geworden. Unabhängige Medien gibt es nur noch eine Handvoll.

"Es wird von Jahr zu Jahr immer ein bisschen schlechter. Und der Höhepunkt war dann 2012 nach den Ereignissen in Zhanaozen."

Der Arbeiteraufstand in der Stadt Zhanaozen im Westen Kasachstans ist ein rotes Tuch für die Regierung. Dutzende Öl-Arbeiter hatten damals für höhere Löhne protestiert und wurden von Polizisten erschossen oder zu Tode geprügelt. Alle Medien, die darüber berichteten, wurden geschlossen. Auch Oksana Makushina und ihre Kollegen hat es getroffen.

Schließungen sind mittlerweile das kleinste Übel, finden die Journalisten. Vor allem, seit jemand ihre Redaktionsräume angezündet hat oder eines Morgens ein geköpfter Hund am Fenster hing.

"Daneben steckte ein Schraubenzieher in der Wand mit einem Zettel, auf dem stand: Ein nächstes Mal wird es nicht geben."

"Nakanune.kz" wird es wohl auch nicht mehr lange geben. Spätestens wenn die Strafe über 100.000 Euro bestätigt wird, muss die Online-Zeitung schließen. Was sie dann machen? Sie werden wohl einfach eine neue Zeitung eröffnen. Die Redaktion bastelt schon an einem neuen Namen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk